Der kambodschanisch-französische Filmemacher Davy Chou ist mit seinem zweiten Spielfilm „Return to Seoul“ auf bestem Weg, sich im internationalen Autorenkino zu etablieren.
Er ist selbst ein Rückkehrer. Schon bevor seine Karriere als Regisseur und Drehbuchautor international so richtig Fahrt aufnahm, begann sich der in Frankreich geborene Davy Chou der Arbeit an Film auch abseits der eigenen Autorenwerke voll und ganz zu verschreiben: Anfang der Zehnerjahre wurde der Enkel eines bekannten Filmproduzenten aus Kambodscha zu einer treibenden Kraft in der Aufarbeitung der kambodschanischen Filmgeschichte und schultert so ein vages Erbe seines Großvaters. 2009 widmete sich die von ihm kuratierte neuntägige Ausstellung „Golden Reawakening“ dem „goldenen Zeitalter“ der Sechziger und frühen Siebziger. Mit der vollständigen Machtergreifung der Roten Khmer 1975 fand das Kinoschaffen des Landes ein jähes Ende. Auf 350 bis 400 Filme dieser Periode schätzte Chou das Ausmaß, gefunden habe man gerade einmal 33. Fast unumgänglich, dass sich sein erster Langfilm eben diesem Thema widmet: die Dokumentation Golden Slumbers (2011). Chou blickt jedoch nicht nur zurück, sondern auch vorwärts. So setzt sich die von ihm und zwei Kollegen (Steve Chen und Kavich Neang) 2014 ins Leben gerufene Produktionsfirma Anti-Archive, mit der Chou auch seinen neuesten Film selbst koproduziert hat, die Unterstützung junger Independent-Filmschaffender Kambodschas zum Ziel. All dieses Wissen und dieser Drang, tiefer in überlieferte cineastische Kultur und damit einhergehend in eine Zukunft zu blicken, wirkt natürlich in den Spielfilmen Davy Chous weiter – diese als künstlerischen Output von jemandem zu begreifen, der die Dynamik zwischen Kino, Gesellschaft und Erinnerung seit Anbeginn äußerst aktiv beforscht, macht sie noch eindringlicher verständlich und schlicht noch besser.
Unverhofftes Wiedersehen
Return to Seoul beginnt, personifiziert in der Protagonistin Freddie, auf die die Kamera definitiv gerichtet bleibt, ohne sie je völlig zu durchblicken, in großer Offenheit: Eine Ankunft einer jungen Frau in einem Gästehaus; die Ankommende realisiert, dass die Rezeptionistin auch Französisch spricht; ein freundschaftliches Abendessen in einem Restaurant. Alles wie zufällig, ohne Plan – wie Freddie später auch selbst über diese Reise nahelegen wird. Dann ein entscheidender Hinweis für die Besuchende, von der klar wird, dass sie adoptiert wurde und ihre biologischen Wurzeln in Südkorea liegen: Falls sie ihre leiblichen Eltern ausfindig machen möchte, gäbe es eventuell die Möglichkeit dazu. Kurzerhand sucht Frédérique – so der Reisepass-Vorname – das Adoptionszentrum Hammond auf und wird tatsächlich über ein mögliches Prozedere informiert, wie ihre Mutter und ihr Vater kontaktiert werden können. Als sich ihr Vater rasch darauf per Telefonanruf meldet, ist ihr Gesicht schlagartig ein anderes, als ob aller Gesichtsausdruck zuvor vor der Welt und ihr selbst etwas verschleiert hätte. Ein geradliniger Drama-Weg scheint geebnet: Die Heimkehrerin trifft ihren Vater – gespielt von Oh Kwang-rok, dem westlichen Publikum eventuell aus den Rachefilmen des Park Chan-wook erinnerlich –, ihre Verwandten, allesamt selig. Doch die verlorene Tochter kann die große Emotionalität nicht erwidern. Spürbar von ihrem Status als Befriedigungssubjekt einer langen Sehnsucht befremdet, ja abgestoßen, scheint Freddie so schnell verschwinden zu wollen, wie sie erschienen ist. Die geplanten zwei Wochen in Südkorea vergehen, der letzte Abend lässt Zerwürfnis zurück. Und dann auf einmal spaltet sich Return to Seoul auf, fragmentiert seine Dramaturgie sowie damit einhergehend die Charakterentwicklung seines hauptsächlich erzählten Menschen unerwartet heftig. Die Rückkehr im Titel vervielfältigt sich in einen überraschenden Plural.
Hin und Her
„Wieso wollen alle, dass ich bleibe?“, fragt eine entnervte Freddie am letzten Abend. Ein Impuls, der eine Schlüsselfrage für Regisseur Chou bedeutet. Bereits in seinem Spielfilmdebüt Diamond Island (2016) ließe sich die dilemmatische Gefühlswelt des jungen Protagonisten mit dieser Frage erklären: Blutjung und Arbeiter an einem der luxuriösen Prestigebauten der (realen) Satellitenstadt Diamond Island in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, ist Bora in einem Arbeitskollegenfreundeskreis gefestigt. Doch auch hier kommt die Familie zurück. Ein Wiedersehen unter Brüdern, der ältere auf wundersame Weise vom Schicksal begünstigt und damit lockend, den jüngeren aus der Aussichtslosigkeit zu befreien. Auch diese Hin- und Hergerissenheit wird sich bald von sozialen Verankerungen über Landesgrenzen hinaus ausweiten. Der Film lässt sich als Zwischenschritt feststellen: Die Arbeit mit ausschließlich im Schauspiel Unerfahrenen und die geradlinige Zustandsbeschreibung eines Milieus strahlen den Wunsch nach dokumentarischem Festhalten aus, eine Liebesgeschichte und einige Coming-of-Age-Tropen das tiefe Verlangen nach wirklich werdenden Träumen, nach den realen Möglichkeiten der Fantasie. Ohne Abstriche gelingt das nicht, es handelt sich dabei um einen Erstling, in dem ein bisschen zu viele Ideen der Filmgestaltung zusammengepfercht sind.
War Diamond Island insofern betrachtet vielleicht noch eine – sehr gute – Talentprobe, ist Return to Seoul ein Ausrufezeichen. Wollte in Ersterem etwa Thomas Favels Kamera noch viel zu viel gleichzeitig, agiert sie nun in allen Sinnen des Wortes wesentlich, hielt das Buch dort den anfangs eingeführten Figuren bis zum bitteren Ende die Treue, bringt es jetzt so beständig neue hervor, wie das Leben eben so spielt. Gleichzeitig weiß Davy Chou, was sich wiederzuverwenden lohnt: Ein unerwartetes, Wendung bringendes Gespräch an einem Ort, an dem es eigentlich zu laut dafür sein sollte, beeindruckt abermals; zeitgenössische Medialität wird so organisch integriert, wie es weiterhin nur wenigen Filmschaffenden gelingt; die Sympathie einer Hauptfigur ist kein Kriterium für Empathie. Gewiss, ohne die grandiose Park Ji-min in der Rolle der koreanischen Französin würde man über all das vermutlich weniger sprechen. Auch sie bewegt sich – nicht zu verwechseln mit gleich zwei K-Pop-Stars, die den gleichen Namen tragen – zum ersten Mal auf den Leinwänden der Kinos dieser Welt. Niemals suggeriert Return to Seoul, Frédérique beziehungsweise Yeon-hee, wie ihr koreanischer Name lautet, gänzlich verständlich machen zu wollen. Es ist eine wunderbar eigensinnige Persönlichkeit, die hier immerfort ein bisschen wilder gezeichnet wird, deren Erlebnisse für so viel stehen: Was ist Heimat? Was ist Familie? Was ist es, das mich innerlich bedrängt und partout nicht damit aufhören will? Sehr wichtig hierbei zu bemerken ist, wie sehr sich die Filmmusik von Jérémie Arcache und Christophe Musset im Vergleich zu Diamond Island konkretisiert, und so die Größe, und auch die Schönheit dieser Fragen betont: Pralle Beats und die Zeile „I never needed anybody“ wünscht sich Freddie/Yeon-hee in der bereits erwähnten letzten Barnacht, aber damit auch „you can’t make it alone“; sie tanzt dazu so ekstatisch, als ob sie sich selbst etwas austriebe. Die Musik wirft hier ein einvernehmliches Lasso an eine frühere Szene zurück, wofür sie in Return to Seoul noch häufiger das gewählte Mittel ist: Es sind musikalische Momente des Sich-Fallenlassens, die vieles in diesem Film, der im Grunde auch stets ein Nicht-loslassen-Können spürbar macht, suggestiv zusammenhalten. Somit sind auch jene Szenen, die wie inhaltliche Verschnaufpausen scheinen, maßgeblich daran beteiligt, das Return to Seoul keine Erzählung von Entweder und Oder ist. Vor und Zurück koexistieren ständig, nicht immer friedlich, aber stets lebendig. Wie ja auch die Dynamik von Rückschau und Vorausblick schließlich das große Verdienst von Davy Chou ist, nicht nur als Filmemacher, sondern auch als Filmbedenker. Auf die Ergebnisse seiner Arbeitsweisen darf man weiterhin gespannt sein.
