21 BRIDGES – Chadwick Boseman

21 Bridges | Interview

Good Cop, Bad Cop

| Pamela Jahn |
Chadwick Boseman ist im Alter von nur 43 Jahren an Krebs gestorben. Aus diesem Anlass bringen wir nochmals unser Interview aus dem Februar-Heft 2020, in dem er über seinen Film "21 Bridges", über Polizisten, Cop-Thriller-Klassiker und über Superheldenfilme wie „Black Panther“ spricht.

Profi-Baseball, Soul-Musik oder die Juristerei, Chadwick Boseman verbeißt sich in jede Disziplin, um einer Figur, einem Leben, einer Legende im Kino Ausdruck zu verleihen. Mit einer Akribie, die ihresgleichen sucht, stürzt er sich regelrecht in seine Rollen, beeindruckte 2014 als James Brown in Tate Taylors Get on Up ebenso wie 2018 als König T’Challa aka Black Pather in dem gleichnamigen Marvel-Kino-Phänomen. Nach drei Superheldenfilmen in Folge hat er zur Abwechslung jedoch wieder nach etwas Erdigem gesucht, nach einem Film, der ihn und seine am Theater geschulte Darstellungskraft auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Für 21 Bridges, einen modernen Polizei-Thriller der alten Schule, inszeniert von Game of Thrones-Regisseur Brian Kirk, hat er schließlich bei der New Yorker Polizeibehörde NYPD angeheuert – eine Erfahrung, die dem privat eher sanft anmutenden Schauspieler sichtlich durch Mark und Bein ging. Und auch sonst, so scheint es, wurde ihm seine Zeit im Revier und auf der Straße zu einer Lektion, die länger nachhallte als die knapp 100 Minuten unterhaltsames Popcorn-Kino, die der Film dem Publikum bereitet.

Sein Polizist, Andre Davis, ist, wie Boseman selbst, kein einfacher Typ – engagiert, verkopft und eigensinnig. Nachdem mehrere seiner Kollegen bei einem Einsatz ermordet wurden, hat der nonkonforme Detective genau eine Nacht, um die Täter zu schnappen. Dafür veranlasst er kurzerhand, Manhattan von der Außenwelt abzuriegeln, lässt alle 21 Brücken und sonstigen Verkehrswege in und aus dem Stadtteil hinaus sperren, um den Fahndungsradius einzudämmen und die Verbrecher in die Ecke zu drängen. Die Prämisse klingt simpel, ist sie auch, aber geht auf. 21 Bridges entpuppt sich als ein A-List-B-Movie im besten Sinne. Zudem legt Boseman als hartgesottener Cop mit Herz und jeder Menge Klischees am Kragen eine Ausstrahlung und die dazugehörige physische Präsenz an den Tag, wie sie Clint Eastwood, Gene Hackman oder Nick Nolte in ihren besten Tagen auf der Leinwand zu verkörpern wussten. Ein Superheld ist der heute 42-Jährige deshalb noch lange nicht, will es auch gar nicht sein. Als Schauspieler mit Potenzial zum bescheidensten Superstar überzeugt er dafür umso mehr.

Mr. Boseman, Sie sind dafür bekannt, dass Sie sich extrem gründlich auf jede Ihrer Rollen vorbereiten. Was hat Ihre Recherche diesmal beinhaltet?
Chadwick Boseman: Als ich zu dem Projekt kam, wurde das Drehbuch gerade komplett umgeschrieben. Das heißt, zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, wie sich meine Figur im Lauf des Films gestalten würde. Wir wussten, was der Konflikt sein würde, wir kannten die Verbrecher besser, als wir beispielsweise über Andre Davis und die diversen Twists in der Handlung Bescheid wussten. Aber ich musste irgendwo anfangen. Also habe ich mich mit echten Polizisten getroffen und bin mit einem Beamten des LAPD schließlich auch auf den Schießplatz gegangen. Wir haben so in etwa 500 Schuss pro Tag abgegeben. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich niemand bin, der jemals eine eigene Waffe besitzen, geschweige denn gebrauchen wollen würde. Zwar habe ich auch schon vorher mal eine Pistole in der Hand gehalten und wurde in meiner Jugend mit Waffen konfrontiert, aber das war etwas anderes. Ich wollte nie etwas damit zu tun haben und war immer sofort weg, wenn es brenzlig wurde. Aber für den Film musste ich meinen inneren Schweinehund überwinden und mich den Schießübungen hingeben, drei bis vier Mal pro Woche, um meinen Körper den Stress und die Anspannung fühlen zu lassen. Wir fingen mit einem Ziel an, dann mehrere Ziele, bis hin zu Schüssen von hinter einer Schutzwand und dann Schussübungen im Freien. Irgendwann wurde das alles ziemlich real und unangenehm. Danach bin ich einige Male nach New York geflogen, um mich mit ein paar Kriminalbeamten des NYPD zu treffen und sie bei ihrer Arbeit zu begleiten.

Konnten Sie sich danach vorstellen, selbst als Polizist zu arbeiten?
Chadwick Boseman: Auf keinen Fall. Ich habe einen großen Respekt entwickelt für die Arbeit, die diese Männer und Frauen leisten. Aber nicht nur wegen der Waffen könnte ich das nicht. Wenn Sie sich den Job eines Kriminalbeamten genauer anschauen: Diese Menschen geben einen enormen Teil ihres Lebens dafür her, um alle diese Fälle zu lösen. Die verbringen zwei, drei Tage am Stück getrennt von ihren Familien auf dem Revier oder unterwegs, nur mit Kaffee, um sich wachzuhalten. Und ich hatte das Gefühl, das meiste passiert nachts. Auch wir hatten anderthalb Monate lang nur Nachtaufnahmen, und das ging ganz schön in die Knochen. Natürlich lag das daran, dass unser Film explizit nachts spielt, aber trotzdem. Ich bewundere wirklich, was diese Leute leisten, und ich bin froh, dass ich ihren Job nicht jeden Tag machen muss.

Die Vorstellung, dass man mit Polizeigewalt einen Stadtteil wie Manhattan komplett abriegeln kann, ist jedenfalls ziemlich beeindruckend.
Chadwick Boseman: Das war der Grund dafür, dass ich den Film überhaupt machen wollte. Weil mich diese Vorstellung gereizt hat. Wie gesagt, ich kam dazu, als meine Figur noch längst nicht ausgefeilt war, als ich längst noch nicht wusste, wohin ihre Reise geht. Und die Figur, wie Sie sie jetzt im Film sehen, ist fast das Gegenteil von der im originalen Drehbuch. Da war Andre viel mehr ein politisches Werkzeug, der rechte Arm des Bürgermeisters, wenn Sie so wollen. Er wirkte in der Version auch nicht wie jemand, der die physische Statur, die körperlichen Fähigkeiten oder die Moral besitzt, die Täter zu stellen. Und er war auch nicht so missverstanden wie Andre im Film. Das kam alles erst später. Meine Recherchearbeit bei der Polizei hat ebenfalls dazu beigetragen, den Charakter von Andre zu formen. Aber als ehemaliger New Yorker hat mich in erster Linie die Tatsache gereizt, wie sich das anfühlt, wenn man die Stadt von einem Augenblick auf den anderen einfach abriegelt und dicht macht. Ich weiß, was es heißt, in der Stadt zu leben, die Angst zu fühlen, aber auch die Ungeduld, die Rastlosigkeit. Die Stadt nimmt einen ganz schön mit.

Mittlerweile leben Sie in Los Angeles. Gefällt es Ihnen dort besser?
Chadwick Boseman: Los Angeles setzt sich aus mehreren kleinen Städten zusammen. Das ist eine andere Basis, eine andere Kultur. Viele Leute sind nur wegen der Filmindustrie hier, weil sie ein Teil davon sein wollen. Da geht es weniger darum, ob sie aus Puerto Rico, Kuba oder Jamaika stammen. Sie beanspruchen keine Bezirke für sich und ihre Kultur. New York ist eher wie London oder andere Großstädte dieser Art.

Im Vergleich zu anderen Action-Thrillern wirkt „21 Bridges“ eher klassisch, im besten Sinne des Wortes sogar altmodisch. Würden Sie dem zustimmen?
Chadwick Boseman: Auf jeden Fall. Es ist eher ein Film, wie man ihn vor fünfzehn oder vielleicht auch vor fünfzig Jahren gesehen hätte. Filme wie The French Connection, Heat oder Mystic River. Filme also, wie sie die Studios heute nicht mehr produzieren. Aber viele der Schauspieler, die ich bewundere, haben früher in Thrillern wie diesen mitgespielt: De Niro, Pacino, Denzel Washington, sie alle haben solche Filme gedreht. Allein deshalb fand ich es spannend, jetzt selbst einmal die Gelegenheit zu haben, einen klassischen Cop-Thriller zu drehen.

War es ebenfalls wichtig für Sie, wieder in einem Film mitzuspielen, der sich vielleicht auch beim Drehen realer anfühlt als beispielsweise eine Marvel-Produktion wie „Black Panther“ oder das „Avengers“-Franchise?
Chadwick Boseman: Auch ein Dreh wie der zu Black Panther fühlt sich echt an. Es ist nicht so, dass man sich vorkommt, als würde man nicht in einem richtigen Film mitspielen. Nur die Realität, in der man sich bewegt, ist einfach eine andere. Das heißt aber nicht, dass sich an dem, wie man spielt, etwas ändert. Die Schauspielerei, die kommt immer von einem selbst, die kommt vom Herzen. Aber, glauben Sie mir, als ich mit dem Spielen anfing, hätte ich nie gedacht, einmal einen Superhelden zu verkörpern. Es wäre das Letzte gewesen, was ich mir hätte denken können. Ich bin im Theater groß geworden, ich mag gute Dialoge. Ich habe die Schauspielerei von einem Standpunkt aus erlernt, von dem aus der Dramatiker als eine Art Gott betrachtet wird, dessen Worte man auf keinen Fall ändern darf, es sei denn, es handelt sich bewusst um ein Improvisationsstück. Anders gesagt: Ich habe die Wahrheit im Spiel auf der Bühne gefunden. Ich habe gelernt, mit einem echten Publikum vor mir umzugehen. Und ich denke, das bereitet einen darauf vor, alles Mögliche zu spielen. Hier beispielsweise ist die Stadt die Bühne, und es gibt Szenen, die fühlen sich an, als hätte David Mamet sie geschrieben, mit schnellen Dialogen, die es einem ermöglichen, die Meisner-Technik anzuwenden und überhaupt das ganze Schauspieltraining in einer neuen Umgebung und in anderer Form zu gebrauchen. Gleichzeitig weiß ich, wie ich mich vor der Kamera zu bewegen habe, auch das habe ich gelernt. Aber die Figur erlaubt es einem, einen gewissen Raum fürs Beobachten zu lassen. Andre schaut sich die Leute einen Augenblick länger an. Wenn er in einen Raum kommt, verschafft er sich als erstes ein Gesamtbild, untersucht, bemerkt jedes Detail. Und das ermöglicht es einem als Schauspieler, Kenntnisse und Fähigkeiten anzuwenden, die in einem Superheldenfilm nicht offensichtlich sind. Man gebraucht sie zwar auch dort, aber um die Action voranzutreiben, verschiebt sich der Fokus. Man konzentriert sich in dem Fall zwangsläufig eher auf die Explosionen als auf die Dialoge.

Wo wir gerade von „Black Panther“ sprechen, wie erklären Sie sich im Nachhinein den enormen Erfolg des Films?Chadwick Boseman: Ich kann es nicht wirklich erklären. Aber ich habe das Gefühl, wir haben so viel Arbeit in den Film gesteckt, um dem Publikum mehr zu bieten als einen herkömmlichen Superheldenfilm. Und die Arbeit hat sich gelohnt. Es ging uns darum, den Film zu einer kulturellen Erfahrung zu machen, etwas Bedeutungsvolles damit sagen zu wollen. Es ging darum, Afrika nicht einfach als Parodie zu zeigen, sondern als ein echtes Land, eine eigene Welt. Ich denke, das ist uns gelungen, und es ist mitunter dieser hohe Grad an Authentizität, den die Leute zu schätzen wussten.

Martin Scorsese hat vor Kurzem heftige Kritik an dem Filmen des Marvel-Universums geübt. Wie stehen Sie dazu?
Chadwick Boseman: Na ja, er ist immerhin Martin Scorsese, das gibt ihm ein gewisses Recht, eine starke Meinung zu haben. Und ich weiß, dass Sie mir diese Frage stellen, weil ich in einem Marvel-Film mitgespielt habe, der für einen Oscar nominiert war. Aber sein Kommentar stört mich nicht wirklich, weil er ja zwischen den Zeilen auch sagt, dass es einen Platz gibt, an dem das, was er Kino nennt, und Superheldenfilme sich treffen und überkreuzen können. Das heißt nicht, dass ich ihm zustimme in dem, was er behauptet. Aber ich denke, dass Black Panther in diesen Zwischenbereich fällt. Und um das zu wissen, muss ich nicht auf Martin Scorseses Zustimmung warten. Ich bin selbst lange genug im Geschäft und habe mit genügend Regisseuren gearbeitet, so dass mir das bereits bewusst war, als wir uns zum ersten Mal zusammensetzten, um konkret über Black Panther zu reden. Vielleicht hat Scorsese ja ausgerechnet unseren Film nicht gesehen oder ihm sind all die Besonderheiten des Films, über die wir gerade geredet haben, komplett entgangen. Vielleicht hat es kulturelle Hintergründe, oder vielleicht ist es ein Generationsproblem, das kann ich nicht wirklich beurteilen. Aber wie gesagt, seine Aussage stört mich wenig, weil ich weiß, was Black Panther für mich und so viele andere Leute bedeutet. Worin ich ihm zustimme, ist, dass es heute an einer Qualitätskontrolle mangelt. Und das spielt auch darauf an, was ich vorhin meinte. Dass Filme wie die, mit denen er einst zu dem Regie-Genie wurde, heute kaum mehr von den großen Studios produziert werden. Aber davon abgesehen scheint er extreme Vorurteile zu haben.

Inwiefern?
Chadwick Boseman: Wenn er dafür plädiert, dass Superheldenfilme im Allgemeinen von den Oscars ausgeschlossen werden sollten, dann verurteilt er sie ausschließlich aufgrund ihres Genres, bevor er sie überhaupt gesehen hat, und damit ist seine Meinung automatisch befleckt. Wir haben es ja selbst gemerkt, als wir im Rahmen unserer Kampagne für Black Panther auf die älteren Mitglieder der Academy zukamen. Auch wir mussten uns mehr aus dem Fenster
lehnen als andere, um sie dazu zu bringen, sich den Film überhaupt anzuschauen. Erst Monate später, nachdem Black Panther über eine Milliarde Dollar eingespielt hatte, meinten einige von ihnen, sie würden ihn sich vielleicht jetzt dann doch auch anschauen. Andere dagegen blieben stur und sind es bis heute. Und das sagt doch alles, oder nicht?