Diagonale 2022

Gemeinsam den österreichischen Film feiern

| Günter Pscheider |
Ein Gespräch mit Christine Dollhofer und Constantin Wulff, die die Diagonale 1998 nach Graz brachten und das Festival dort zu einem fixen Bestandteil des kulturellen Lebens machten. Ein Rückblick auf die Anfänge, auf Höhepunkte und turbulente Ereignisse.

Die anhaltende Erfolgsgeschichte der Diagonale in Graz wäre wohl kaum denkbar ohne die beiden ersten Intendanten Christine Dollhofer und Constantin Wulff. Das durch Zufall entstandene Tandem erwies sich in seiner Analysefähigkeit und seinem Organisationstalent plus einer ordentlichen Portion Enthusiasmus als Glücksfall für das Festival und, darüber hinausstrahlend, für die gesamte österreichische Filmbranche. Wahrscheinlich hätte es beide jeweils auch allein geschafft, aber als Team funktionierte das Ganze noch besser, konnten so doch die unterschiedlichsten Bereiche des Filmschaffens und der Veranstaltungsorganisation mit einer fundierten Expertise durchleuchtet und die Konzepte auch umgesetzt werden. Die beiden stolzen Eltern ihres mittlerweile 25-jährigen „Kindes“ haben ihren Nachfolgerinnen und Nachfolgern auf jeden Fall einen funktionierenden Blueprint hinterlassen und sprechen im rückblickenden Interview über die Anfänge mit nichts als einem Bleistift, über Staatsschutz für Franz Morak und über den rauen Charme Peter Kerns.

 

Wie kam es denn zu Ihrer Bestellung? Das lief ja etwas turbulent ab.
Christine Dollhofer:
Es gab eine Ausschreibung, bei der wir uns aber beide nicht beworben haben. Eine Findungskommission hat uns getrennt voneinander angesprochen. Wir haben uns dann getroffen und beschlossen, uns gemeinsam zu bewerben. Wir wurden von Minister Scholten an einem Freitag im Spätherbst/Frühwinter 1996 bestellt. Am Montag sind er und Kanzler Vranitzky zurückgetreten, und Viktor Klima als Kanzler und Peter Wittmann als Staatssekretär waren einige Wochen später unsere neuen Ansprechpartner. Am Anfang hatten wir außer einem Bleistift überhaupt nichts, es gab kein Büro, keine Infrastruktur, keine Adressen, nichts außer unserem Enthusiasmus. Durch die Vermittlung von Viktoria Salcher, die zum Glück sehr früh mit an Bord war, konnten wir die zwei Büroräume des hundertjahrekino-Projekts von Hans Hurch benützen, das war noch in den Zeiten von Fax, bevor Email sich durchgesetzt hat. Wir mussten dann erst einmal Strukturen aufbauen.

Wie ist das Festival dann in Graz gelandet?
Constantin Wulff: Wir haben zunächst Gespräche mit Salzburg geführt, uns aber dann entschieden, für unser Konzept einen neuen Standort zu suchen. Man muss der Stadt Graz, vor allem Bürgermeister Stingl und Kulturstadtrat Strobl, ein großes Kompliment machen, die haben uns wirklich proaktiv umworben, wobei es schon unsere Idee war, das Festival in Graz zu machen, nachdem wir in mehreren anderen Städten die Möglichkeiten ausgelotet hatten. Die zweitgrößte Stadt Österreichs hat sich dann zum Glück als idealer Standort für unsere Grundidee herausgestellt, nach den Welser Filmtagen und dem Salzburger Experiment die Diagonale erstmals als Publikumsfestival zu positionieren. Wir wurden dort wirklich auf allen Ebenen willkommen geheißen, im Gegensatz zu Salzburg, wo das Festival eher ein Fremdkörper war und auch zu Wels, wo man immer das Gefühl hatte, nicht wirklich willkommen und komplett in einer Blase zu sein, wo man die drei zahlenden Zuschauer bald persönlich gekannt hat. In Graz war das dann zum ersten Mal ganz anders und der Abschied von den tristen achtziger Jahren gelungen.

CD: Der Weg dorthin war jedoch kein einfacher. Wir hatten zum Glück genügend Zeit, um nicht nur in Graz selber die Lage zu sondieren, mit den unterschiedlichsten Kulturinitiativen zu sprechen und Zusammenarbeiten zu initiieren, sondern auch eine Art Bestandsaufnahme der österreichischen Filmbranche anzugehen. So haben wir das Jahr 1997 gut genützt, um 1998 ein Festival veranstalten zu können, das von der gesamten Branche unterstützt wurde, mit der Struktur, die sie großteils noch immer hat.

Was waren die wichtigsten Punkte in Ihrem Konzept für das erste Jahr?
CD: Eines unserer wichtigsten Ziele war immer, neue Strömungen, Initiativen einzubinden und zu fördern, die sich später oft institutionalisiert haben. Ob das Studierende waren oder Richtungen wie Austrian Abstracts oder historische Aufarbeitungen in Kooperation mit dem Filmarchiv oder Synema. Die ganzen Nischen auszuloten und
einem breiten Publikum zu präsentieren. Dazu war es uns auch wichtig, viele Nebenveranstaltungen zu organisieren. Maschek z. B. hatten ihren ersten Auftritt in einem Kino. Also: nicht nur Filme sehen und darüber reden, sondern gemeinsam auch den österreichischen Film feiern. Und die Rahmenbedingungen waren in Graz phantastisch, wir hatten die Thalia, dieses großartige Fünfziger-Jahre-Gebäude, fast für uns allein, die Eröffnung fand in der Oper statt. Die Vernetzung mit den Grazer Kunst- und Kulturinstitutionen war uns ein großes Anliegen, das hat auch bestens funktioniert.

CW: Inhaltlich haben wir, auch gegen den Widerstand von Teilen der Branche, eine Gleichberechtigung der filmischen Formen im Programm durchgesetzt. Also auch zur Prime Time am Abend Dokumentarfilme oder Avantgardefilme in den größeren Sälen zu zeigen. Dieser heute selbstverständliche Ansatz war damals ziemlich umstritten. Zusätzlich führten wir eine internationale Retrospektive ein, im ersten Jahr war das Christian Schocher aus der Schweiz, da gab es durchaus Stimmen, die gemeint haben, was denn der bei einem österreichischen Festival zu suchen hätte. Dazu gibt es auch eine schöne Anekdote: Die 35mm-Kopien hat damals der wunderbare Filmemacher Jürg Hassler von Zürich nach Graz gebracht, in seinem Privatauto mit der ganzen Familie, um sich etwas dazuzuverdienen. Hassler war wie Schocher ein Außenseiter im Schweizer Film. In diesem Jahr hat ihm das Festival in Solothurn eine große Retrospektive gewidmet. Ich sehe ihn heute noch vor mir, wie er uns nach einer Nachtfahrt sehr müde die Kopien der Filme von Christian Schocher übergibt. Wir haben von Anfang an den österreichischen Film international gedacht, damit wir einmal herauskommen aus dem Gesudere und dem Sich-gegenseitig-Vorwürfe-Machen in der Branche. Da haben wir natürlich auch großes Glück gehabt, dass unsere Zeit bei der Diagonale genau in eine neuerliche Aufbruchszeit des österreichischen Films gefallen ist, in der Michael Haneke und Ulrich Seidl mit ihren ersten Einladungen nach Cannes oder Venedig Furore gemacht haben, neue Talente wie Barbara Albert, Jessica Hausner, Nikolaus Geyrhalter auf sich aufmerksam gemacht haben und Peter Tscherkassky gerade zu einem international gefeierten Avantgardefilmer wurde. Es gab in den neunziger Jahren einfach eine wahre Explosion an kreativem Potential.

Was ist Ihnen heute noch in Erinnerung von diesem ersten Jahr?
CD: Für mich war es auch deshalb das schönste Festival, weil die Energie eine ganz besondere war, weil jede/r vom Team an dieses Projekt geglaubt hat und enorm viel dafür gearbeitet hat, um alle unvorhersehbaren Konflikte und Probleme, die es ja auch gab, zu lösen. Es herrschte eine etwas anarchische Aufbruchstimmung. Später wurde das Festival kontinuierlich erweitert, mit der Preisverleihung im Schauspielhaus, den Partys im Dom im Berg usw. Die Ansprüche sind auch gestiegen, und es hat eine enorme Professionalisierung stattgefunden, aber das Chaos des Anfangs hatte einen ganz besonderen Charme.

CW: Ein besonderer Moment war für mich die erste Diagonale-Eröffnung in der Oper mit Suzie Washington von Florian Flicker. Da ist zum ersten Mal bei einer Eröffnung nicht gemeckert worden über einen Film, der auch über die Grenzen hinaus sehr gut angekommen ist. In der Schweiz wurde damals bei den Solothurner Filmtagen gejammert: Warum haben wir keine Suzie Washington? Antonio Fian hat mit seiner klugen Eröffnungsrede das Festival auch gleich als dezidiert politisch gekennzeichnet. Ein weiterer starker Moment für mich: Am Folgetag haben wir für eine Vorführung eines Avantgardeprogramms um 10.30 Uhr im Schubertkino auf Grund von Erfahrungswerten in Wels und Salzburg maximal zehn Leute erwartet, und dann war diese Vorstellung gleich voll, was heute keine Überraschung ist, aber damals fast einer Sensation gleichkam.

Was waren weitere einschneidende Punkte während Ihrer Zeit von 1997 bis 2003?
CW: 2000 mit dem Beginn der schwarz-blauen Regierung war natürlich ein wichtiges Jahr. Im Februar ist sie angelobt worden, und wir waren das erste größere Kulturevent, da waren viele Augen auf uns gerichtet, wie wir uns positionieren. Es gab dann während des Festivals eine Demo in Graz gegen Schwarz-Blau, bei der die gesamte Filmbranche dabei war, wie man auf alten Fotos sehen kann. Es gab auch einige Erklärungen der Branche, die sich ganz klar gegen eine rechtsradikale Partei in der Regierung aussprachen. Bei der Eröffnung 2000 sahen wir dann etliche Männer in auffälligen Anzügen rund um Franz Morak, das war das einzige Mal, dass der Staatsschutz bei der Diagonale vor Ort war. Die Stimmung war extrem aufgeheizt! Die ganze Branche ist in dieser Zeit stark politisiert worden und rückblickend hat dies auch die Filmproduktion der kommenden Jahre stark geprägt, besonders beim Dokumentarfiilm, mit Filmen wie Zero Crossing, Zur Lage, Artikel 7 oder Operation Spring. Krisenzeiten sind der Nährboden für politisches Denken.

Was sind Ihre persönlichen Highlights?
CD: Prinzipiell, dass das Konzept so gut aufgegangen ist. Im Nachhinein wirkt das vielleicht selbstverständlich, aber so war es ja nicht. Es war einfach eine große Befriedigung, zu sehen, dass es so gut klappt. Auch dass die Anbindung an Graz so gut funktioniert hat, das Festival ist ja nicht mehr von dort wegzudenken. Mir persönlich hat neben vielen menschlichen Begegnungen, die ich hier nie alle aufzählen könnte, vor allem die Thalia sehr gut gefallen, als anarchischer Ort, wo alles möglich schien, wo viel über Filme geredet, aber auch gelacht und getanzt wurde bis in den frühen Morgen, noch abseits der vielen Regulierungen, die jetzt bei Veranstaltungen üblich sind. Auch an Kleinigkeiten wie die beeindruckenden Fotowände mit allen Gästen erinnere ich mich gerne. Peter Kern war immer ein sehr spannender Gast. Wenn ich den Preis nicht bekomme, verbrenne ich persönlich vor Publikum meinen Film, sagte er einmal. Als man ihn dann aufgeklärt hat, dass Filme nicht mehr brennen, drohte er stattdessen mit dem Zerschneiden. Als er dann den vollen Saal gesehen hat, ist alle Frustration von ihm abgefallen, und er war wieder der Profi-Entertainer, der das Publikum um den Finger gewickelt hat. Was mich auch freut und was zumindest am Rand auch mit der Diagonale zu tun hat, so hoffe ich zumindest, ist, dass das Renommee des österreichischen Films im Ausland in dieser Zeit enorm gewachsen ist. Es sind im Lauf der Jahre immer mehr Kuratoren internationaler Festivals oder Journalisten nach Graz gekommen, um sich ein Bild über die vielfältige heimische Produktion zu machen.

CW: Was uns beide verbindet, ist, dass wir einfach Film lieben und die Aufgabe mögen, diese Liebe weiterzugeben. Deshalb gehörte es auch zu den schönsten Momenten, wenn nach den Vorführungen die Leute zu uns gekommen sind und von neuen österreichischen Filmen geschwärmt haben oder mit leuchtenden Augen von den Entdeckungen der Werke der internationalen Gäste wie Heddy Honigmann, Roland Klick, Volker Koepp oder Michael Klier erzählt haben. Der Grazer Kulturstadtrat Strobl hat nach den Vorführungen von Die Siebtelbauern und Suzie Washington zu mir gesagt, dass er gar nicht gewusst hat, dass die österreichischen Filme ja genauso gut sind wie die amerikanischen. Aus meiner Sicht hat man den internationalen Spirit des Festivals 2001 ganz besonders gut gespürt bei der Eröffnung in der Oper mit Code inconnu, bei der Michael Haneke dann auch noch die richtigen Worte zur politischen Lage in Österreich gefunden hat.

Gibt es irgendetwas, was Sie aus heutiger Sicht vielleicht anders machen würden?
CW: Ich bedauere sehr, dass wir mit John Cook zu seinen Lebzeiten keine Retrospektive in Graz gemacht haben. John Cook und sein Werk gehören für mich zum Schönsten überhaupt, was das österreichische Kino hervorgebracht hat. Ich habe ihn Mitte der neunziger Jahre einmal getroffen, er war damals kurz in Wien und hat wieder Anschluss an die österreichische Filmbranche gesucht. 2001 ist er dann leider überraschend gestorben.

CD: Gender Programming, Gender Budgeting war damals noch kein Thema, das hätte ich mehr forcieren sollen. Es gab zum Glück bei der Diagonale sowieso eine verstärkte Präsenz von Filmemacherinnen im Programm, aber bei den ausländischen Specials fällt mir nur Heddy Honigmann ein. Da bereue ich, dass wir damals nicht mehr Druck gemacht haben. Es gab Diskussionen zur Gleichberechtigung in der Filmbranche, aber eben nicht genug. Der Hauptfokus war einfach die Aufbauarbeit, dass Film als gesellschaftlich wichtig anerkannt wird, dass er neben der Hochkultur bestehen kann, was Fördermittel und politische Akzeptanz betrifft.

Warum endete trotz dieser Erfolgsstory Ihre Intendanz im Jahr 2003?
CW: Bei mir waren es persönliche Gründe, ich wollte nach sieben Jahren einfach etwas Neues machen. Ich wollte wieder meine eigenen Dokumenarfilme realisieren und mich mehr den praktischen Fragen des Filmemachens widmen. Außerdem habe ich neben meiner Filmarbeit angefangen, Dokumentarfilm zu unterrichten, was mir bis heute sehr viel Spass macht.

CD: Ich wäre für eine Verlängerung zur Verfügung gestanden, und der Beirat hat das auch ganz klar unterstützt, aber Franz Morak hatte mit der Diagonale andere Pläne, was dann im Jahr 2004 zu einer weiteren Politisierung der Filmszene geführt hat, als die berühmte Gegen-Diagonale von der Branche selber veranstaltet wurde, weil man eben nicht ein Festival unter der Kontrolle von Schwarz-Blau wollte. Aus dem Sommerkinoprojekt anlässlich von „Kulturhauptstadt Graz“ im Jahr 2003 ist dann die Idee zu Crossing Europe in Linz entstanden, und ich durfte nahtlos weiter ein Festival leiten.