Mit einem geheimnisvollen Drama um die Wunden des Krieges und die Wunder der Lügen gelingt François Ozon sein stärkster Film seit Jahren. Der Regisseur im Interview über die Entstehungsgeschichte von „Frantz“, die historisch schwierige Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich und über seine Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Paula Beer.
Was bringt einen Franzosen dazu, Blumen auf dem Grab eines deutschen Soldaten niederzulegen? Der Erste Weltkrieg ist zwar vorüber, aber Deutschland und Frankreich sind 1919 noch stark verfeindet. Adrien schlägt folglich viel Hass entgegen, als er plötzlich in Quedlinburg, einem kleinen Ort im Harz, auftaucht. Auch die Eltern des Gefallenen gehen auf Distanz zu dem Fremden, bis sie erfahren, dass er ein enger Studienfreund ihres Sohnes war. Mit seinen Erinnerungen an Frantz, mit dem er gemeinsame glückliche Jahre in Paris verlebte, beschert der Schöngeist den alten Leuten und Anna, der Verlobten des Verstorbenen, großen Trost, ihre Trauer macht aus ihnen innige Freunde. Ihnen verbieten sich freilich die Gedanken, die sich allmählich beim Zuschauer festsetzen könnten, ob da nicht mehr war zwischen Adrien und Frantz – eine heimliche Liebe? Aber das erweist sich als falsche Fährte, Adrien hat ein anderes Geheimnis.
Mysteriöse Stimmungen zählten schon immer zu den Spezialitäten François Ozons, man denke an Werke wie Sous le sable (Unter dem Sand, 2000), Swimming Pool (2003) oder Dans la maison (In ihrem Haus, 2012). Mit Frantz, einer Replik auf Ernst Lubitschs Drama Broken Lullaby (Der Mann, den sein Gewissen trieb,1932), belegt Ozon nun, dass er auch in einer universalen Geschichte um Verlust, Schuld und Vergebung brillant mit düsteren Elementen zu spielen vermag. Sie offenbaren sich in unspektakulären Details, etwa auch in der Kunst. Adrien erwähnt ein Bild, das er fasziniert mit Frantz lange im Louvre betrachtet haben will, das Porträt eines Mannes von Edouard Manet. Seinen lasziven Beschreibungen nach stellt man es sich romantisch vor, aber nein, später stellt sich heraus, gemeint war das Bild „Selbstmörder“.
Eben darum geht es auch: um die Lüge in ihrer Ambivalenz zwischen unheilstiftender und heilsamer Kraft. Unmerklich rückt Anna, die Entscheidendes verschweigt, damit aber bewirkt, dass die Eltern von Frantz ihren inneren Frieden finden, mehr und mehr ins Zentrum des Films. Paula Beer, in Venedig verdient als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet, spielt sie nuancenreich als eine Frau, die ihren Weg und ihre Eigenständigkeit finden muss. Bei ihren Landsleuten, die sich am Stammtisch zusammenrotten und patriotische Lieder anstimmen, fühlt sie sich ebenso wenig aufgehoben wie bei den gleichso nationalstolzen Franzosen, die bloß elegantere Lebensformen pflegen und die Marseillaise singen. Zwar bewegt sich Ozon mit solchen Genrebildern dicht am Klischee, weil diese jedoch nur als historische Kulisse dienen, fällt das nicht ins Gewicht. Mit schwarzweißen Bildern von kühler Eleganz, sparsamen Dialogen und der passenden Musik bietet Frantz bei alledem ästhetisch anspruchsvolle, poetische Filmkunst.
Interview ~ Thomas Abeltshauer
Monsieur Ozon, Sie sind immer wieder für Überraschungen gut. Nach so vielen Jahren und Interviews mit Ihnen, entpuppen Sie sich jetzt auch noch der deutschen Sprache mächtig.
Ich kann ein bisschen Deutsch sprechen, aber nicht so gut. Es war meine erste Fremdsprache in der Schule. Als Kind konnte ich es recht gut, aber ich habe das Meiste vergessen. Lassen Sie mich also doch lieber französisch antworten. Beruflich ist neben meiner Muttersprache vor allem Englisch wichtig, also kam ich mit meinem Deutsch etwas aus der Übung. Aber durch Frantz kam es wieder zurück. Vor allem bei der Arbeit mit den Schauspielern habe ich oft Deutsch gesprochen, auch wenn ich manchmal Hände und Füße einsetzen musste, um mich verständlich zu machen.
War es auch die Sprache, die Sie an „Frantz“ interessiert hat? Oder lag es eher an dem Theaterstück von Maurice Rostand, das schon Vorlage für Ernst Lubitschs „Broken Lullaby“ aus dem Jahr 1931 war?
Was mich ganz zu Anfang antrieb, war der Wunsch, einen Film über die Lüge zu machen. Das hat mich lange beschäftigt, weil ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, die von „Wahrheit“ und Transparenz geradezu besessen ist. Und ich war auf der Suche nach einer Geschichte, die dazu passt. Ein Freund machte mich dann auf das Stück von Rostand aus den zwanziger Jahren aufmerksam, das nahezu in Vergessenheit geraten war. Ich war begeistert, bis ich feststellte, dass Lubitsch es bereits Anfang der Dreißiger adaptiert hatte und ich wollte schon aufgeben. Aber dann sah ich mir den Film doch an und stellte fest, dass er genau das Gegenteil davon macht, was mich interessierte. Meine Idee war, die Perspektive der Frau einzunehmen und mit den Deutschen an einer Seite zu stehen, statt wie bei Lubitsch die Geschichte aus Sicht des französischen Ex-Soldaten zu erzählen. Meine Adaption unterscheidet sich also stark, sowohl vom Film als auch vom Theaterstück.
Was genau hat Sie an diesem Perspektivwechsel gereizt?
Ich dachte, es wäre für den Zuschauer spannender, ebenso wie das Mädchen nicht zu wissen, was das Geheimnis des Franzosen ist. Bei der Vorlage und auch bei Lubitsch weiß man von Anfang an Bescheid, es entstehen keine Zweifel und es gibt keine Möglichkeit, sich vorzustellen, was wohl passiert sein könnte zwischen Frantz und Adrien. Und ich bevorzuge eh die Perspektive der Frau, das ist in den meisten meiner Filme so. Mir gefiel, dass auch sie Dinge für sich behält und lügt, um damit Gutes zu bewirken.
Diese Gedankenspiele, was zwischen den beiden Männern passiert sein könnte, sind sehr vielschichtig und es werden im Film immer wieder neue Fährten gesetzt, die dann nicht aufgelöst werden oder ins Nichts führen, etwa die Frage, ob sie mehr als Freunde waren.
Das war natürlich alles nicht im Theaterstück. Aber der Autor war homosexuell, allerdings nicht öffentlich, und es ist interessant, diesen Subtext herauszukitzeln und mit dieser Idee zu spielen. Am Anfang hält man es für eine schwule Liebesgeschichte, dann nicht mehr, am Ende ist man sich dann aber auch darüber gar nicht mehr so sicher. Dieses Spiel mit den Erwartungen gefällt mir.
Diese deutsche Perspektive hat aber auch eine politische Dimension, nicht wahr?
Natürlich hat mich die Herausforderung interessiert, mich auf die deutsche Seite zu stellen. Es gibt in Frankreich wirklich viele Filme über den Ersten Weltkrieg, aber nie aus dem Blickwinkel der Deutschen. Und wenn sie auftauchen, sind sie immer nur die Bösen. Aber es geht ja um Nationalismus auf beiden Seiten und das wollte ich einmal aus deutscher Perspektive zeigen.
Welche Reaktionen erwarten Sie?
Ich hoffe schon, dass ich damit ein bisschen die Einstellung der Franzosen gegenüber den Deutschen ändern kann. In meiner Heimat herrscht nach wie vor eine gewisse Distanz, während mir die Deutschen offener und neugieriger uns gegenüber erscheinen. Und für mich ist es kein rein historischer Film, der nur von der Zeit um 1918/19 handelt, sondern auch unsere derzeitige Situation reflektiert. All die Themen, die uns in Europa gerade umtreiben: die Flüchtenden, die aufsteigenden Nationalismen, Brexit … Und hier geht es um zwei Länder, die Feinde waren und Brüder sein sollen.
Die Krisensituation damals führte schließlich zum Zweiten Weltkrieg. Sehen Sie Parallelen zu heute?
Nicht wirklich. Aber es stimmt natürlich, dass es in Frankreich und vielen anderen Ländern Europas eine Obsession über die nationale Identität gibt. Es herrscht wieder eine sehr manifeste Angst vor Ausländern, vor Überfremdung. Es werden wieder Grenzen hochgezogen, die wir längst für überwunden hielten. Ich sehe Frantz nicht als politischen Film, aber ich wollte schon zeigen, wie viel wir gemeinsam haben. Was Frantz und Adrien verbindet, ist die Kultur, die Musik, das sind die Gedichte von Verlaine und Rilke, ein Gemälde von Manet. Bildung oder einfach die Sprache des anderen zu sprechen, sorgt schon für eine Form von Verbrüderung.
Existiert dieses Bild der Brüderschaft, das Sie ansprechen, denn auf beiden Seiten? Ist das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland mehr als eine Freundschaft?
Historisch gesehen ist es für die Franzosen natürlich sehr schwer, die Deutschen als Brüder zu sehen, dafür wurden sie zu oft von ihnen besetzt. Die Deutschen sind allenfalls Cousins. Was die beiden Länder heute wieder enger aneinanderzurücken scheint, ist die gemeinsame Angst vor dem Fremden. Man hat nicht mehr Angst voreinander, sondern Angst vor dem Islam, den Syrern, dem Fremden. Und das verbindet sie auf eine sehr seltsame Art und Weise.
Welche Erinnerungen haben Sie aus Ihrer eigenen Familie an den Ersten Weltkrieg?
Mein Urgroßvater starb im Ersten, mein Großvater im Zweiten Weltkrieg. Wir haben also eine Tradition toter Männer in unserer Familie. Aber es wurde nie viel darüber geredet. Bei den Vorführungen in Frankreich haben sich bei den Publikumsgesprächen vor allem ältere Leute gemeldet. Eine Frau etwa erzählte von ihrem Großvater, der im Ersten Weltkrieg im Schützengraben plötzlich einem deutschen Soldaten gegenüberstand, der so jung war wie er selbst und Fotos seiner Kinder dabei hatte. Es hat in den Gräben immer wieder Verbrüderungen gegeben, neben all dem Schrecken und Grauen des Krieges. Ich glaube, der Erste Weltkrieg ist in Frankreich ganz anders aufgearbeitet als in Deutschland, man hat ein ganz anderes Bild davon. Was auch daran liegt, dass der Krieg auf französischem Boden stattfand, auf den Schlachtfeldern im Norden und Osten des Landes.
War es in Ihrer Familie Thema, als Sie als Jugendlicher beschlossen, Deutsch zu lernen?
Im Gegenteil. Mein Vater ist Biologe und kam als junger Mann für ein Praktikum nach Hamburg, wo er einen jungen deutschen Kollegen kennen lernte. Sie freundeten sich an und als sie später Familien gründeten und jeweils vier Kinder hatten, wurden auch wir Freunde. Meine erste Auslandsreise mit sechs oder sieben war nach Hamburg, wie Adrien kam ich damals in eine deutsche Familie und sprach noch kein Wort Deutsch. Nur hatte ich damals noch keine Geheimnisse.
Gedreht haben Sie nun in Ostdeutschland, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Welche Eindrücke haben Sie von der Gegend?
Man findet dort vor allem tolle Kulissen, weil die Sozialisten wohl nicht viel Geld für Renovierungen hatten. In Orten wie Quedlinburg, Wernigerrode und Görlitz, wo wir drehten, ist Vieles noch im Original erhalten. Das war für mich als Filmemacher natürlich ein Traum.
Ihre Hauptdarstellerin Paula Beer ist eine Entdeckung. Man kennt die 21-jährige zwar aus ein paar deutschen Filmen, aber erst bei Ihnen kann Sie ihr Potential als Filmstar zeigen. Was ist Ihr Geheimnis bei der Inszenierung von Schauspielerinnen?
Oh, danke. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber es war schon ein Wunder, sie zu finden. Ich habe wahnsinnig viele deutsche Schauspielerinnen getroffen und ich hatte so ein Klischee im Kopf, wie wahrscheinlich viele Franzosen, ein kleines, süßes Ding wie Romy Schneider in Sisi zu finden. Mir hat an Paula Beer nicht nur gefallen, wie photogen sie ist, sondern auch welch unglaubliche Reife sie hat, dabei war sie bei den Dreharbeiten erst 20. Mir war wichtig, dass sie nicht mehr so kindlich wirkt, dass man ihr ansieht, wie viel sie in ihren jungen Jahren schon erlebt hat. Und wo wir schon bei Klischees sind, verrate ich Ihnen zum Schluss noch eins: Wir Franzosen denken, alle deutschen Mädchen müssten blond sein. Da Paula brünett ist, habe ich sie nach Frankreich gebeten und sie blondieren lassen. Und das wirkte plötzlich gar nicht mehr. Als ich sie etwas zerknirscht bat, sich noch einmal die Haare mit ihrem natürlich Ton zu färben, meinte sie nur: ‚Ja, klar, kein Problem.’ Da wusste ich, dass sie nicht nur die Richtige ist, sondern dass wir auch prima miteinander auskommen werden.
