Halyna Hutchins

Kameraarbeit | Initiative

Gegen die Gier

| Pamina Kowalski |
Ein dramatischer Aufruf von Imago – International Federation of Cinematographers anlässlich des Todes der Kamerafrau Halyna Hutchins.

Anlässlich des tragischen Todes der US-amerikanischen Kamerafrau Halyna Hutchins, die – wie bekannt – am 21. Oktober auf dem Set des Westerns Rust erschossen wurde, weil sich „irrtümlich“ scharfe Munition in der Waffe von Alec Baldwin befand, richtet der Internationale Verband der Kameraleute (Imago) einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit, in dem auf die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen in der Film-, TV- und Streaming-Industrie hingewiesen wird.

Halyna Hutchins sei gestorb en, weil die Sicherheitsmaßnahmen am Set katastrophal vernachlässigt wurden, heißt es darin. Nachdem einige Mitglieder der Crew gegen die miserablen Löhne und Unterkünfte protestierten und der Arbeit fernblieben, habe man nicht-gewerkschaftlich organisierte Leute angeheuert, um sie zu ersetzen. Dadurch sei es möglich geworden, die „unmenschlichen und ausbeuterischen“ Dreharbeiten fortzusetzen.

Längst seien, so Imago weiter, solche tragischen Unfälle im internationalen Filmgeschäft keine Einzelfälle mehr. Müdigkeit und Erschöpfung sowie unzureichende Ruhezeiten hätten bereits zu zahlreichen Unfälle während und nach den Dreharbeiten geführt. Es sei höchste Zeit, zu fordern, dass Crewmitglieder nicht nur faire Bezahlung, sondern auch menschenwürdige und familienfreundliche Arbeitsbedingungen erhielten. Das Gesundheitsrisiko und extrem lange Arbeitszeiten widerspruchslos hinzunehmen, könne einfach nicht mehr akzeptiert werden.

Es sei angesichts der Milliardenumsätze in der Film- und audiovisuellen Industrie eine Schande, dass die Leute, die dies durch ihre Arbeit erst ermöglichten, unerträgliche Arbeitsbedingungen vorfänden. Imago zitiert eine aktuelle österreichische Studie zur Arbeitswelt im Filmschaffen, die gezeigt habe, dass Burnout und Angststörungen in der Branche stark zugenommen hätten. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, seien die meisten Crewmitglieder weder willens noch in der Lage, sich für die ihnen zustehenden Rechte zu engagieren. Dieser Teufelskreis, heißt es in dem Appell, müsse durchbrochen werden.

Dies erfordere starke Berufsvertretungen und Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern Schutz vor der Gier Willkür der Produktionsfirmen, Fernsehanstalten und Streaming-Plattformen bieten. Schließlich seien Produzentinnen und Produzenten auf die Arbeit der Crews angewiesen. Leider gebe es dafür wenig Bewusstsein innerhalb der Branche, andernfalls könnten die Crewmitglieder ihre Rechte viel effizienter durchsetzen. Um das radikal zu ändern, müssten sie aber lernen, Solidarität zu leben, etwas, das ist in Zeiten bewusst kontrollierter Isolation nicht leicht sei. Das Prinzip „Teile und herrsche“ sei ein mächtiges Werkzeug in einer Industrie, die von Profit und Shareholder Value bestimmt werde.

Isolation kombiniert mit Selbstoptimierung sei eine katastrophale Mischung. Der Wettbewerb untereinander dürfe nicht länger die Basis der Arbeitswelt sein, fordert der Verband der Kameraleute. Gerade Filmcrews bewiesen durch ihre Arbeit im Team, dass das Zusammenspiel vieler Kräfte am Ende zu einem tollen Ergebnis führe. Dieses Prinzip der kollegialen Zusammenarbeit solle als Vorbild dienen, denn Filmemachen sei immer schon die Blaupause für eine Zukunft Arbeitswelt gewesen.

Imago als Internationaler Verband der Kameraleute, heißt es abschließend, sei ganz dem Grundgedanken des kollegialen Zusammenhalts verpflichtet: „Mit diesem vor Augen unterstützen wir Filmschaffende weltweit dabei, ihre Rechte einzufordern. Gleichzeitig ermutigen wir sie zur Solidarität in starken Berufsverbänden und Gewerkschaften. Der Tod von Halyna Hutchins darf nicht vergeblich gewesen sein!“

Unterzeichnet ist der Aufruf von zahlreichen prominenten Kameraleuten und den Vorsitzenden und Mitgliedern der einzelnen Ausschüsse innerhalb des Verbandes – unter anderem von Kurt Brazda aus Österreich, dem Vorsitzenden des Arbeitsbedingungen-Ausschusses, von Imago-Gründer Luciano Tovoli, Vorstandsmitgliedern wie Tahvo Hirvonen (Finnland), Denis Lenoir AFC, ASC (Frankreich) oder Alex Linden (Schweden), weiters von Barry Ackroyd (Großbritannien), Birgit Gudjonsdottir (Deutschland), Casper Hoyberg (Dänemark), Marijke Van Kets (Belgien), Fabian Eder und Astrid Heubrandtner (Österreich) und zahlreichen anderen.

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