Godzilla

Psychogramm eines Monsters

| Jörg Buttgereit |
Aus Anlass des millionenschweren Reboots: 60 Jahre Godzilla im Kino und für zu Hause im Schnelldurchlauf – vom Experten schlechthin.

Mit Godzilla, dem amerikanischen Reboot des britischen Regisseurs Gareth Edwards (Monsters) kommt rechtzeitig zum 60. Geburtstag der japanischen Riesenechse der mittlerweile 30. Godzilla-Film in die Kinos. Doch wer oder was ist Godzilla eigentlich? Ein Monster? Bedingt. Ein kaiju? Genau! Die Bezeichnung dai kaiju steht in Japan für riesenhafte Tiere oder mythologische Fabelwesen, die in Filmen traditionsgemäß von tapferen Schauspielern in Latexkostümen dargestellt werden, die so durch Miniaturkulissen toben und gegen Spielzeugpanzer kämpfen. Gojira, der eigentliche Name der Bestie, setzt sich aus den japanischen Wörtern für Gorilla (gorira) und Wal (kujira) zusammen. Dieses große Tier aus dem Meer ist weder gut noch böse, weder männlich noch weiblich. Es „ist“ einfach. Gojira hat sein Wesen in den letzten sechs Jahrzehnten oft geändert, ist zu einer Projektionsfläche japanischer Befindlichkeiten geworden, zu einem Sinnbild für die bedrohlichen Naturkatastrophen, die den Inselstaat regelmäßig heimsuchen, aber auch Barometer für politische Missstimmungen.

Schlaglichter einer bewegten Filmkarriere: Erweckt wurde der in der Tiefe des Pazifiks schlafende Urzeitriese durch den Knall eines amerikanischen Atomtests auf dem Bikini-Atoll im Jahr 1954. Die verstrahlte Echse geht in Japan an Land, walzt über Tokyo und bringt mit seinem radioaktiv-blauen Feueratem Tod und Vernichtung. Der Regisseur Honda Ishiro sagt später über seinen düsteren Schwarzweißfilm Gojira: „Als ich aus dem Krieg zurückkehrte, kam ich auch durch das von der Atombombe zerstörte Hiroshima. Ich sah das Resultat der Explosion mit eigenen Augen. Für mich ist Gojira eine wandelnde Atombombe. Das Feuerspucken symbolisiert den Feuersturm von Hiroshima.“ Die ersten Kritiker, die diesen Zusammenhang begreifen, sind die für die Bombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki verantwortlichen Amerikaner. Als der Film 1956 unter dem Titel Godzilla – King of the Monsters in den US-Kinos anläuft, fehlen viele der zu deutlich anklagenden Szenen. Und Godzilla wird als „König der Monster“ abgestempelt.

1962 kommt es in Hondas Kingu Kongu tai Gojira (Die Rückkehr des King Kong) zur unausweichlichen Konfrontation der Nationen. Der amerikanische Riesengorilla King Kong wird auf einem gigantischen Floß nach Tokyo verschifft, um sich mit dem japanischen kaiju einen ausgelassenen Boxkampf zu liefern. Da es sich um eine japanisch-amerikanische Koproduktion handelt, geht der Kampf unentschieden aus. Dennoch ist Japan stolz auf Gojira. Mit 12,6 Millionen Kinobesuchern ist Kingu Kongu tai Gojira der bis heute populärste Godzilla-Film in Japan. Die erste Staffel mit insgesamt 15 Filmen, die so genannte Showa-Staffel (entstanden zwischen 1954 und 1975 in der Regierungszeit des Tenno¯ Hirohito) kommt ins Rollen.

1967 hat Gojira genug von der menschlichen Zivilisation, die ihn nicht versteht und deshalb bekämpft. Der Regisseur Fukuda Jun schickt ihn in Kaiju¯-to¯ no kessen Gojira no musuko (Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn) auf eine paradiesische Südseeinsel. Hier findet das geschlechtslose kaiju ein Ei, aus dem ein Baby-Gojira, Minira (oder: Minilla), schlüpft. Das vermeintliche Monster übernimmt Verantwortung und genießt Mutter/Vater-Freuden. Ein äußerst putziger Film für die ganze Familie. Wären da bloß nicht wieder diese Menschlein, die in dem Paradies unbedingt Wetterexperimente durchführen müssen und die Insel in eine ungemütliche Schneewüste verwandeln.

Ende der sechziger Jahre ist der deutsche Filmverleih Constantin Film der Meinung, der Name Frankenstein sei zugkräftiger als der Name Godzilla. In Anlehnung an Honda Ishiros Gruselfilme Furankenshutain tai Chitei Kaiju Baragon (Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht, 1965) und Furankenshutain no Kaiju – Sanda tai Gairah (Frankenstein – Zweikampf der Giganten, 1966) tauscht man den Namen Godzilla in Filmtiteln fortan gegen Frankenstein aus. Zudem laufen die Godzilla-Filme erst zeitversetzt und in falscher Reihenfolge in den Kinos an. Die Konfusion beim Publikum im immer unüberschaubarer werdenden Kaiju-Universum wirkt bis in die heutige Zeit nach.

Die Infantilisierung Gojiras findet ihren Höhepunkt zu Beginn der siebziger Jahre. Das kaiju ist zum Liebling der Kinder geworden. Mit ihm lassen sich inzwischen pädagogisch wertvolle Erziehungsmaßnahmen durchsetzen. In Gojira tai Hedorah (Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster, 1971) wird Godzilla zum Müllmann der Nation und zieht in einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen das scheußliche Smog-Monster Hydrox (eigentlich Hedorah). Regisseur Banno Yoshimitsu erklärte mir 2002 in Tokyo seine Beweggründe: „Ich wollte ganz bewusst einen Gojira-Film mit Botschaft machen. Die Umweltverschmutzung ist eine Begleiterscheinung unseres wissenschaftlichen Fortschritts. Damals fingen die beängstigenden Probleme in Japan erst an. Und das Smog-Monster ist so mächtig, dass selbst Gojira Schwierigkeiten hat, es zu stoppen. Ich hatte die Hoffnung, mein Film könne einen positiven Einfluss auf das Umweltbewusstsein unserer Kinder haben.“ Bannos Rechnung geht auf. Kinder in aller Welt können sich mit Gojira identifizieren. Die Filme sind Exportschlager und laufen weltweit in den Jugendvorstellungen der Kinos. Im heimischen Fernsehen kämpft Gojira an der Seite der japanischen Superhelden-Familie Sakimori in der quietschbunten 26-teiligen TV-Serie Ryu¯sei Ningen Zone (Zone Fighter, 1973) und wird so selbst zum gefeierten Superhelden.

Auch der Name King Kong findet nun unsinnige Verwendung in deutschen Filmtiteln. Die gigantischen Meka (Cyborgs oder Roboter) Mekagojira und Jet Jaguar bekommen in den deutschen Fassungen den Namen des weltberühmten Riesenaffen. So kommt es, dass die Riesenechse in der deutschen Fassung King Kong gegen Godzilla (Gojira tai Mekagojira, 1974) in Wirklichkeit gegen den außerirdischen Mekagojira antreten muss. Die Keilerei findet auf der bis zum Mai 1972 von den amerikanischen Truppen besetzten Blumeninsel Okinawa statt. Die Aliens, die Mekagojira auf Okinawa stationiert haben, werden zwar von Japanern gespielt, verhalten sich aber, dicke Zigarren schmauchend, wie hässliche Amerikaner. Patriot Gojira hat in Gojira tai Mekagojira nun die ehrenhafte Aufgabe, diese Besatzer mit ihrem B-52-Mechagodzilla-Bomber von der Insel zu werfen. Im Moment des Todes zeigen die Invasoren dann ihr wahres Gesicht und verwandeln sich in Primaten vom Planet der Affen. Anschließend einigt sich Diplomat Gojira noch mit dem zotteligen Schutzgott King Shisa (ein hundeartiges Lebewesen mit Löwenkopf aus der Mythologie Okinawas), dass sein ehemaliges Königreich Ryukyu, das erst 1879 von Japan einverleibt und in Okinawa umbenannt wurde, nur im Verbund mit Japan monsterstark sein kann.

Mit Beginn der zweiten Serie (1984 bis 1995), der Heisei-Staffel (benannt nach der Regierungsphase des Tenno Akihito), besinnt sich das kaiju in Gojira 1984 (Godzilla – Die Rückkehr des Monsters) wieder auf seine grummelige Seite. Es ist nun wieder unbändige Naturgewalt, steigt aus dem Meer und nimmt ungeachtet der Folgen für die Umwelt ein Atomkraftwerk ins Visier, um sich mit radioaktiver Energie aufzuladen. Dazu setzt es sich einfach auf den Reaktor und lässt sich unbeeindruckt verstrahlen. Ein Bild, das im Angesicht der zukünftigen Katastrophe von Fukushima (und der für westliche Gemüter unverständliche anfängliche Gleichmut der Japaner gegenüber der Reaktorkatastrophe) heute nahezu prophetisch wirkt. Schlafwandlerisch langsam stapft der verstrahlte Gigant dann verloren durch Tokyo, dessen Wolkenkratzer ihn jedoch inzwischen überragen.

Nach dem Platzen der Wirtschaftsblase Anfang der neunziger Jahre strotzt Gojira wieder vor Kraft und Übermut. In Omori Kazukis Spektakel Gojira tai Kingu Ghidora (Godzilla – Duell der Megasaurier, 1991) liefert sich Gojira ein fröhliches Duell mit dem dreiköpfigen goldenen Drachen King Ghidora. Die kaiju stellen im Wolkenkratzerviertel Shinjuku (dem damals neuen Verwaltungssitz der Präfektur Tokyo) den Zusammenbruch des japanischen Aktien- und Immobilienmarktes nach und reißen die 250 Meter hohen Doppeltürme des Verwaltungsgebäudes ein. Autor und Regisseur Omori verriet mir 2012 in einem Interview: „Natürlich geht es in Gojira tai Kingu Ghidora unterschwellig um den überzogenen Wirtschaftsboom dieser Zeit und das Platzen der großen Spekulationsblase. Dadurch hat die japanische Wirtschaft einen erheblichen Rückschlag erlitten. In meiner Heimat hat man mich dafür kritisiert, dass ich Japan in meinem Film so schlecht dargestellt habe.“

Nach erfolglosen Anläufen von Alex Cox (Repo Man) und Jan de Bont (Speed) inszeniert Roland Emmerich 1998 das erste amerikanische Remake Godzilla. Ein monströser Super-GAU. Der durch französische Atomtests erweckte Riesensaurier geistert ruhelos als seelenlose Computeranimation durch Manhattan und wird brutal vom amerikanischen Militär auf der Brooklyn Bridge niedergeschossen. Die Fans sind empört. Auch weil der Leguan im Madison Square Garden Eier legt und somit ein Weibchen sein müsste. Im Sepember 1999 sprach ich Jan de Bont auf seinen nicht realisieren Godzilla-Film an: „Meine Version war ganz anders als die von Roland. Er hat ja Godzilla völlig anders aussehen lassen und das gesamte Konzept geändert. Ich glaube, um einen guten Godzilla-Film zu machen, benötigt man immer ein zweites, böses Monster. Schließlich kann man Godzilla doch nicht als Bösewicht porträtieren. In meiner Version gab es dieses außerirdische neue Monster mit dem Namen Griphon, mit dem Godzilla in New York aneinandergerät. Eine riesige Monsterschlacht, bei der Godzilla New York rettet. Darum geht es für mich bei Godzilla-Filmen. Dummerweise war TriStar der Meinung, zwei Monster würden den Kostenrahmen sprengen. Sie wollten unbedingt modern sein, und Godzilla sollte wie ein Saurier aus Jurassic Park daherkommen.“

Der japanische Regisseur Kaneko Shusuke erklärte mir 2002 in Tokyo, warum Godzilla unbesiegbar bleiben muss: „Wir Japaner haben nach der Kapitulation von 1945 den Respekt vor unseren Streitkräften verloren. Deswegen wollen wir Monster sehen, gegen die das Militär machtlos ist. Der amerikanische Godzilla hingegen flüchtet vor den Waffen der US-Armee und stirbt am Ende auch durch sie. Die größten Schäden in Manhattan entstehen durch die Raketen und nicht durch Godzilla. Für Amerikaner scheint es unvorstellbar, dass ein Monster den Angriff ihrer Waffen überleben könnte.“ In seinem grimmigen Spektakel Gojira, Mosura, Kingu Ghidora – Daikaiju Sokogeki (Godzilla, Mothra and King Ghidorah: Giant Monster All-Out Attack, 2001) macht Kaneko die kaiju zu Göttern mit Ehrenkodex. Sein Gojira ist der fleischgewordene Yasukuni-Schrein (in dem Shinto-Schrein in Tokyo werden die Heldenseelen des japanischen Militärs verehrt – auch die von zum Tode verurteilten Kriegsverbrechern). Er wird getrieben von den ruhelosen Seelen der gefallenen japanischen Soldaten des verlorenen Pazifikkrieges. Als blindwütiger Rachegott (seine Augen haben keine Pupillen) versucht Gojira verzweifelt, die Ehre der Nation zu retten. Er tritt am Fuße des göttlichen Berges Fuji (Fuji-san) gegen die gemäßigten und moralisch einwandfreien kaiju Baragon, den „Gott des Landes“, Riesenfalter Mothra, den „Gott der See“ und der Reinkarnation seines Erzfeindes King Ghidorah, den „Gott der Lüfte“ an.

In der finalen Millennium-Staffel (1999 bis 2004) fand Gojira zu seinem universellen, neutralen Wesen zurück. In der Gestalt einer Naturgewalt, mit der sich der Mensch zu arrangieren hat, wird er uns auch im neuen Reboot von Legendary Pictures begegnen. Doch wird Gojiras kami (seine geistige Wesenheit) die Digitalisierung in dem Hollywood-Spektakel überleben? Ein Film, der beinahe so teuer sein dürfte wie alle bisherigen japanischen Gojira-Filme zusammen. Eines ist Regisseur Gareth Edwards hoffentlich klar: Der wahre Godzilla kann nicht sterben.