„X-Men: Apocalypse“ von Bryan Singer unterhält zwar über weite Strecken routiniert, trägt aber kaum Neues zur langlebigen Mutantensaga bei.
Eben noch gerieten sich in Alex Proyas’ Fantasyfilm Gods of Egypt einige mythologische Figuren aus dem Land der Pharaonen in die Haare, schon sorgt der nächste Übermensch für Ärger: Im mittlerweile sechsten Teil der im Jahr 2000 gestarteten X-Men-Saga (zwei Wolverine-Solofilme sowie den separat operierenden Deadpool nicht mitgerechnet) erwacht der altägyptische Gott Apocalypse (Oscar Isaac) aus einem Schlaf, der mehrere tausend Jahre dauerte. Sein Plan: Die moderne Welt – man schreibt 1983 –, die ihren Glauben an ihn verloren hat, vernichten, damit eine neue, vermeintlich bessere entstehen kann. Obwohl Apocalypse so gut wie allmächtig zu sein scheint, braucht er, die Überlieferung will es eben so, vier Gehilfen. Und die findet er in Mutanten, darunter Metallmanipulierer Magneto (Michael Fassbender), der den Glauben an die Menschheit verlor, als seine Familie in Auschwitz getötet wurde. Dass nun bei einem Polizeieinsatz auch noch Frau und Kind ums Leben kommen, macht seine Laune nicht besser (dass Apocalypse Magneto übrigens kurz in das Konzentrationslager transportiert, um seinen Zorn anzustacheln, mögen manche in einem Sommerblockbuster vielleicht Fehl am Platz finden).
In Opposition zum zürnenden Gott und seinen Spießgesellen treten Formenwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) und Telepath Professor Xavier (James McAvoy), dessen Mutantenschule diesmal altbekannte Neuzugänge wie Feuerauge Cyclops (Tye Sheridan) und Teleporteur Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) zu verbuchen hat. Optimismus trifft auf Pessimismus, Destruktivität auf Konstruktivität.
Als Bryan Singer die auf der Marvel-Comicreihe basierende Saga im Jahr 2000 mit X-Men startete, erntete er nicht zuletzt aufgrund der Ernsthaftigkeit, mit der er sich des Themas annahm, gute Kritiken. Die Mutanten, das waren die Anderen, die Außenseiter, die Misfits, die unter den Vorurteilen und Ängsten einer ihnen feindlich gesinnten Gesellschaft zu leiden hatten. Diese Themen finden sich auch im episch angelegten Apocalypse, doch hat der Film letztlich wenig Neues zum Konflikt zwischen dem Humanisten Xavier und dem Menschenfeind Magneto beizutragen – wieder einmal werden altbekannte Positionen aufgewärmt (übrigens ist es heuer in Mode, Superhelden gegeneinander antreten zu lassen, siehe Captain America: Civil War und Batman v Superman). Der zürnende Gott Apocalypse erscheint nach einem durchaus bedrohlichen Beginn immer banaler, das CGI-Feuerwerk, mit dem Landmarks wie die Oper von Sydney zerstört werden, hat man schon in Weltuntergangsfilmen der Marke Emmerich gesehen und der Gastauftritt eines alten Bekannten gestaltet sich eher überflüssig, auch wenn mittels Post-Credit-Szene ein neuer Teil vorbereitet wird (Neueinsteigern in das „X-Men“-Universum sei übrigens empfohlen, sich einige der früheren Filme anzusehen, geizt der Film doch nicht mit Anspielungen auf die anderen Teile).
Menschlich überzeugend ist der Film hauptsächlich beim jungen Personal, aus dem neben Sophie Turner als die mit telekinetischen Kräften ausgestattete Jean Grey vor allem Evan Peters als superschneller Quicksilver herausragt. Die Szenen, in denen er seine Superkräfte einsetzt, verbinden gekonnt Humor und Spezialeffekte: Als Quicksilver einige Mit-Mutanten zu den Klängen von „Sweet Dreams“ vor einer Explosion rettet, erscheint die Welt, durch die er seelenruhig spaziert, mitten in der Bewegung erstarrt. Schön anzusehen ist auch das Achtziger-Jahre-Setting: Ironisch-nostalgisches Zeitkolorit zählt immer mehr zu den Stärken der Reihe, deren letzte beide Filme sich stilvoll in den Sechzigern (X-Men: First Class, 2011, Regie: Matthew Vaughn) und Siebzigern (X-Men: Days of Future Past, 2014, Regie: Bryan Singer) tummelten. Gelungen sind auch einige Meta-Witze: Als man sich den „Star Wars“-Film Return of the Jedi ansieht, heißt es, dass dritte Teile immer die schlechtesten seien. Eine Spitze gegen The Last Stand, jenen 2006 erschienenen, von Brett Ratner inszenierten dritten „X–Men“-Film, der bei Fans und Kritikern alles andere als gut ankam. Zur Beruhigung: Apocalypse mag sein Potenzial nicht voll ausschöpfen, doch so übel wie The Last Stand ist er bei Weitem nicht.
