Finding Vivian Maier

| Pamela Jahn |

Ein Dokumentarfilm begibt sich auf Spurensuche und findet das Glück auf der Straße.

Am Anfang stehen die Bilder: Als der damals 26-jährige Immobilienmakler John Maloof 2007 bei einer Auktion in Chicago eine ganze Kiste voller Negative ersteigert, auf denen er historischen Stadtaufnahmen zu finden hofft, weiß er auf Anhieb: Er hat eine Entdeckung gemacht. Von Kunstfotografie versteht er nicht viel, aber diese faszinierenden Straßenaufnahmen aus den siebziger Jahren lassen ihm keine Ruhe. Nach vollständiger Sichtung des Materials veröffentlicht Maloof ein paar dieser Bilder im Internet und setzt damit eine Art Schneeball des allgemeinen Interesses in Gang, und mittlerweile gilt Vivian Maier als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der sogenannten „Street Photography”, oder, anders gesagt, als die wohl bekannteste unbekannte Fotografin der USA. Es gibt zahlreiche Ausstellungen, Bildbände – und jetzt eben auch einen Film.

Und dennoch: Das Sicherste, was man über die Person Vivian Maier sagen kann, ist, dass man, von gewissen Eckdaten einmal abgesehen, eigentlich fast nichts weiß. Oder zumindest nur sehr wenig. Denn Maier war vor allem eins: verschlossen. Ihr treuester ständiger Begleiter war ihre Rolleiflex-Kamera, mit der sie alles einfing, was ihr interessant genug erschien. Geboren 1926 in New York und 83 Jahre später unverheiratet, kinderlos und angeblich vereinsamt in Chicago verstorben, gilt Maier, die ihr Leben als Kindermädchen verbrachte, heute mehr denn je als Enigma. Und daran kann auch der Dokumentarfilm von John Maloof and Charlie Siskel nicht viel ändern, obwohl Maloof dafür durchaus gründlichste Feldforschung betrieben hat. Über die Jahre ist es ihm immerhin gelungen, Vivian Maiers komplettes Hab und Gut aufzustöbern: insgesamt über 150.000 Fotos und Negative auf unentwickelten Filmrollen, dazu Briefe, Rechnungen, Kleider und Hüte – was auch immer.

Aber mehr als lediglich um Fakten und Tatsachen geht es den Filmemachern in erster Linie um Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen. Und Finding Vivian Maier funktioniert immer dann am besten, wenn der Film kommentarlos Maiers Aufnahmen präsentiert beziehungsweise die Künstlerin in den wenigen kostbaren Tonaufnahmen, die es gibt, selbst zu Wort kommen lässt. Demgegenüber erscheint das offensichtliche Mitteilungsbedürfnis John Maloofs, der im Zuge seiner Entdecker- und Nachlassverwaltertätigkeit selbst zu fotografieren begann, oftmals störend und mitunter anmaßend, etwa wenn der Film gegen Ende suggeriert, dass Maier vielleicht nicht nur scheu, sondern auch verrückt oder mitunter sogar gewalttätig war. Die von Maloof und Siskel angeführten Beweise sind fadenscheinig. Solange er ganz konkret bei den Bildern bleibt,  hat der Film alles was er braucht – und wir auch.