Good Boy Film

Filmstart

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes

| Oliver Stangl |
Viddy well im Landhauskeller

Der polnische Regisseur Jan Komasa widmet sich mit Vorliebe unbequemen Themen und sozial auffälligen Charakteren, die Gewalt und Drogen nicht abgeneigt sind. Sein oscarnominierter Corpus Christi (2019) basierte auf der wahren Geschichte eines jugendlichen Kriminellen, der sich als Priester ausgibt und in diesem Amt einen neuen Lebenssinn findet; in The Hater (2020) geht es um einen Online-Hetzer, der mit den realen Konsequenzen seiner Taten konfrontiert wird. 

Tommy (Anson Boon), einer der Protagonisten von Good Boy, reiht sich da nahtlos ein: Der 19-jährige Brite liebt Koks und illegale Autorennen in gestohlenen Kisten; Videos seiner Taten lädt er in sozialen Medien hoch. Während einer wilden Nacht wird er allerdings entführt und wacht angekettet in einem Landhaus wieder auf. Darin leben Chris (Stephen Graham) und Kathryn (Andrea Riseborough) mit ihrem zehnjährigen Sohn Jonathan und dem mazedonischen Dienstmädchen Rina. 

Chris hat es sich zum Ziel gesetzt, Tommy zu einem besseren Menschen umzuerziehen: Dies tut er mit der Vorführung von Gewaltvideos und Erziehungsfilmen. Chris ist einerseits freundlich, andererseits setzt er Schläge und Elektroschocker ein. Dass die Kritik Vergleiche mit Kubricks A Clockwork Orange zog, sollte nach dieser Synopsis nicht verwundern. Dennoch: Mit schwarzem Humor und wechselnder Dynamik zwischen den bewusst überzeichneten Charakteren (Tommy ist wehrhaft, zeigt aber auch sanfte Seiten, als er sich mit Jonathan anfreundet) bietet der Film bis zum Finale überraschende Wendungen. Themen wie freier Wille vs. Umerziehung sind gut herausgearbeitet, auch die wohl traumatische Vergangenheit der Figuren wird geschickt angedeutet. Das Ensemble brilliert, allen voran Boon als Alex DeLarge-Variante (Tommy ist intelligent und zumindest anfangs moralbefreit) und Graham als Zuckerbrot-und-Peitsche-Erzieher. Zur Qualität trugen zudem prominente Namen im Hintergrund bei: Als Produzenten fungierten u. a. Jeremy Thomas (Bertoluccis The Last Emperor, Cronenbergs Naked Lunch) und Jerzy Skolimowski (Regisseur von Kultfilmen wie Deep End und The Shout) – zwei Filmschaffende, die sich ebenfalls gerne unbequem-radikalen Werken widmen. Skolimowski war es auch, der Komasa das Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid vorlegte und vorschlug, die Handlung von Warschau nach England zu verlegen, um den internationalen Appeal zu erhöhen. Apropos schwarzer Humor: Dazu gehören auch (unfreiwillig) die ersten zweieinhalb Minuten des Films – diese bestehen nur aus den Logos der Produktionsfirmen und Förderern. Könnte von Monty Python sein, macht aber deutlich, wie schwierig es heutzutage ist, Geld für anspruchsvolle Filme zusammenzukratzen.