Der irisch-britische Dramatiker und Regisseur Martin McDonagh hat sich für „The Banshees of Inisherin“ erneut mit Brendan Gleeson und Colin Farrell zusammengetan, um eine melancholische Break-up-Geschichte zu erzählen, die im abgelegenen Irland der 1920er-Jahre spielt. Im Interview spricht er über seine fabelhaften Hautdarsteller, Trennungsschmerz und traurige Filme.
Martin McDonagh ist ein Seiltänzer par excellence – risikofreudig, eigenwillig, verspielt, und das mit unerbittlicher Genauigkeit. Keine Handvoll Filme hat der Regisseur, der seit Jahren geschickt zwischen Bühne und Set wechselt, bisher gedreht und traf dennoch mit jedem seiner Werke einen Nerv. Bereits seine Krimi-Komödie In Bruges (Brügge sehen… und sterben?, 2008) ließ beim Publikum eine hohe Erwartungshaltung zurück. Dabei könnte der Plot simpler nicht sein: Der Film handelt von zwei Londoner Auftragsmördern, die in der belgischen Provinzstadt untertauchen müssen, von der einer der beiden Killer (Colin Farrell) bereits nach wenigen Stunden genervt ist, während der andere, ältere (Brendan Gleeson) die Beschaulichkeit und das kunstvolle Ambiente genießt.
Und seit Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, in dem Frances McDormand als trauernde Mutter zu rabiaten Methoden greift, vor fünf Jahren fast alle Preise abräumte, die ein Film auf internationaler Ebene gewinnen kann, ist die Schauspielerin endgültig eine der größten und klügsten ihrer Generation – und McDonagh ein leiser Superstar.
Ob es um Mord geht oder um sexuellen Missbrauch, Rassismus, Freundschaft oder Selbstjustiz, der beachtliche Verdienst McDonaghs liegt darin, dass er die oft seltsame Gemengelage seiner Geschichten stets mit ebenso viel Witz wie Wehmut auf die Leinwand bringt: das Schwere und das Leichte, die Katastrophe und den Kalauer, die Tiefe und das Vordergründige, den Weltschmerz und ein versöhnliches Ende, das keines ist. Und wenn es stimmt, dass eine gute Komödie im Kern eine Tragödie ist, weil man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, dann ist auch sein neuer Film The Banshees of Inisherin ein reiner Glücksfall für das Kino.
Wir schreiben das Jahr 1923, auf der fiktiven Insel Inisherin sind aus der Ferne die Geräusche des irischen Bürgerkriegs zu hören. Aber den Milchbauern Pádraic (Colin Farrell) stört das nicht. Wie jeden Tag klopft er pünktlich um 14 Uhr bei seinem besten Freund Colm (Brendan Gleeson) an, um mit ihm gemeinsam im örtlichen Pub ein Bier trinken zu gehen. Sie sind ein ungleiches Paar wie aus dem Bilderbuch: Pádraic ist ein einfacher Mann, der stundenlang über Pferdeäpfel reden kann; Colm dagegen ist der „Denker“, der Musik schreibt, Geige spielt und von existenzieller Verzweiflung geplagt wird. Allein die Umstände und ihr Inseldasein haben sie unzertrennlich gemacht.
Doch heute ist alles anders. Als Pádraic klopft, bleibt Colm auf seinem Stuhl sitzen, raucht und rührt sich nicht. Pádraic fragt sich, warum, und weil er sich darauf keinen Reim machen kann, fragt er schließlich seine kluge Schwester Siobhán (Kerry Condon), mit der er sich ein bescheidenes Haus teilt, aus der sie ständig seinen geliebten Esel vertreiben muss. „Vielleicht mag er dich einfach nicht mehr“, erwidert sie scherzhaft – und ahnt in dem Moment noch nicht, wie ernst die Lage ist. Denn Colm hat beschlossen, die ihm verbleibenden Jahre kreativ zu nutzen, anstatt mit Pádraic sinnlos über nichts zu plaudern. Und als der ihm trotzdem einmal mehr, einmal zu viel auf den Leib rückt, weil er die Welt nicht mehr versteht, weist ihn sein alter Freund mit einer harschen, unmissverständlichen Drohung zurück: Jedes Mal, wenn Pádraic mit ihm spricht, wird er sich selbst einen Finger abschneiden, bis die Botschaft endlich auch bei ihm angekommen ist.
Interview mit Martin McDonagh
Mr. McDonagh, Sie haben mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ einen modernen Klassiker geschaffen. Daran anzuknüpfen ist nicht einfach. Woher kam die Idee für Ihren neuen Film?
Martin McDonagh: Zunächst einmal wollte ich Colin Farrell und Brendan Gleeson nach Brügge sehen … und sterben? gerne wieder für ein Projekt zusammenbringen, wir hatten damals viel Spaß zusammen. Allerdings ist auch der Film über die Jahre zu einer Art Kulthit geworden, und wir hatten immer im Hinterkopf, dass wir das nicht kaputt machen wollten, indem wir etwas nachlegen, das vielleicht nicht so gut ist. Es hat 14 Jahre gedauert, aber jetzt haben wir es geschafft.
Was ist Ihrer Meinung nach so besonders an den beiden?
Martin McDonagh: Sie sind sehr eng miteinander verbunden, als Freunde und als Schauspieler. Das macht sie offen dafür, auf der Leinwand verletzlich zu sein. Gleichzeitig sind sie extrem lustig. Und es ist einfach eine große Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Im Film ging es mir jedoch konkret darum, der Wahrheit über ihre Figuren, über diese beiden verschiedenen Egos auf die Spur zu kommen und eine Sensibilität für sie zu entwickeln, so dass man zum Beispiel Colm nicht komplett verurteilt, aber auch nicht nur auf Pádraics Seite steht. Dafür braucht es zwei Schauspieler, die das Publikum grundsätzlich sympathisch findet. Zwei Schauspieler, die diese düstere Geschichte voll und ganz tragen können.
Sie haben an anderer Stelle gesagt, niemand würde mehr traurige Filme machen. Wollten Sie mit „The Banshees of Inisherin“ das Gegenteil beweisen?
Martin McDonagh: Ich wollte vor allem die Traurigkeit einer Trennung einfangen, weil ich selbst gerade mittendrin steckte in diesem Gefühl. Also, ja, als ich den Film schrieb, versuchte ich wirklich, eine schmerzliche Geschichte zu erzählen. Und indem ich die Schwermut dieser Zeit in das Drehbuch miteinfließen ließ, schrieb es sich in vielerlei Hinsicht fast wie von selbst. Ich kam jeden Tag an den Punkt, wo ich mir sagte: Das ist gut, das passt. Dann musste ich weinen. Und ich finde es schön, dass diese Traurigkeit auch auf der Leinwand erhalten geblieben ist. Andererseits, wenn es nur darum ginge, wäre der Film sehr schwer anzuschauen. Deshalb ist Humor so wichtig, wie in allen meinen Geschichten. Auch Brügge sehen … hatte viele traurige Aspekte. Aber Brendan und Colin schaffen es immer wieder, sowohl ihre Figuren als auch die Zuschauer da raus zu holen. Es ist wirklich herzzerreißend, was sie sich ausgedacht haben, so dass Colm und Pádraic bei aller Melancholie und Niedergeschlagenheit trotzdem ganz auf der Seite des Lebens stehen.
Worin besteht für Sie die Faszination des Filmemachens im Vergleich zum Theater?
Martin McDonagh: Ich glaube, ich habe Filme immer schon vor dem Theater geliebt. Bereits als Teenager habe ich mich irgendwie ins Kino verliebt. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in der Lage sein würde, selbst Filme zu drehen, Geschichten filmisch zu erzählen. Vor allem Geschichten, in denen es nicht von Superhelden wimmelt. Geschichten, die mir sehr am Herzen liegen. Es ist einfach großartig, diese Möglichkeit zu haben, Teil dieser Welt zu sein.
Nach Ihrem Erfolg mit „Three Billboards“ standen Ihnen alle Türen offen, auch in Hollywood. Stattdessen haben Sie sich für einen relativ kleinen Film entschieden, ohne wenig Aufwand und mit einem überschaubaren Budget.
Martin McDonagh: Die Größe eines Projekts interessiert mich nicht. Im Gegenteil. In erster Linie geht es mir darum, so wenig wie möglich zu arbeiten. (Lacht.) Aber ganz im Ernst, für mich ist es entscheidend, die Kontrolle über das zu haben, was ich tue, und dass ich es wirklich gerne mache. In der Hinsicht ist mir Hollywood ziemlich egal. Aber technisch gesehen stammt das Geld von dort, also könnte man es auch einen Hollywood-Film nennen. Solange ich die Freiheit habe, genau den Film zu machen, den ich mir vorstelle, habe ich nichts dagegen. Und selbst wenn mein letzter Film nicht erfolgreich gewesen wäre, hätte ich mir diese Freiheit trotzdem bewahrt, denn ich kann und will nur so arbeiten, ohne irgendwelche Kompromisse einzugehen.
Der Schauplatz ist in Ihren Filmen fast immer ausschlaggebend. Das war bereits in „Brügge sehen …“ so und auch „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ trägt den Ort bereits im Titel, an dem die Geschichte spielt. In „The Banshees of Inisherin“ ist es eine irische Insel. Was hat es damit auf sich?
Martin McDonagh: Für mich spielt der Drehort einfach eine enorm große Rolle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schon immer so empfunden habe, oder ob es mir erst nach Brügge sehen … tatsächlich bewusst geworden ist, weil die Stadt in diesem Film ganz offensichtlich zu einer zentralen Figur wurde. Aber damals habe ich erkannt, dass es ein großartiger Weg ist, den man filmisch beschreiten kann. In Seven Psychos war es Los Angeles. Aber hier wollte ich wirklich auch die Schönheit der irischen Westküste einfangen, um sie als Figur in den Film einzubauen und ihr diesen zwiespältigen Charakter zu verleihen, der den Protagonisten Schaden zufügt. Im Kern geht es um die Trennung von zwei Männern, die die Insel, auf der sie leben, nicht verlassen können. Sie sitzen fest, physisch und in ihrem Kopf. Und diese Klaustrophobie des Ortes, die sich bei aller Schönheit der Natur entfaltet, war sehr wichtig. Dadurch entsteht eine Reibung, ein Ungleichgewicht, das die Handlung vorantreibt.
Es steckt auch ein seltsames Paradox in der Geschichte: Colm verlässt sich auf die Freundschaft mit Pádraic, er fordert sie heraus.
Martin McDonagh: Er setzt darauf, dass er ein bisschen klüger ist. Aber ich erinnere mich, dass ich das Drehbuch geschrieben habe, ohne genau zu wissen, was als Nächstes passieren würde. Es sind, glaube ich, nur zwei Dialoge, in denen es darum geht, dass Colm Pádraic die Freundschaft kündigt. Und als das nichts hilft, droht Colm ihm, sich selbst einen Finger abzuschneiden. Woher mir die Idee dazu kam, weiß ich nicht, aber es ist bei aller Drastik eine Art logische Schlussfolgerung, um Pádraic zu verstehen zu geben, dass Colm von nun an sein Bier allein trinken und auch sonst nichts mehr mit ihm zu tun haben will.
Sie erzählen die Geschichte vor dem Hintergrund des irischen Bürgerkriegs. In gewisser Hinsicht steht der Streit zwischen Colm und Pádraic als Metapher für all die vermeidbaren Kriege auf der Welt und das menschliche Versagen, das dahintersteckt.
Martin McDonagh: Ja, sehr sogar. Man kann den Film als einfache Trennungsgeschichte lesen, aber der Aspekt der Spiegelung des Bürgerkriegs zeigt, wie ein einfacher Streit zwischen zwei Männern oder zwei Seiten zu etwas eskalieren kann, das immer schlimmer wird, bis die Sache komplett aus dem Ruder läuft. Und auch in dieser Geschichte passieren unverzeihliche Dinge, die dazu führen, dass es irgendwann kein Zurück mehr gibt.
Haben Sie, ähnlich wie Colm im Film, auch das Bedürfnis, durch Ihr Werk etwas zu hinterlassen, etwas zu schaffen, das bleibt?
Martin McDonagh: Vermutlich schon. Vielleicht ist „Vermächtnis“ ein zu schweres Wort dafür, aber ich möchte gute Geschichten in die Welt setzen. Ich bin in der glücklichen Lage, Filme machen zu können. Ich empfinde das als ein großes Privileg. Und deshalb soll nichts Schlechtes dabei herauskommen, dann hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt. Aber es geht mir nicht so wie Colm, dass ich das Gefühl habe, in jeder Minute meines Lebens hart daran zu arbeiten. Ich denke, man kann genauso gut einfach ein zufriedener und liebeswerter Mensch sein. In der Hinsicht bin ich eher wie Pádraic. Aber ich denke auch, dass man rundum glücklich sein und trotzdem traurige Filme machen kann, das kommt noch hinzu.
Sie haben Ihren persönlichen Trennungsschmerz angesprochen. Wie schwer war es, beim Schreiben das Gleichgewicht zu halten zwischen dem, der mit der Freundschaft bricht und dem, der lernen muss, damit umzugehen?
Martin McDonagh: Ich habe das Drehbuch vor allem geschrieben, um den Schmerz zu verarbeiten, den ich selbst durch eine Trennung erlitten habe. Aber gleichzeitig will man natürlich nicht nur die Perspektive des Opfers einnehmen. Wahrscheinlich ist Opfer sowieso auch ein zu hartes Wort. Es ist wichtig, die Person zu verstehen, die den Schlussstrich zieht. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, dass sich beide Seiten perfekt die Waage halten, vielleicht stand es im Drehbuch zunächst 60:40 zu Gunsten von Colin Farrell. Aber als Brendan Gleeson und ich darüber sprachen, haben wir es auf 51:49 reduziert, so dass man im Laufe der Handlung hoffentlich trotzdem versteht, warum er tut, was er tut.
Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Unterdrückung von Gefühlen in der Dynamik dieser Männerfreundschaft?
Martin McDonagh: Ich glaube, es liegt an sich in der Natur von Männern, immer alles auszuschweigen und dadurch eskalieren zu lassen, egal wo sie leben. Der Film will jedoch genau das Gegenteil sagen, nämlich, dass es immer besser ist, darüber zu reden, auch wenn die Figuren es nicht können. Ich will zeigen, wohin einen die Verzweiflung führen kann, weil ich es interessant finde, das zu thematisieren. Ich hoffe, dass sich die Männer ein bisschen mehr öffnen, wenn es um solche Dinge geht. Und ich will mich da gar nicht ausschließen. Es ist auch eine Lehre für mich, denn ich bin genauso ein Schuldiger, wenn es darum geht. Ich denke, Kerry Condon, die Pádraics Schwester spielt, ist deshalb eine interessante Schlüsselfigur, weil sie sieht, welchen Schaden die Männer um sie herum anrichten, und sie schließlich damit umgehen muss. Sie ist diejenige, die alles nüchtern von außen betrachtet und die Dummheit hinter all dem erkennt, was vor sich geht. Sie ist so etwas wie die Stimme des Bewusstseins, das Gewissen des Films – und vielleicht auch die Stimme der Hoffnung.
