Britische Atomspionage als konventionelles Melodram
Da hat Judi Dench aber ganz schön die Seiten gewechselt! Die langjährige Darstellerin von James Bonds MI6-Geheimdienstchefin „M“ ist hier als Atomspionin zugange – was leider spannender klingt als es ist.
Dabei ist die Geschichte „inspired by a true story“, nämlich der Biografie der 2005 hochbetagt verstorbenen britischen Sekretärin Melita Norwood, die vierzig Jahre lang für den KGB spioniert hatte. Mit ihrer späten Festnahme im London des Jahres 2000 setzt die Filmhandlung ein, Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkriegs rollen dann die Vorgeschichte auf. Aus der ideologisch gefestigten Krypto-Kommunistin Norwood wird hier allerdings die politisch naive Physikstudentin Joan, die erst durch die Liaison mit dem attraktiven Cousin einer Studienkollegin auf den linken Weg gebracht wird. Die Dinge beginnen sich zu komplizieren, als Joan in Kanada an geheimen Atomprojekten der Briten mitarbeitet und sich dort in einen Wissenschaftler verliebt. Als er jener pro-russischen Spionage verdächtigt wird, die in Wahrheit Joan verübt hat, sieht sich die junge Frau existenziellen Konflikten ausgesetzt …
Der Plot wirft an sich durchaus relevante Fragen auf: Heiligt der Zweck immer die Mittel? Ist Spionage aus gleichsam gut gemeinten, nämlich friedenssichernden Motiven im Ausnahmefall zu rechtfertigen? Und flog die Spionin nur deshalb erst so spät auf, weil Frauen Mitte des vorigen Jahrhunderts politisches Handeln nicht zugetraut wurde? Stoff genug also für spannende Diskurse. Die hier freilich zugunsten eines abgegriffenen Frau-zwischen-zwei-Männern-Melodrams fast verschenkt werden. Weder teilt sich schlüssig mit, was „Red Joan“ (so der Originaltitel) wirklich zu ihrer Ost-Sympathie bewogen hat, noch wird letztlich klar, wie weit sie selbst Opfer einer Polit-Intrige wurde.
Wem sanfte Romantik-Spannung vor welthistorischem Hintergrund genügt, wird hier zumindest fair bedient. Die konventionelle Rückblenden-Dramaturgie ist handwerklich passabel umgesetzt, die üppige Musiksauce von George Fenton lenkt die Emotionen, und im Darstellerensemble dominieren die Frauen: Judi Dench sowieso, und Sophie Cookson als ihr jüngeres Ich erinnert in guten Momenten sogar an die junge Ingrid Bergman. Dennoch: Einmal sitzt Joan im Kino, und man hört von der unsichtbaren Leinwand nur den guten alten Gong der britischen Rank-Organisation. Man wird den Verdacht nicht los, der Film, den man nicht sieht, könnte interessanter sein als der, in dem man gerade sitzt.
