Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein

Filmkritik

Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein

| Jakob Dibold |
Ganz reale Tragödien: ein besonderer Film über Flucht und die Unterdrückung der Frau

Ein afghanisches Dorf nahe der iranischen Grenze. Die junge Goli Jan muss den Tod ihres Vaters verkraften, der von den Taliban ermordet wurde. Als ihr Onkel, von dem sie und ihre Mutter finanziell abhängig sind, sie dann auch noch einem älteren Mann als Zweitfrau zusagt, ist völlig klar: Leben kann sie nur woanders. Mit Jawad, dem wackeren Fahrradboten des Dorfes, wagt sie notdürftig als Junge verkleidet die Flucht nach Teheran, wohl wissend, dass sie auch dort nur in Verheimlichung ihres Mädchen-Seins arbeiten können wird. Nachdem die beiden auch tatsächlich als Hilfskräfte am Bau anfangen dürfen, bedeutet dies natürlich leider kein Ende der Probleme: Zwar fällt das Auffliegen der Geschlechts-Verkleidung nicht schwer ins Gewicht, doch droht der wütende Onkel bald, der da schon ein gutes Jahr lang sich entfaltenden Hoffnung ein jähes Ende zu setzen.

Wieso dieser Film thematisch heute noch aktueller ist, als er es am Anfang seiner beeindruckenden Produktionsgeschichte schon war, ist angesichts der Entwicklungen in Afghanistan den Tageszeitungen zu entnehmen. Wie aber eine dieser Aktualitäten aussieht und sich anfühlt, zeigen hier die ebenso brutal-nüchternen wie spannend-dramatischen Mittel eines Spielfilm-Dramas, das kaum ein Kriterium eines „normalen“ Spielfilms erfüllen muss, um hochwirksam zu sein: Unter widrigsten Dreh-Bedingungen und natürlich ohne offizielle Genehmigung sehen wir Laien, die eine nur wenig abgeänderte Version ihrer eigenen Lebensrealität nachspielen. Goli Jan ist pure Filmarbeit, ein Kraftakt, der aus kaum Budget maximales Kapital schlägt. Dass seine Bilder zwar nicht in gewöhnliche cineastische Aufpoliertheit getüncht sind, mag das Seherlebnis mancher irritieren, genauerer Betrachtung eröffnen sich jedoch wohlüberlegte Einstellungen, beinahe verspielte Auflösungen des Bildgeschehens vor dem nächsten Schnitt und der ein oder andere (einer davon erschütternd famos) statische Take mit viel räumlicher Tiefe.

Die Geschichte, die Regisseur Houchang Allahyari, dem das Filmarchiv Austria im September eine Retrospektive widmet, erzählt, spricht über ewig Kompliziertes und ist doch eine geradlinige Odyssee mit wehenden Fahnen der Anprangerung aller ihrer Gräuel. Mit mehr als nur einer Happy-End-Andeutung, die sich als Schein entpuppt und Emotionen, die gerade dadurch echt wirken, weil meist ersichtlich ist, wie echt die Menschen sind, die sie spielen, ist die finale Fassung der außergewöhnlichen Kamerareise trotzdem keine kühle Abhandlung, sondern im Gegenteil ein intimer energetischer Sog.