Filmfestival

Grandiose Einzelwerke und ambitionierte Sozialdramen

| Kirsten Liese |
Das 70. Filmfestival in San Sebastian

Vor dem Kursaal hinter dem idyllischen Strand Zurriola bot sich diesmal ein ungewohntes Bild: Entgegen den Befürchtungen, zu einer Jubiläumsausgabe könnten die Warteschlangen vor dem Einlass noch um ein Vielfaches gegenüber den Vorjahren anwachsen, wurden keine großen Menschenansammlungen augenfällig. Vielmehr sah es nach einem erheblichen Besucherrückgang aus. Auch in den anderen Filmtheatern blieben Sitzplätze leer, bisweilen bot sich sogar der Eindruck halbleerer Kinosäle.

Noch im vergangenen Jahr brummte das Festival trotz Corona, dies vor allem auch nachts nach dem Verlassen des Kinos, wenn viele Cineasten noch in der Altstadt flanierten und die Tapas-Bars mit kulinarischen baskischen Spezialitäten aus allen Nähten platzten. Dagegen wirkten die kleinen Sträßchen seitlich des Boulevards nun um 23 Uhr schon fast wie ausgestorben. Und wenn man nebenher beobachtete, dass diverse Geschäfte mittlerweile leer stehen, erhärtet sich der Eindruck, dass wohl  Inflation und Wirtschaftskrise einen großen Teil an dieser Misere haben.

Der hohe Anspruch an die Filmkunst hat sich dagegen gehalten, auch wenn sich die Jury für starke künstlerische Handschriften wenig empfänglich zeigte.

Das stimmt ein wenig traurig, da gerade in San Sebastian mehr als anderswo immer wieder großartige Porträts außergewöhnlicher, vergessener Musikerpersönlichkeiten ihre Weltpremieren erleben, die offenbar schon deshalb keine Chance auf die Goldenen und Silbernen Muscheln haben, weil sie im 18. Jahrhundert spielen. Licht von Barbara Albert, die Geschichte der blinden Pianistin Maria Theresia von Paradis, war 2018 ein solcher Film.

Diesmal nun faszinierte der Tscheche Petr Vaclav mit seinem musikalisch fundierten, elaborierten Porträt des 1737 geborenen böhmischen Komponisten Josef Mysliviček, ein Gesamtkunstwerk seitens Musik, Drehbuch, Kamera, Licht, Kostümen und Ausstattung. Il Boemo zählte zu den wenigen Beiträgen, bei denen der Kursaal tatsächlich einmal bis auf den letzten Platz besetzt war und mit stehenden Ovationen zehn Minuten lang bis zum Ende des Abspanns gefeiert wurde. Offenbar wusste es das Publikum zu schätzen, dass dieses Biopic getragen ist von großer musikalischer Kennerschaft, was schon damit anfängt, dass die ins Bild gerückten Figuren glaubwürdig ihre Instrumente spielen.   Namhafte Sängerinnen und Sänger, darunter der Countertenor Philippe Jaroussky und die Sopranistin Emöke Baráth, treten zudem vor die Kamera mit eigens für den Film einstudierten Arien von Mysliviček unter der Leitung von Vaclav Luks, dessen Expertise sich der Regisseur in enger Zusammenarbeit versichern konnte.

Petr Vaclav hat sich tief in das nur sehr lückenhaft überlieferte Leben seines Helden hineingekniet, Briefwechsel studiert, und in seinen fiktiven Anteilen stimmig Episoden aus den Lebensläufen anderer Künstler der Zeit herangezogen. Was er zu erzählen hat, ist großes Kino: ein anfänglich hartes Ringen um Anerkennung, unterschiedlichste Liebschaften mit Frauen, die dem Komponisten auf seinem steinigen Weg ihre Hilfe anbieten, sich ihm an den Hals werfen, sich gar regelrecht aufdrängen. Und mittendrin kommt es zu einer Begegnung mit dem fünfjährigen genialen Mozart, der ein Stück, das Mysliviček gerade ihm und seinem Vater vorgespielt hat, aus dem Gedächtnis nachspielt. Aber auch das traurige Ende des Komponisten, der an Syphilis erkrankte und in seinen letzten Lebensjahren sein entstelltes Gesicht hinter einer Maske verbergen musste, findet in dem turbulenten Drama seinen Raum.

Zu einem bestimmenden Element wurde die klassische Musik auch in dem subtilen japanischen, verdient mit dem Regiepreis ausgezeichneten Drama Hyakka – A Hundred Flowers um die schwierige Beziehung eines jungen Mannes zu seiner an Alzheimer erkrankten Mutter. Wiewohl Demenz in jüngerer Zeit schon mehrfach das Kino zu sehr bewegenden, bedrückenden Geschichten inspirierte –  denkt man an  Anthony Hopkins in Father oder die verwirrte pensionierte Ärztin in  Vortex von Gaspar Noé – belegt Genki Kawamura, dass das Thema noch keineswegs auserzählt ist. Der Sound spielt hier eine prägende Rolle, wenn die Protagonistin, eine Klavierlehrerin, plötzlich beim Spielen von Schumanns „Träumerei“ ihr Gedächtnis im Stich lässt und  über ihr Improvisieren ganz moderne Klänge entstehen, die sich bedrohlich überlagern.

Zu einem weiteren prägenden Stilmittel der einfühlsamen Erzählung wird die Wiederholung in Endlosschleife, wenn die vergessliche Frau zum Beispiel im Supermarkt immer wieder dieselben Runden in denselben Gängen dreht, um Waren in ihren Einkaufswagen zu legen, die sich dort schon längst stapeln. Und wenn sie dabei auf zwei spielende Kinder trifft, die sie zu kennen meint, weil in ihrem Kopf Erinnerungen aus der Vergangenheit mit der Gegenwart verschwimmen.

Das spanische Kino war am stärksten durch Fernando Francos Beitrag La consagración de la primavera (The Rite Of Spring) vertreten, die ungewöhnliche subtile, leise Beziehungsgeschichte zwischen einer  Chemiestudentin und einem  Rollstuhlfahrer mit Cerebralparese. Er geht selbstbewusst mit seinem Schicksal um und zeigt keine Scheu, sie zu umwerben. Aber eine Beziehung mit einem Schwerbehinderten  wäre dann wohl doch ein zu großer Schritt für Laura, die zwar Davids Sensitivität und Freundschaft zu schätzen lernt,  die sie bei anderen Männern auf ihrer eigenen schwierigen Partnersuche selten findet.  Aber mehr als die Rolle einer sexuellen Assistentin gegen Bezahlung ist für sie dann doch nicht drin, was Francos sublimes, komplexes Psychogramm mit aller Ehrlichkeit aufzeigt. Valéria Sorolla – ein ähnlicher Typ wie ihre deutsche Kollegin Nina Hoss in ihren jungen Jahren – ist mit vielsagenden Blicken und Gesten die große Entdeckung in diesem Kammerspiel, zurückhaltend, schüchtern, höflich, verletzbar und fragil, und damit geradezu prädestiniert für einen Darstellerpreis.

Dem stand wohl ein fragwürdiger Trend entgegen: Wie schon anderswo vielfach zu beobachten, bevorzugen Juroren in der Kategorie zunehmend Jugendliche und Kinder.  In San Sebastian wurde die silberne Muschel für die beste Darstellung in gleichen Teilen an die 14-jährige Carla Quilez und an den 17-jährigen Paul Kircher verliehen. Quilez verkörpert in dem stark dokumentarisch geprägten Film La Maternal ein schwangeres Mädchen, das in einer speziellen Einrichtung für minderjährige Mütter  Fürsorge erfährt, die sie bei ihrer eigenen überforderten, alleinstehenden Mutter entbehren muss, und lernt, für ihr  Baby Verantwortung zu übernehmen. Die Wahrhaftigkeit, mit der das gesamte Ensemble jugendlicher Laiendarstellerinnen Gefühle von Scham, Wut, Frust, aber auch neu erwachsender Lebensfreude und Dankbarkeit vor der Kamera zulässt, beeindruckt. Jedoch verkörpern die Mädchen letztlich alle sich selbst, so dass es überhöht erscheint, von großen schauspielerischen Qualitäten reden zu wollen.

Schon stärker gefordert in seiner Darstellungskunst sah sich der Titelheld in dem französischen Beitrag Winter Boy, mit der Paul Kircher die Jury für sich einnahm. Nach dem schmerzreichen Verlust des plötzlich verstorbenen Vaters zieht Lucas zu seinem Bruder nach Paris, um nach neuen Aufgaben und Beziehungen zu suchen. Dass sich der schwule Jugendliche am stärksten zu einem wesentlich älteren Schwarzafrikaner hingezogen fühlt, dem leichtlebigen Freund seines Bruders, macht seine chaotische Lebenssituation nicht gerade einfacher zumal auch aufgrund von Spannungen unter den Geschwistern.

Erhöhte Aufmerksamkeit sicherte der leisen unspektakulären Studie gewiss auch der große Name von  Juliette Binoche in der kleineren Rolle der Mutter. Sie und der Regisseur David Cronenberg wurden in San Sebastian mit einem Donostia Award für ihr Lebenswerk geehrt.

Ein paar schlagzeilenträchtige Absagen gab es auch in der siebzigsten Festivalausgabe. Der mexikanische Sex-Influencer Lalo Santos protestierte mit seinem Fernbleiben gegen seinen Regisseur  Manuel Abramovic, den er dafür kritisierte, ihn in seinem Erstling Pornomelancolia auf eine entwürdigende Weise inszeniert zu haben. Nachvollziehen lässt sich dieser Einwand nicht, jedenfalls  wirken die Szenen, in denen sich Santos als Porno-Darsteller mit allen erdenklichen Stellungen beim schwulen Sex einbringt, nicht voyeuristisch. Davor bewahren ihn schon die lakonischen Anweisungen seines Regisseurs aus dem Off.

Die Schwächen offenbaren sich vielmehr in der Substanzlosigkeit des Films, der kein Interesse an seinem Protagonisten weckt, weil er ihn lediglich – und das allerdings ausgiebig  – bei Dreharbeiten begleitet und mit banalen Statements zu Wort kommen lässt. Auf Dauer wirkt das sehr ermüdend. Eher ungewöhnlich, dass sich eine solche anspruchslose Produktion in San Sebastian in den Wettbewerb verirren konnte.

Ungleich bedauerlicher erschien die Absage von Ulrich Seidl, dem vorgeworfen wird, er habe in seinem jüngsten Werk Sparta seine Kinderdarsteller ausgenutzt, sie Nacktheit und Gewalt ausgesetzt. Dass San Sebastian nach der Absage von Toronto nun die Weltpremiere dennoch ausrichtete, ist dem Festival hoch anzurechnen, denn tatsächlich finden sich in dem Film keine Szenen, die in irgendeiner Weise bedenklich erscheinen.

Die Geschichte um einen Mann, der in Rumänien mit seiner pädophilen Neigung ringt, zeichnet sich wie fast alle Seidl-Dramen durch große Komplexität aus. Georg Friedrich in einer seiner stärksten Rollen spielt diesen Ewald, der eines Tages seine Freundin verlässt, als sie ihn mit romantischen Zukunftsträumen das Fürchten lehrt. Im rumänischen Hinterland trommelt er als vermeintlicher Judo-Lehrer Jungen aus dem Dorf zusammen, die er dazu bewegt, mit ihm eine marode, heruntergekommene Schule zu sanieren und in eine Festung umzuwandeln, in der er sie im Kämpfen trainiert. Nach dem Training filmt er die Jungen beim Duschen.  Zu körperlichen Übergriffen kommt es aber nicht, für einen sensiblen Jungen wird der Ort sogar zu einem Refugium vor seinem grobschlächtigen Vater, der ihn mit üblen Methoden zu einem brutalen Schlächter formen will.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Seidl steht es fern, Pädophilie zu verharmlosen, es geht ihm vielmehr darum, einen Mikrokosmos in seiner Gesamtheit zu beleuchten. Dass sich die Kinder mit Feuereifer von dem dubiosen Fremden einnehmen lassen, hat gute Gründe. Ihre bestenfalls gleichgültigen Eltern, die sie sich selbst überlassen, sind nicht unschuldig daran.

Bis zum Schluss bleibt Ewald eine unberechenbare Figur, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er sich nicht doch zu sexuellen Handlungen an einem Jungen hinreißen lassen könnte. Und doch, so paradox es auch erscheint, hat er – wiewohl er aus purem Eigennutz das Fort aufgebaut hat –  einigen Jungen eine Alternative zu ihrem verkommenen Elternhaus geboten. Wer am Ende die größere Gefahr für die Kinder darstellt, muss jeder für sich selbst beantworten.  Seidl zeigt nur, er wertet nicht.

Den großen Mut, den es wohl bedurft hätte, den umstrittenen Film auszuzeichnen, brachte die Jury unter dem Vorsitz des argentinischen Produzenten Matias Mosteirin nicht auf. Die Goldene Muschel für den besten Film gewann das temporeiche Road Movie Kings of the World , das mit fünf kolumbianischen Straßenjungen, deren Kindheit von Drogenkriegen und politischen Konflikten geprägt wurde, an das brasilianische Sozialdrama City of God erinnert, aber seitens Umsetzung und Wirkung dahinter zurückbleibt.