Fussball-WM – Das beste Baby der Welt

Das beste Baby der Welt

| Roman Scheiber |

Die WM soll der Globalisierung ein freundliches Gesicht geben. Über 30 Milliarden Augenpaare werden den G32-Gipfel der derzeit wichtigsten Kickerstaaten auf den Bildschirmen dieser Welt verfolgen. Mehr oder weniger grundsätzliche Betrachtungen zum medialen Größtereignis.

„Deutschland, eine Nation im neunten Monat; ein Land wie eine Hochschwangere, in deren Denken und Handeln sich alles wahnhaft nur noch um das eine, eine Schwangerschaft und Geburt, um Last und Leiden der werdenden Mutterschaft dreht. Am 9. Juni ist Geburtstermin. Wenn der Ball rollt, wird das wie der Säuglingsschrei nach langer, schwerer Tragezeit sein. Und wie das im wahren Leben auch so ist, wird dann all die überstandene Last vergessen sein. Nur das Baby wird wichtig sein und sein rundes, rosiges Glück. Schatz, es ist ein Fußball.“

Christian Eichler freut sich in der FAZ vom 11. Mai wie ein Kind über die bevorstehende Entbindung. Der Fußball als Baby – nur eine von zahllosen Metaphern, die in Zeiten von Endrunden aus Texten auch seriöser Blätter blühen. Wir bleiben im Bild: Die medialen Geburtswehen begannen früh, um bald gnadenlos stärker zu werden. Vor geraumer Zeit, rechnen Sie selbst, verkündete die Mutter der deutschen Regenbogenpresse, die Bild-Zeitung: „Noch 1.226 Tage zur WM.“

Ein Elefantenbaby kommt schneller zur Welt.

Das Countdown-Motiv schaffte es schließlich vom Werbespot eines Mobilfunk-Anbieters bis zum Sekundenzähler in die wöchentliche ARD-Sportschau. Dass die WM im Gastgeberland die Tragweite eines G-32 Gipfels zum Thema Geburtenkontrolle hat, indizieren vor allem zwei redaktionelle Entscheidungen: Bereits seit Mitte Mai bringt das ehrwürdige ARD-Informationsformat Tagesthemen einen täglichen WM-Block. Verspürt Stürmer Klose Schmerzen im kleinen Zeh, wird das Thema sein. Und das Zentralorgan der sozialliberalen Intelligenzia des Landes, Die Zeit, setzte bereits rund einen Monat vor dem Ankick einen Vierjährigen samt WM-Ball aufs Cover. Titel der Geschichte: „Ein Land wird zum Kind.“

Zivilreligiöses Ritual

Alfred Tatar, 42, Fußballtrainer und seit Sommer 2004 „Experte“ für Premiere Austria, hat keinen eigenen Fernseher. Um sich Spiele anzuschauen, hockt er sich regelmäßig ins Café Anzengruber im Wiener Freihausviertel. Tatar: „Wenn sie deutsche Bundesliga zeigen, sitz’ ich dort oft zu dritt mit meiner 11-jährigen Tochter und dem Wirten. Aber wenn Kamerun bei der WM spielt, passt keine Maus mehr hinein.“ Dies sei freilich kein lokales Phänomen: „Häftlinge in Thailand revoltieren, wenn sie vor der WM keinen Fernseher kriegen.“

In beiden Fällen, so Tatar, handle es sich mehrheitlich nicht um Fußballinteressierte, sondern um Konsumenten eines aufgeblasenen Events, von dem mitterweile alle glauben, sie müssen irgendwie dabei sein. Von einem „zivilreligiösen“ Ritual sprechen Georg Spitaler und Lukas Wieselberg in ihrem Beitrag „Think global, act local, kiss football“ im passend zur WM 2002 erschienenen Buch Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs (Verlag Brandes & Apsel / Südwind).

Im Vierjahresrhythmus schlägt weltweit das Pendel aus, von Mal zu Mal höher. Die Anziehungskraft des Fußballs während einer WM ist nur dadurch erklärbar, dass es gar nicht hauptsächlich um Fußball geht. Sondern um Emotionen riesiger Menschenmassen, die durch die Medien global vernetzt und multipliziert werden. Das Spiel herrscht aber nicht nur über die Befindlichkeiten der Menschen, und ist insofern eine Macht, es wird längst seinerseits vom Geschäft beherrscht: Allein aus dem Vertrieb von Fanartikeln mit WM-Logos erwartet der Weltfußballverband Fifa 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Mit durchschnittlich rund 40 Millionen Euro bat die Fifa 15 Hauptsponsoren zur Kasse, die sich dafür als „offizielle Partner“ der geschützten Wortmarke „WM 2006“ öffentlich präsentieren dürfen, um ihre Bekanntheit zu erhöhen und ihr Image und jenes ihrer Produkte so eng wie möglich mit den erwähnten Massenemotionen zu verknüpfen. Dem Würstchenbuden-Besitzer, der sich „WM 2006“ aufs Fenster malt, sieht dagegen einer Klage entgegen – Mitnaschen verboten. Premiere-Fußball-Anchorman Marcel Reif findet die Logoschutz-Wut der Fifa schlicht „lächerlich“ (siehe Interview auf der nächsten Doppelseite).

Künstler und Systemerhalter

Mediale Spektakel wie Olympische Spiele oder die Fußball-WM haben globalen Charakter, halten aber im Grunde an einer nationalstaatlichen Ordnung der Welt fest. Nach wie vor hört man vor jedem Spiel die Hymnen der beteiligten Länder, es treten nicht weniger als Vertreter von Staaten gegeneinander an. Je mehr heute die einzelstaatlichen politischen und ökonomischen Souveränitätsmomente verschwinden, argumentieren Spitaler/Wieselberg, desto größer wird das Bedürfnis, eine „semiotisch starke“ Nation zu konstruieren. Der Medien-Sport-Komplex bietet dabei eines der wichtigsten Felder imaginärer nationaler Einheit.

Die Spieler sind von den Logiken des Fernsehsports auf doppelte Weise in das System inkorporiert: Als Charaktere bestimmen sie die Handlung und Dramaturgie des Geschehens, als marktwert- und kursindexfähige Stars und Werbeträger repräsentieren sie Marken und verwandeln sich selbst in welche. Verkaufbarkeit garantieren natürlich nicht die „Systemerhalter“, sondern nur Popstars wie Nike-Hero David Beckham oder Künstler wie Adidas-Ikone Zinedine Zidane (der nach dieser WM seine Karriere beenden will). „Großformatige Zeitlupenaufnahmen der Stars“, so Alfred Tatar, „transportieren sowohl die Substanz ihres fußballerischen Geschicks als auch die Unverzichtbarkeit der damit verbundenen Marke.“

Niederlagen in der Vorrunde

Der Countdown zur Geburt lief zäh, die Wehen waren stark. Zum Ankick der WM 2006 ist monatelang alles gesendet und geschrieben worden, was man senden und schreiben kann, und leider noch viel mehr. Ein paar Beispiele für die Schlichtheit deutscher TV-Kreativabteilungen: Im März und April unternahm Jörg Pilawa mit Promi-Gästen eine Zeitreise zu vergangenen Turnieren mit vier hauptabendlichen „WM-Shows“. Derselbe testet am 1. Juni mit einem „Star-Quiz“ die WM-Kenntnisse deutscher Nationalspieler. Oliver „Gucken Sie mal hin“ Geissen unterhielt mit „Alles Fußball“ vor allem sich selbst: Zu Einblendungen lebensgefährlicher Fouls durfte locker gelacht werden, und Kameruns WM-Star Roger Milla ließ sich dazu überreden, im Studio seinen legendären Cornerfahnentanz nachzumachen – zum Weinen.

In der sechsteiligen ARD-Doku-Reihe „Legenden“ wurde Deutschland gegen den Rest der Welt drei zu drei aufgestellt: Günter Netzer (der die interessanteren WM-Begegungen mit Gerhard Delling in einem Kölner Studio erneut altklug analysieren wird), Uwe Seeler und Rudi „Ist doch alles Käse“ Völler kamen neben Pelé, Maradona und Zidane zu Ehren. Beckenbauer wäre denn doch zu peinlich gewesen. Immerhin wird es in der ARD laut jüngsten Meldungen eine tägliche WM-Show mit Waldi und Harry geben – Bayernsportler Waldemar Hartmann läuft Manuel Andrack als Meister Schmidts Stichwortgeber allmählich den Rang ab.

Die Statistik der Gruppe P

Insgesamt mehr Spielanteile in der Schwangerschafts-Gymnastik weist der Printsektor auf. In bester Tabloid-Manier verspricht ein Spiegel special „Alle Nationen, alle Teams, alle Spiele“ auf dem Cover – doch alles andere ist primär: Im Heftinneren mischen dann die erwarteten Egon-Erwin-Kisch-Preisträger in ausgesuchten Geschichten und Essays den „Planeten Fußball“ auf. Der reguläre Spiegel vom 15. Mai wiederum bittet, wir haben nur darauf gewartet, Schriftsteller und Real-Madrid-Fan Javier Marías zum WM-Gespräch und porträtiert Miro Klose als „unscheinbaren Star“ und WM-Hoffnung. Sympathisch das taz-Journal zum Thema: „Es ist Liebe. Liebeserklärungen an die 32 Teilnehmer der Fußball-WM 2006 in Deutschland“. Für die „Sondergruppe Ö“ durfte Alfred Dorfer einen Dialog zwischen einem deutschen und einem österreichischen Fan dichten, selbstverständlich alkoholisiert. Dazu gibt’s die CD Inter Deutschland mit Hymnen und Songs von alternativen Popstars. Die Bonus-DVD des Sport Bild Sonderhefts enthält dagegen, neben zu vielen Interviews mit deutschen Nationalspielern, lediglich Ausschnitte aus der bekannten Weltverbands-DVD Fifa Fever.

Wem all diese Themen zu soft sind, dem erklärt Bild der Wissenschaft in seiner Mai-Ausgabe unter dem nahe liegenden Titel „Universum Fußball“, warum Schiedsrichter-Assistenten zwangsläufig Fehler machen, wieso der Ball fliegt, wie er fliegt und warum der Tormann beim Elfmeter in der Mitte stehen bleiben sollte. Nur eines ist schwer nachzuweisen. Es unterscheidet Fußball von vielen anderen Sportarten und macht seine Essenz aus: Die schlechtere Mannschaft kann gewinnen. Wissenschafter haben allerdings ausgerechnet, dass dieser Überraschungsfaktor verloren ginge, würde man die Tore nur um wenige Zentimeter vergrößern.

Der Säuglingsschrei

Vom deutschen Fußball-Lustspiel FC Venus wollen wir hier, nach Ansicht des bemüht ulkigen Trailers, lieber schweigen. Zum grundsätzlich eher leidigen Thema Fußballfilme finden Sie Besprechungen einer schönen DVD und eines neuen Lexikons auf der nächsten Doppelseite. Und während die Medien munter weiter dem Größtereignis entgegen hyperventilieren, fünf ganz persönliche Tipps und eine Bitte. Tipp 1: Die WM-Ausgabe des deutschen Magazins für Fußballkultur 11 Freunde.Tipp 2: Die WM-Ausgabe des österreichischen Magazins für Fußballkultur ballesterer. Tipp 3: Die Sportwette im Internet anderen überlassen. Tipp 4: www.indirekter-freistoss.de – die  Presseschau für den kritischen Fußballfreund. Tipp 5: Das WM-Abo der Süddeutschen Zeitung, denn dort tritt der amtierende Weltmeister unter den Fußballredaktionen an. Jetzt die Bitte: Sollten Sie im „Admiral“ am Karlsplatz auf wettsüchtige Redaktionskollegen von mir treffen, sagen Sie ihnen doch, sie sollen sich von der hohen Quote für Trinidad & Tobago nicht locken lassen und stattdessen ein Fußballbuch lesen, zum Beispiel DER LieblinGsFEIND – Deutschland aus der Sicht seiner Fußballrivalen (Verlag Die Werkstatt). Nur das darin enthaltene Krankl-Interview dürfen sie getrost spritzen.

Nun heißt es, mit FAZ-Metaphoriker Christian Eichler, Warten auf den Säuglingsschrei am 9. Juni. Der Vater der satirischen Talkshow im deutschen Sprachraum, Harald Schmidt, verschenkte nicht umsonst in einer Sondersendung Ende April WM-Tickets an schwangere Akademikerinnen. Wir wünschen viel Vergnügen, hoffen auf eine leichte Geburt und intelligentes, rundes, rosiges Nachwuchsglück. Und nicht vergessen: den Ball schön flach halten.