Filmkritik

First Cow

| Pamela Jahn |
Kelly Reichardt erweist sich einmal mehr als Meisterin des sparsamen Erzählens.

Der Mensch braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Im Oregon des frühen 20. Jahrhunderts genügt einfaches Schmalzgebäck, um die Menschen in einen Zustand der kulinarischen Ekstase zu versetzen. Der Bäcker dieser delikaten Teigbällchen, die mit ein bisschen Honig und Zimt verfeinert noch besser schmecken, ist ein schüchterner Kerl namens Otis „Cookie“ Figowitz (John Magaro); sein chinesischer Einwanderer-Freund King Lu (Orion Lee) ist der kluge Kopf hinter dem Geschäft, das die beiden, wenn auch nicht ganz koscher, dafür aber ziemlich raffiniert, in einem schäbigen Goldgräberdorf betreiben. Denn um an die Milch heranzukommen, die Cookie zum Backen benötigt, melken sie heimlich jede Nacht die erste und einzige Kuh in der Gegend, die ein reicher englischer Kaufmann (Toby Jones) unlängst importieren ließ, um seinen Gästen guten Tee aus der Heimat mit frischer Milch servieren zu können. Als jedoch auch er, inzwischen Bürgermeister, von den Immigranten mit dem leckeren Gebäck erfährt und davon nicht minder bezaubert ist, bleibt den beiden zweckbedingten Ganoven nicht mehr viel Zeit, bis der Diebstahl und damit ihre Version des „American Dream“ auffliegt.

Kelly Reichardt braucht auch in ihrem neuen, zarten Kino-Kunststück nicht viel, um von den entscheidenden Dingen im Leben zu erzählen. Wie so viele ihrer Werke zuvor, ist auch First Cow ein Film über Freundschaft, den Trost, den sie bietet, und die Hoffnung auf ein anderes Leben – inszeniert ohne viel Aufsehen, aber dafür mit klugen, sparsamen Dialogen und der besonderen Fähigkeit, großes Drama auf kleinstem Niveau zu erzeugen. Darüber hinaus versteht es die vielleicht feinsinnigste Vertreterin des US-amerikanischen Independent-Films wie kaum jemand anderes, im 4:3-Academy-Format zu drehen, und damit nicht nur den Fokus auf das Geschehen zu schärfen, sondern vielmehr eine Tiefe und Sensibilität im Bild zu erzeugen, die stets auch das innige Verhältnis der Regisseurin selbst zu der mythischen Landschaft des amerikanischen Westens zum Vorschein bringen, in dem ihre Geschichten oft spielen. Insbesondere eine Liebe zu Oregon zieht sich durch ihre Filmografie – vom Drama Old Joy (2006) bis hin zu ihrem Frontier-Western Meek’s Cutoff (2010). Auch in First Cow nimmt sich Reichardt immer wieder Zeit und schafft Raum zum Verweilen in der Umgebung, während die meisterlich schlichte Handlung drumherum und mittendrin das ewige Tauziehen der Menschheit zwischen Not und Tugend, Freiheit und Kommerz, Vergangenheit und Gegenwart, Sehnsucht und Wirklichkeit verhandelt.