Was kommt heraus, wenn David Fincher einen mittelmäßigen Roman verfilmt? Ein Film mit narrativen Hohlräumen und Spurenelementen von Finchers Handschrift.
Dieser Film leidet, und man leidet mit. Er leidet erstens und zuvorderst unter dem Hype, der mittlerweile um jeden von David Finchers Filmen gemacht wird, seit er – Schwamm drüber über Alien 3 (1992) – mit Se7en (1995) kometenhaft im Filmuniversum auftauchte. Dieser Mann war ab sofort und zu Recht ein Guter. Dankbar, wie die gesamte Filmbranche vom Produzenten bis zum Kritiker nun einmal ist, wenn jemand einen anständigen Film zustande bringt, der auch noch Geld macht, wuchsen mit Finchers Aufgaben auch die Erwartungen. Und er meisterte sie zwar unterschiedlich, aber zumeist bravourös. Ja, er setzte mit Zodiac (2007) ein weiteren Glanzpunkt. Darüber hinaus erwies er sich nicht nur als formidabler Thriller-Regisseur. Selbst The Social Network (2010), seine biografische Annäherung an Mark Zuckerberg, wusste zu gefallen. Über die Sinnhaftigkeit von The Girl With the Dragon Tattoo (Verblendung, 2011), dem Instant-Remake der schwedischen Verfilmung von Stieg Larssons Bestseller, konnte man diskutieren, aber der Film hatte zumindest eine packende Story und prima Schauwerte im verschneiten Schweden.
Mittelklasse-Krimi
Dementsprechend hoch lag also die Latte für Gone Girl. Es handelt sich um die Adaption eines weiteren Bestsellers, diesmal von der 43-jährigen US-Amerikanerin Gillian Flynn, die man auch das Drehbuch schreiben ließ. Damit setzt sich das Leiden fort, denn das Buch von Ms. Flynn, erschienen im Juni 2012 und ihr drittes nach „Cry Baby“ und „Dark Places“, ist leider eine matte Sache: „,Gone Girl‘ ist gute, abwechslungsreiche Unterhaltungsliteratur, aber von einem Thriller weit entfernt. Bis auf zwei wirklich überraschende Volten ist der Handlungsablauf vorhersehbar, die falschen Spuren sind zu offensichtlich, und das Ende ist naheliegend und enttäuschend.“ So harsch urteilt Jürgen Priester auf der hochseriösen Webplattform www.krimi-couch.de. Sechs Millionen Menschen, heißt es, haben weltweit das Buch gelesen. Solche Zahlen beeindrucken natürlich Hollywood, wo man immer gierig auf der Suche nach Stoffen ist. Aber können sechs Millionen Leserinnen und Leser nicht irren? Seit Kriminalromane in den letzten Jahren zu boomen begonnen haben, sind die Trennschärfe und das Qualitätsbewusstsein leider ein wenig abhanden gekommen. Sieht man sich in einer durchschnittlichen Flughafenbuchhandlung um, liegen da so viele Krimis, dass die gar nicht alle gut sein können – und „Gone Girl“ ist leider bestenfalls mittelprächtig.
Man darf David Fincher schon zutrauen, dass er etwas an und in dem Buch gefunden hat, was ihn ansprach. Aber was? Wenn man als Zuschauer(in) darauf eine schlüssige Antwort findet, ist man fein heraus. Der Krimi-Plot jedenfalls geht so: Nick Dunne (Ben Affleck), Journalist in New York, ist vor einigen Jahren in seine Heimatstadt in Missouri zurückgekehrt, um seine schwer kranke Mutter zu betreuen – zusammen mit seiner Frau Amy (Rosamund Pike), die ebenfalls schreibt, aber vor allem deswegen berühmt ist, weil sie als Kind von ihren Eltern in der überaus populären Buchreihe „Amazing Amy“ verewigt wurde – sicher keine angenehme Erfahrung. Während Nick sich in der Kleinstadt gut eingerichtet hat, leidet Amy unter dem beschränkten Umfeld. Zu Beginn des Films (die Vorgeschichte erfahren wir in sporadischen Rückblenden) feiern die beiden ihren fünften Hochzeitstag bzw. haben es vor. Doch am Morgen dieses Tages verschwindet Amy. Nick, der nachweislich bei seiner Schwester Margo (Carrie Coon) in der Bar sitzt, die die beiden gemeinsam betreiben, hat ein Alibi – aber nur so lange, bis in der Dunne’schen Küche Spuren von Amys Blut gefunden werden. Mehr sollte man wirklich nicht verraten, außer dass Nick, auch dank einiger ungeschickter Medienauftritte, unter Verdacht gerät. Nur soviel: Das Thriller-Geschehen läuft ganz ungeheimnisvoll und linear vor unseren Augen ab. Daraus bezieht der Film nicht seine Spannung. Woraus sonst? Der Experte von der Krimi-Couch weiter: „In toto ist der Roman wohl eher das Psychogramm einer Ehe“, und das ist es wohl auch, was David Fincher bewogen haben mag, diesen Stoff zu verfilmen.
Medienrummel
Doch auch da hakt es leider. Jürgen Priester: „Das mag Gillian Flynns Eigenart geschuldet sein, als Hauptprotagonisten nicht gerade Sympathieträger ins Rennen zu schicken. Dieser Eindruck stellte sich (…) schon bei Flynns Debüt „Cry Baby“ und ganz besonders beim nachfolgenden Roman „Dark Places“ ein. Auch Amy und Nick in „Gone Girl“ wirken eher wie die Abstraktion zweier sogenannter Dinks (Double Income, No Kids). Als Leser tut man sich schwer, ihren Gefühlen, welcher Art auch immer, zu folgen.“ In der Tat: Es wird nicht wirklich klar, was diese beiden Menschen zueinander geführt und was sie bewogen hat, fünf Jahre miteinander zu verbringen. Und je mehr Details aus dieser Ehe ans Licht kommen, desto weniger wird es verständlich. Noch dazu spielt Ben Affleck, dessen Nick durch alle emotionalen Höhen und Tiefen geht, der von der Polizei, der Öffentlichkeit und den Medien durch den Fleischwolf gedreht wird, den Charakter mit stoischer, um nicht zu sagen, mit einer einzigen Miene. Die schöne Britin Rosamund Pike dagegen müht sich tapfer und ist neben Kim Dickens als Polizistin und Tyler Perry als Nicks smarter, mediengeübter Anwalt ein absoluter Pluspunkt des Films.
Was letztlich bleibt, ist der Medienrummel, den das Verschwinden Amys erwartbarerweise auslöst. Wenn man einmal davon absieht, dass man all das schon ziemlich oft gesehen hat, dann liegt hier die Stärke des Films, und Fincher schöpft aus dem Vollen: So viel Fiesheit und Niedertracht war selten. Vor allem die durchgeknallte Late-Night-Moderatorin Ellen Abbott (Missi Pyle), die die Chance auf mehr als 15 Minuten Ruhm wittert, hat sich auf Nick eingeschossen und scheut vor keiner Lüge und Halbwahrheit zurück, um neben ihm auch Unschuldige (wie seine Schwester) in den medialen Dreck zu zerren. Quotengeile Fernsehsender, der Internet-Shitstorm, die Instagram-Schnappschüsse, die gierige Fotografenmeute auf dem Rasen vor dem Haus der Dunnes: All das breitet Fincher genüsslich aus, und es beansprucht einen stattlichen Anteil seiner breit angelegten 145-Minuten-Erzählung. Diesem aberwitzigen Treiben zuzuschauen, macht Spaß, entschädigt aber nicht ganz für das viele Vakuum rundherum.
