Franziska Weisz – Der Taucher

Der Taucher | Interview

Das Eisen geschmiedet

| Jörg Schiffauer |
Franziska Weisz zählt seit geraumer Zeit zu den markantesten Gesichtern des österreichischen Films. Mit ihrem neuen Film „Der Taucher“ stellt sie wieder einmal unter Beweis, warum das so ist.

Bereits ihr Leinwanddebüt grub sich im Gedächtnis ein. In Ulrich Seidls mehrfach ausgezeichnetem Hundstage (2001) beeindruckte Franziska Weisz in der Rolle einer jungen Frau, die von ihrem Freund aufs Gröbste malträtiert wird. Doch sie unterbrach die eben erst so vielversprechend beginnende – Michael Haneke hatte sie zudem für eine Rolle in Die Klavierspielerin verpflichtet – Schauspielkarriere, um in England ein Studium zu absolvieren. Nach ihrer Rückkehr knüpfte sie an ihren erfolgreichen Erstauftritt mit der Hauptrolle in Jessica Hausners Mystery-Paraphrase Hotel nahtlos an. Bald schon folgten Rollen bei festen Größen des heimischen Filmschaffens wie Michael Glawogger und Andreas Prochaska. Neben zahlreichen Fernseharbeiten drehte Franziska Weisz auch mit prononcierten Vertretern des deutschen Autorenkinos wie Dietrich Brüggemann (in Renn, wenn du kannst und Kreuzweg) oder Benjamin Heisenberg (in der deutsch-österreichischen Koproduktion Der Räuber, der die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des berüchtigten
Serienbankräubers Johann Kastenberger alias „Pumpgun-Ronnie“ aufgreift). Spätestens seit sie in der Reihe Tatort die Rolle der Polizistin Julia Grosz übernommen hat und dabei mit Wotan Wilke Möhring eines der spannendsten Ermittler-Teams bildet, zählt Franziska Weisz auch in Deutschland zu jenen Schauspielerinnennamen, die allseits bekannt sind.

Ihre schon oft erprobte Vielseitigkeit als Darstellerin zeigt sie erneut in Der Taucher, in dem Regisseur und Drehbuchautor Günter Schwaiger ein höchst brisantes Thema verhandelt. Franziska Weisz verkörpert dabei mit der für ihre Spielweise so typischen unprätentiösen Eindringlichkeit Irene, eine ebenso kluge wie selbstbewusste Frau, die mit ihrer 18-jährigen Tochter Lena auf Ibiza lebt und dort eine Boutique betreibt. Nach dem Krebstod ihres Mannes hat Irene Paul kennen gelernt, einen Klassik-Musiker und Komponisten. Doch die Beziehung mit dem erfolgreichen und renommierten Künstler findet ein unerwartetes Ende, als Paul Irene schwer misshandelt. Nach einiger Zeit allerdings kehrt Paul mit seinem Sohn Robert zurück, um wieder sein luxuriöses Anwesen unweit von Irenes Haus zu beziehen. Obwohl sie ein Kontaktverbot erwirkt hat, beginnt Paul sich seiner Expartnerin wieder anzunähern – er möchte Irene um jeden Preis dazu bringen, ihre Strafanzeige zurückzuziehen, weil ein Prozess, der ihn als Schläger bloßstellen würde, seiner Karriere schaden könnte. Damit setzt sich jedoch ein verhängnisvoller Mechanismus in Gang, in den letztlich nicht nur die beiden Protagonisten, sondern auch deren Kinder verstrickt werden.

 


Interview

Franziska Weisz im Gespräch über die Arbeit an ihrem neuen Film, den ungewöhnlichen Beginn ihrer Karriere und darüber, wie sie ihre Rollen auswählt.        

Das Thema von häuslicher Gewalt wird in „Der Taucher“ anhand eines großbürgerlichen, gebildeten Milieus abgehandelt, was auf den ersten Blick etwas überraschend erscheint.
Das war ganz bewusst so gewählt, weil in der breiten Öffentlichkeit immer noch das Klischee vorherrscht, dass vor allem die Ausländer und die sozial Schwachen ihre Frauen schlagen – und das stimmt einfach nicht. Das ist natürlich auch eine Art und Weise der Gesellschaft, sich reinzuwaschen, es gibt da ganz harte Zahlen, die besagen, dass die Entwicklung – auch was extreme Fälle wie die Morde an Frauen durch Ehemänner oder Ex-Freunde angeht – nicht rückläufig ist. Wenn man solche Zahlen sieht, tendiert die Gesellschaft dazu, sich zu distanzieren und erst einmal alles – da ist Österreich mit seinen rechtskonservativen Tendenzen ohnehin recht gut – den Randgruppen hinüberzuschieben. Der Taucher hat ganz bewusst dieses Setting  – er ist Künstler, intellektuell, reich und hat wahnsinnig viel zu verlieren, denn wenn die Frau die Anzeige nicht zurückzieht, bedeutet das einen Einbruch in seiner Karriere, das baut natürlich Druck auf. Die Psychologin, die Regisseur Günter Schwaiger beraten hat, fand dafür ein treffendes Bild: Im Gemeindebau sind die Wände dünn und die Nachbarn nahe dran, da hört man, wenn der Mann seine Frau schlägt. In der Villa auf der Anhöhe dagegen kann der Mann seine Frau halb totschlagen, und niemand wird es mitbekommen. Je höher in der sozialen Rangordnung so etwa passiert, desto mehr wird es totgeschwiegen.

Herrscht da unter bürgerlichen, gut gebildeten Menschen eine besondere Tabuisierung?
Manche dieser Männer, die ihre Frauen geschlagen haben, sagen dann etwa „Ja, das ist mir passiert, aber ich bin ja kein Frauenhasser, sie hat mich hat wirklich provoziert.“ Man schiebt die Tat damit von sich weg, weil das bürgerliche, intellektuelle Milieu ja auch mit dieser ganzen Körperlichkeit nichts zu tun haben will. Schlagen ist ja etwas sehr Körperliches, und das passt in einen intellektuellen Haushalt noch viel weniger hinein als zu dem Klischeebild von dem Typen im gerippten Unterhemd, der seine Frau prügelt. Das Problem beschränkt sich aber nicht nur darauf, es ist nur für Männer aus gutbürgerlichen Kreisen noch peinlicher, weil man dieses Verhalten nicht von ihnen erwartet hätte – und sie mehr zu verlieren haben.

Es wird aber auch ganz deutlich, wie schwer es manchmal ist, sich aus so einer Beziehung emotional vollständig zu lösen.
Das ist einer der Gründe, warum wir diese Geschichte erzählt haben, und zwar an diesem ganz bestimmten Punkt, nämlich in der Zeit nach dem Übergriff. Irene hat ihn bereits angezeigt, hat sich aber trotzdem noch nicht emanzipiert. Deswegen gibt es auch ein Annäherungsverbot, nicht weil der Mann gleich wieder gewalttätig werden würde, sondern auch um Frauen vor sich selbst zu schützen, damit sie sich nicht wieder auf den Mann einlassen. Denn natürlich wird der auf jede mögliche Art und Weise versuchen, sie dazu zu bringen, die Anzeige zurückzuziehen. Ein solcher Mann wird sie nicht sofort wieder bedrohen, sondern es zunächst auf die nette Art probieren. In Spanien ist die Gesetzeslage übrigens viel schärfer. Wenn da eine Frau ihre Anzeige zurückzieht, wird gegen sie wegen Falschaussage ermittelt, der Druck ist damit vorhanden, dabei zu bleiben. Die Beziehung, von der wir in Der Taucher erzählen, ist allerdings bereits eskaliert. Es ist ja nicht so, dass nachdem sich ein Mann und eine Frau begegnet sind, er sie gleich in der ersten Woche der Beziehung verprügelt. Das ist ein langsamer Prozess, in dessen Verlauf er ihr oft am Anfang die Welt zu Füßen legt. Das ist aber auch die Gefahr dabei, wenn jemand über kein natürliches Selbstwertgefühl verfügt und sich dieses von außen holt. Wenn das entzogen wird – das kann mit ein paar harmlosen Sticheleien beginnen –, setzt sich eine teuflische Spirale in Gang. Die Frau fühlt sich dabei schlecht, weil sie aber den Mann liebt, versucht sie ihm wieder gerecht zu werden und ihm vieles recht zu machen. Doch dadurch verliert man immer mehr an Respekt. Da beginnt dann oft die psychische Gewalt, wenn ein Mann seine Frau immer wieder heruntermacht und sie sich das Monat für Monat gefallen lässt – das ist ein schleichender Übergang, und irgendwann schlägt er zu. Das geschieht auch mit Irene, dieser Mann hat irgendetwas ihn ihr bewegt, das kann man nicht so einfach abschalten, sie ist ihm da auch in gewisser Weise hörig. Das ist auch der Grund, warum Frauen oft jahrelang bei ihren schlagenden Männern bleiben, weil sie dazwischen immer wieder denken, das sei jetzt der letzte Ausbruch von Gewalt gewesen. Sie will ja, dass es wieder so wird, wie am Anfang der Beziehung, wo sie sich glücklich gefühlt hat, doch der Zug ist abgefahren, das wird nicht mehr so sein. Ich fand das auch eine wahnsinnig wichtige Sequenz in Der Taucher, wo diese Problematik aufgezeigt wird.

Die beiden Kinder der Protagonisten, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen, wirken da mit ihren Blick von außen auf wie ein Korrektiv.
Diese Konstellation ist wirklich wichtig, die Kinder sind dabei ein solches Korrektiv, zeigen aber auch auf, wie Gewalt in der Familie sich auswirkt. Da sind alle in dieser Spirale gefangen, nicht nur, wie in unserem Fall, die Frau als Opfer und der Mann als Täter, auch die Kinder sind dabei Opfer. Die Tochter musste mitansehen, wie ihre Mutter geschlagen wurde, dass muss ein Kind – auch wenn sie, wie die Figur in Film, nicht fünf Jahre alt, sondern schon ein Teenager ist – ja völlig traumatisieren. Anhand der Tochter, die ihr Trauma aufbricht, zeigt sich auch das Aufbäumen, der Widerstand, mit der sie dieser Katastrophe begegnet, sie will ja ihre Mutter um jeden Preis da herausholen. Die andere Seite wird von dem Sohn des ehemaligen Lebensgefährten von Irene repräsentiert, der diese Gewalt verdrängt und die Aggression gegen sich selbst richtet. Daran zeigt sich, wie Gewalt auch vererbt wird. Es ist unsere Aufgabe, dass dies eben nicht passiert und solche Dinge zur Sprache gebracht und reflektiert werden, damit die Gewalt nicht von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Regisseur Günter Schwaiger hat bislang vornehmlich im Dokumentarfilmbereich gearbeitet. Hat sich das auf seine Arbeitsweise ausgewirkt?
Interessanterweise überhaupt nicht. Es wurde nicht improvisiert, wir haben die Änderungen, die an den Dialogen vorgenommen wurden, ausführlich diskutiert, wir haben sehr drehbuchgetreu gearbeitet. Unser Kameramann David
Azcano kommt dazu gar nicht aus der Dokumentarschiene, er hat schon einige tolle Spielfilme in Spanien gemacht. Wir haben sehr genau nach Drehbuch gearbeitet, da wird sogar bei manchem Tatort, den ich gedreht habe, mehr improvisiert.

Ihre Karriere hat mit einer Rolle in Ulrich Seidls „Hundstage“ begonnen, allerdings auf eher unkonventionelle Weise. Wie kam das?
Schauspiel war mein unangefochtener Kindheitstraum, allerdings komme ich aus einer Familie, die der Film- und Medienwelt ferner nicht sein könnte, ich wusste gar nicht, dass es so etwas wie das Reinhardt-Seminar überhaupt gibt. Theater hat mich aber auch nicht interessiert, Film war mein Schwerpunkt. Ich dachte damals auch, als Schauspielerin wird man geboren und irgendwann entdeckt. In den neunziger Jahren gab es etwa Milla Jovovich, die als Model begonnen hat und dann Schauspielerin geworden ist. Ich dachte, ich werde Model und dann bei Werbejobs Filmleute kennen lernen – und absurderweise hat das ein Stück weit tatsächlich so funktioniert. Die Agentur, bei der ich schließlich gelandet bin, war auch im Bereich Komparsen und Kleindarsteller aktiv, die haben mich dann zu einem Casting für Kommissar Rex zu Markus Schleinzer geschickt, der bekanntermaßen für Michael Haneke, Ulrich Seidl, Barbara Albert und Jessica Hauser besetzt hat. Birgit Minichmayer, Georg Friedrich und Maria Hofstätter sind ja auch Markus-Schleinzer-Entdeckungen. Er hat mich bei diesem Casting gesehen und mit mir dann einen Text improvisiert, wobei er schon die Rolle der Klaudia in Hundstage im Hinterkopf hatte. Nach einem halben Jahr wurde ich dann zu weiteren Castings für diese Rolle eingeladen, da kam dann auch Ulrich Seidl dazu, und so bin ich quasi hineingerutscht. Die einzige Erfahrung, die ich hatte, waren in der Tat diese Castings. Die Dreharbeiten fanden im Sommer nach meiner Matura statt, ich hatte mich davor schon in England für ein Studium beworben, das ich auch begonnen habe, weil ich der Sache mit dem Film nicht ganz getraut habe. Schon während meines Studiums hat Jessica Hausner Hotel geschrieben, tatsächlich mit mir im Hinterkopf für die Hauptrolle, weil sie mich in Hundstage gesehen hatte.  Nachdem ich vier Jahre später mein Studium der Entwicklungs- und Umweltpolitik abgeschlossen hatte, war meine einzige Gewissheit, dass Jessica Hausner nun mit mir in Österreich Hotel drehen würde. Ich dachte: Schmiede das Eisen, solange es heiß ist. Das Thema Film konnte ich nicht ein paar weitere Jahre lang verschieben – und das hat dann funktioniert. Ich habe sporadisch immer wieder ein Stimmcoaching absolviert oder den einen oder anderen Workshop, aber ich habe nie eine Schauspielschule besucht.

Was sind denn Ihre entscheidenden Kriterien bei der Auswahl ihrer Rollen?
Ich erlaube mir nach wie vor den Luxus, nur die Dinge zu spielen, auf die ich Lust habe und die mir Spaß machen, „Take the money and run“ habe ich beim Drehen nie gemacht. Ich lese das Drehbuch, und wenn das etwas mit mir macht, sage ich zu. Grundsätzlich suche ich nach Rollen, die ich bislang noch nicht gespielt habe. Auch wenn ich etwas gut gemacht habe, möchte ich nicht unbedingt anschließend fünf solche gleichen Rollen spielen. Mich interessiert grundsätzlich das Leben, in das ich da hineinschlüpfe und etwas zu erzählen, das einen Mehrwert hat. Im Fall von Der Taucher habe ich von Anfang an, schon beim Casting, um diese Rolle gekämpft, weil ich da etwas erzählen kann, das relevant ist und weil die Rolle wirklich schön ist. Als Schauspielerin leckt man ja auch Blut, wenn man eine Szene liest, von der man denkt: „Das wollte ich immer schon machen“.

Seit 2015 spielen Sie in der Reihe „Tatort“ die Ermittlerin Julia Grosz. Hat dieses höchst populäre Format mittlerweile ein wenig den Platz des qualitativen Genre-Kinos eingenommen?
Das Kino hat ja leider zu kämpfen, und ich weine sehr darum. Das Kinosterben ist ja nicht nur hierzulande ein Thema, sondern überall. Selbst wenn man Förderung bekommt und einen schönen Independent-Film auf die Beine stellen kann, läuft der ja oft fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was wirklich grauenvoll ist. Da würdigen Österreich und Deutschland ihre eigenen Filme nicht genug, im Gegensatz zu Frankreich etwa. Da finde ich Ideen gut, wie etwa Tickets für österreichische Filme billiger zu machen als jene von Blockbuster-Produktionen, damit man mit denen nicht direkt konkurrieren muss. Das Fernsehen hat da in der Tat auch eine neue Rolle eingenommen. Der Tatort ist dabei zu einem Flaggschiff geworden, weil er sich mittlerweile traut, experimentierfreudig zu sein, sehr filmisch ist – und diesen Anspruch auch erhebt. Die Reihe ist ja auch für Regisseure eine Art Ritterschlag, wo man sich beweisen kann. Der Tatort traut auch dem Zuschauer etwas zu und hat trotzdem eine Megaquote. Ich denke, das ist auch der Nachweis, dass sich Anspruch und Qualität durchsetzen. Es war nie mein Ziel, Tatort-Kommissarin zu werden, aber als es die Gelegenheit gab, an der Seite von Wotan Wilke Möhring – in seinem Tatort – die Kommissarin zu sein, habe ich sofort zugesagt. Wotan ist ein ausgezeichneter Schauspieler, eine wichtige Kino-Persönlichkeit, die Tatorte, die er bislang gemacht hat, sind sehr cineastisch. Es sind ja auch versierte Kino-Regisseure wie Özgür Yilderim, Lars Henning, Thomas Stuber, Mia Spengler oder Stephan Rick, die unsere Tatorte inszenieren, da fühle ich mich sehr gut aufgehoben.