„Freigesprochen“, Peter Payers neuer Kinofilm, wird im burgenländischen Seewinkel und in Luxemburg gedreht, budgetiert mit 2,7 Millionen Euro. Fotografiert wird der Film von Andreas Berger im Cinemascope-Format.
Teilweise ausgebrannte Zugwrackteile liegen neben den Gleisen, leblose Körper finden sich verstreut über die gesamte Unfallstelle, schwer verletzte Passagiere werden von Sanitätern erstversorgt, die Feuerwehr versucht, die noch brennenden Teile der Zugwaggons zu löschen, Spurensicherer kämpfen verzweifelt im bereits aufgeweichten Boden gegen den einsetzenden Regen, der mögliche Beweise für eine Unfallrekonstruktion in kürzester Zeit zunichte macht.
„Könnten wir bitte das Arbeitstempo der Witterung anpassen! Das Aufzeichnungsrelais ist völlig zerstört! In zehn Minuten ist hier nur noch Schlamm. Im Schlamm gibt’s keine Spur!
Und ohne Spur kein Beweis! Ohne Spur nicht mal ein Indiz. Bitte! Rasch!!“ Dies ist keine Polizei-Anweisung von einem der realen Zugsunglücksfälle der letzten Monate, sondern es handelt sich um die akribisch vorbereitete Unfallszene aus dem neuen Film von Peter Payer, Freigesprochen: „Da steckt sehr viel Recherchearbeit dahinter“, sagt Payer: „Um realistisch zu arbeiten, sind viele Statisten, neben den üblichen Kleindarstellern, auch im wirklichen Leben Feuerwehrleute, Polizisten oder Sanitäter. Auch wurde selbstverständlich im Vorfeld zu dieser Unglückszene viel mit Feuerwehr und Rettung zusammengearbeitet, um bestmöglich eine realistische Umsetzung zu gewährleisten.“
Zeitlos
Der tatsächliche Zugunfall wird im Film nicht zu sehen sein. „Vom ersten Treatment an hat mich der Crash selber nie inter-essiert“, erläutert Payer, „sondern viel mehr die Konfrontation des Schuldigen mit dem Geschehen vor Ort. Auch diese gespenstisch-friedliche Stimmung, die solche Katastrophen-Aufräumarbeiten haben, tragen viel mehr zu diesem Stoff bei als die Darstellung des Zugsunglücks.“ Im Film selbst geht es, basierend auf Ödön von Horváths 1937 entstandenem Theaterstück Der jüngste Tag, um den korrekten Bahnhofsvorsteher Hudetz, der, abgelenkt von einer koketten jungen Frau, einen verhängnisvollen Fehler macht. Die Folge ist eine Zugkatastrophe mit zahlreichen Toten.
„Ich fand das Horváth-Stück sehr filmisch und habe mich gleich daran gesetzt, den Stoff in die Gegenwart zu übertragen, um ein Drama mit dem eigentlichen Subtext ‚Ist Schuld teilbar?’ zu machen.“ Mit einer Adaptierung für die heutige Zeit hatte Payer keine Probleme: „Für mich sind alle Horváth-Stoffe völlig zeitlos. Und ein Drama über Schuld und den Umgang damit ist sowieso zeitlos.“ Für die fotografische Umsetzung wurde der renommierte Kameramann Andreas Berger verpflichtet, der schon sehr früh genaue Vorstellungen einer konkreten Bildsprache hatte: „Einerseits gibt die Geschichte viel vor. Die Handlung spielt in drei Jahreszeiten – Sommer, Herbst und Winter –, was für uns wichtig war hervorzuheben. Daher arbeiten wir auch mit verschiedenen Filtern, um die einzelnen Jahreszeitenstimmungen zu unterstützen. Das CinemaScope-Format 2,35:1 wollten wir immer haben, weil das für den Kinofilm einfach das beste Format ist. Ursprünglich wollten wir auch mit anamorphotischen Linsen (2,40:1) drehen, was leider aus Budgetgründen nicht geklappt hat. Wir haben uns dann für Super-35mm und ein digitales Grading entschieden.“
Präzise Vorbereitung
Als Drehort des Zugunglückes wurde aus produktionstechnischen Gründen Luxemburg gewählt. „Die ÖBB haben auf oberster Ebene entschieden, dass sie einen Film, in dem menschliches Versagen als Ursache eines Zugunglücks thematisiert wird, nicht unterstützen wollen“, erklärt Erich Lackner, Produzent der ausführenden österreichischen Produktions-firma Lotus-Film. Danach wurden Gespräche in Deutschland geführt, die aber auch in einer Sackgasse endeten. Luxemburg bot sich nicht nur wegen der passenden Landschaft an, sondern auch wegen steuerlicher Vergünstigungen. Lackner ist froh, dass die logistisch aufwändige Vorbereitung für die Unfallszenerie in Luxemburg in Zusammenarbeit mit dem dort ansässigen Koproduktionspartner Iris Film stattgefunden hat: „Insgesamt wurde die Katastrophenszene fünf Wochen lang vorbereitet. Wir hatten viel Glück, dass die ganzen Einsatzkräfte aus der Gegend mitgeholfen haben, bzw. dass genau an dieser Stelle vor einem Jahr eine Einsatzübung mit diesen Leuten durchgeführt worden war. Die hatten also schon Erfahrung, waren aber auch sehr erstaunt, dass unser Szenario um einiges größer war als ihre Übung.“ Aufgetrieben wurden die verwendeten Waggons in Brüssel, in Luxemburg wurden sie mittels Bergekränen zerschnitten.
Eine Anekdote weiß Lackner über die noch teilweise in Betrieb befindlichen Bahngleise zu berichten:„Sie führen zu einem NATO-Lager, das hunderte von großen Bomben enthält. Es bedurfte also auch der Zustimmung der NATO, dass wir hier drehen dürfen.“ Thomas Hudetz, der das Zugunglück durch einen kurzen Moment der Ablenkung auslöst, wird im Film von Frank Giering gespielt: „Ich war sehr froh, dass Payer mich für die Rolle des Thomas Hudetz von Anfang an haben wollte. Ich liebe es, mich in so ein Grundgefühl fallen zu lassen, wie es hier die Mischung aus Schuld und Angst ist.“
Mit dem Ende des zweiten Drehtags am Zugunglücksort wurde auch gleichzeitig Halbzeit der Gesamtdrehdauer erreicht. Peter Payer zeigt sich sehr zufrieden: „Natürlich! Gerade durch die gute Vorbereitung, die extrem wichtig für ein Filmprojekt ist, haben wir eine gute Basis geschaffen. Sonst wäre so ein ruhiges und organisiertes Arbeiten hier nicht möglich.“ Nach einer letzten Drehphase in Österreich im Jänner 2007 wird die Fertigstellung des Films mit Frühsommer nächsten Jahres erwartet. Danach sind Festivalteilnahmen anvisiert; der anschließende österreichische Kinostart wird von Poool Film abgewickelt.
