Fragments of Kubelka

| Andreas Ungerböck |

Ein großer Filmemacher und Theoretiker – ein großartiges Porträt

Die großen Feierlichkeiten stehen noch an: 2014 wird Peter Kubelka, der legendäre Wiener Avantgarde-Filmemacher und Mitbegründer des Österreichischen Filmmuseums, 80 Jahre alt. Eine Art vorgezogenes Geburtstagsgeschenk, an dem er allerdings selbst tatkräftig mitgewirkt hat, ist dieser monumentale Dokumentarfilm von Martina Kudláček, der bei der vorjährigen Viennale im Gartenbaukino seine Premiere feierte.
Kudláček, die sich mit ihren minuziösen und doch sehr sinnlichen dokumentarischen Untersuchungen zur Filmgeschichte (u.a. mit Filmen über Alexander Hammid, Maya Deren und Marie Menken) einen Namen gemacht hat, nimmt sich in ihrer fast vierstündigen Arbeit nicht nur viel Zeit, um das Phänomen Peter Kubelka zu erforschen, sie gibt ihm auch viel Raum.
Das lässt sich schwer erklären, aber man sieht und hört es, der Film atmet es: Da hat jemand nicht bloß einmal rasch die Kamera auf das zu filmende „Subjekt“ gehalten, sondern die Filmemacherin hat in jahrelanger Arbeit einen gangbaren Weg gefunden, um sich dem Titanen (das Wort kommt einem unweigerlich in den Sinn) Kubelka auf Augenhöhe zu nähern, ihm zuzuschauen und vor allem zuzuhören. Doch bei allem Respekt und bei aller Distanz kann man auch die „Vibes“ spüren, die tiefe Sympathie zwischen Porträtistin und Porträtiertem, und genau darin liegt der Zauber dieses Films, der einen am Ende der 232 Minuten tatsächlich ungläubig auf die Uhr blicken lässt.
Kubelkas filmisches Werk, großteils aus den fünfziger und sechziger Jahren stammend, ist schmal, zusammen gerade einmal eine Stunde lang. Dennoch war und ist es richtungweisend für den Avantgardefilm – wie sein „Werbefilm“ Schwechater (1958), der den Verantwortlichen der Brauerei einiges Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte – und für das Kino im Allgemeinen. Es ist schön, dass man dieses Œuvre hier in seiner Gesamtheit, noch dazu vom Meister selbst kommentiert, sehen kann. Doch Kubelka ist ja mehr als „nur“ ein Filmemacher – er ist darüber hinaus ein Theoretiker und Visionär des Kinos, ein virtuos und ausufernd Vortragender, ein passionierter Koch – wie auch ein Ausschnitt aus einer Kochshow, die er vor langer Zeit in einem New Yorker Fernsehsender hatte, erweist – und ein akribischer Sammler.
Über all das spricht er hier ausführlich und mit großer Leidenschaft, übrigens in nahezu makellosem Englisch. Alle Facetten dieser faszinierenden und Persönlichkeit kommen in Martina Kudláček Film ausführlich zum Vorschein. Es ist – der demonstrativen Bescheidenheit im Titel widersprechend – ein überaus komplexes und vielschichtiges Porträt des großen Mannes geworden.