Meisterlicher Animationsfilm liefert beängstigenden Kommentar zur Gegenwart.
Eben schien die Welt noch in Ordnung. Doch dann flüchten in einer panischen Stampede die Tiere des Waldes vor stetig steigendem Wasser. Eine veritable Sintflut überschwemmt die Erde. Das Kätzchen kann sich gerade noch auf ein Boot retten: eine Dau, an deren Steuer ein schweigsames Wasserschwein steht. Bald kommt ein Hund dazu, dann ein Lemurenäffchen, schließlich schließt sich ein Sekretärsvogel an. Es ist ein zusammengewürfelter Haufen, unterwegs in einer vom Untergang verzauberten, farbenfrohen Welt. Der gesellige Hund stiftet Unfug, das Lemurenäffchen ist in sich selbst vertieft, der Sekretärsvogel hält Ausschau, während stoisch am Steuer das Schwein steht und das Kätzchen alle misstrauisch beobachtet. Mit der Zeit aber und im Bestehen von mancherlei Abenteuer wird aus der Notgemeinschaft eine Gruppe von Gefährten, die sich umeinander und füreinander sorgt.
Seit seiner Premiere im vergangenen Jahr beim Festival in Cannes, Sektion Un Certain Regard, ist Flow von Gints Zilbalodis auf dem Siegeszug; als Bester Animationsfilm erhielt der – nach Away (2019) – zweite Langfilm des lettischen Filmemachers zuletzt sowohl einen Europäischen Filmpreis als auch einen Golden Globe; mit einer Oscarnominierung ist zu rechnen.
Dass wir alle in einem Boot sitzen und Überleben nur gemeinsam geht, ist eine unaufdringlich und ohne Worte vermittelte Erkenntnis dieses in einer zwar menschenleeren, doch mit Leben erfüllten Welt angesiedelten, postapokalyptischen Märchens. Zudem besticht Flow mit einer Animationsweise, die schlafwandlerisch sicher auf dem schmalen Grat zwischen naturalistisch und abstrakt balanciert. Den Tieren sind ihre realen Vorbilder anzusehen und zu –hören. Die Behandlung der Oberflächen verzichtet jedoch auf Perfektion. So wähnen sich die Zuschauer mitunter in den Glitches, Rumpelkammern und an den unsauberen Rändern eines kostengünstigen Computerspiels, froh darum, dem Hyperrealismus und der Supersauberkeit gegenwärtiger 0815-CGI-Szenarien für einmal entkommen zu sein.
Auch sonst unternimmt Zilbalodis in Flow keine sentimentalen Manöver, um das Publikum emotional zu manipulieren und am Ende selbstmitleidiger Rührseligkeit zu unterwerfen. Vielmehr verlässt er sich auf dessen Vorstellungskraft und Vermögen zur Empathie. Mithin auf eben jene Potenziale, die uns vielleicht, wenn überhaupt etwas, noch retten können.
