Filmstart 17. Dezember

Frau im Dunkeln

| Pamela Jahn |
Packende Charakterstudie einer Frau, mit Starbesetzung

Ob Komödie oder Drama, Thriller oder Kinder-Zeichentrickserie, es gibt keine Rolle, in der Olivia Colman nicht hundert Prozent gibt – und entsprechend liefert. Auf die britische Ausnahmeschauspielerin ist Verlass. Das hat sich wohl auch Maggie Gyllenhaal gedacht, als sie Colman für die Hauptrolle in ihrem Regiedebüt verpflichtete. Sie spielt die leicht empfindliche Leda Caruso, eine Professorin im mittleren Alter, die zu einem Arbeitsurlaub nach Griechenland gekommen ist. Sie will ihre Ruhe haben, während am Strand ausgelassene Badestimmung herrscht.

Für Leda hat das Meer außer einer schönen Ansicht jedoch herzlich wenig zu bieten. Sie bleibt lieber auf dem Trocknen, sitzt alleine an der Bar und ist auch sonst nicht an Gesellschaft interessiert. Etwas hat Leda verbittert, fast versteinert. Die Vergangenheit sitzt ihr wie ein Geist im Nacken und droht schließlich über sie hereinzubrechen, als sie unverhofft auf Nina (Dakota Johnson) trifft, eine junge Mutter, die mit ihrer temperamentvollen Tochter ebenso zu kämpfen hat wie mit ihrem Partner und dessen extrovertierter Großfamilie.

The Lost Daughter ist eines dieser geheimnisvollen, fast unheimlichen psychologischen Dramen, die sich nicht im Düstern abspielen, sondern unter strahlendem Sonnenhimmel. Bald erfährt der Zuschauer, dass Leda ebenfalls Mutter zweier Töchter ist, die sie, ebenfalls viel zu jung, während des Studiums großgezogen hat. Kurze Rückblenden, in denen eine hervorragende Jessie Buckley die junge Leda verkörpert, lassen erahnen, dass hier etwas im Argen liegt.

Gyllenhaal, die auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert ihre Verfilmung von Elena Ferrantes Roman als feine und zugleich störrische Charakterstudie einer Frau, die sich und ihre Mutterrolle in Frage stellt, nachdem das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Immer wieder betont Leda, dass sie nicht zur Erholung in den Süden gefahren ist, nicht. Die Schuld sitzt tief und noch tiefer der Schmerz. Sie muss arbeiten, muss weitermachen, weil es nichts mehr gutzumachen gibt. Weil sie es nicht wieder gut machen kann.

Auch Männer kommen vor in diesem Film, allen voran Ed Harris in einer trefflichen Nebenrolle, aber das Zepter hält Colman fest in der Hand. Sie ist die Heldin und die Märtyrerin in dieser modernen griechischen Tragödie, und Gyllenhaal überträgt diese Mehrdimensionalität ihrer Protagonistin hervorragend auf die Leinwand. Keine Figur ist auf eine Rolle festgelegt: Identitäten, Werte und Normen, alles scheint unter der gleißenden Sonne zu schmelzen. Zu Recht wurde die Regisseurin beim Filmfestival in Venedig mit einem Silbernen Löwen geehrt.