Green Producing: Was ist das? Oder, auf gut Österreichisch: Wozu brauchen wir das? Ein erster Überblick zu einem komplexen Thema, das durchaus dringlich ist.
Mag sein, dass die Welt (auch) andere Sorgen hat, aber es lohnt sich durchaus, darüber nachzudenken, ob eine derart mächtige globale Industrie wie die Filmwirtschaft sich nicht mit Themen wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung beschäftigen sollte. Tatsache ist, dass Green Producing inzwischen mehr als ein Schlagwort ist. Aber was ist Green Producing? Dazu gehören umweltschonende Mobilität, die möglichst klimafreundliche Anreise von Cast und Crew, Bio-Catering, die Nichtverwendung von Einwegbechern und Plastikbesteck, die Vermeidung bzw. Trennung von Müll, die ökologische Beschaffung von Materialien, Requisiten usw., ein vernünftiger Einsatz von möglichst erneuerbaren Energieträgern. Das sind nur einige der Maßnahmen, mit denen die zumindest früher notorisch unbekümmerte Filmwirtschaft zur Erhaltung einer lebenswerten Umwelt beitragen kann. Erstmals wirklich ins Blickfeld kam das Thema, als der Film The Beach (2000, Regie: Danny Boyle) mit Leonardo DiCaprio zu einer besonderen Art von disaster movie wurde. The Beach gilt heute als abschreckendes Beispiel für besonders rücksichtsloses und zerstörerisches Filmemachen, denn bei den Dreharbeiten auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi Leh wurde derartig gefuhrwerkt, dass das Eiland ökologisch kollabierte. Man hatte die Maya Bay mit Bulldozern planiert und erweitert, die ursprüngliche Vegetation abgeholzt und durch importierte Kokospalmen ersetzt und dergleichen mehr. Immerhin setzte danach allmählich so etwas wie ein Nach- und Umdenken ein.
Doch mit dem Produzieren ist es nicht getan: Die gesamte filmische Verwertungskette lässt bei Menschen, denen die Umwelt nicht vollständig egal ist, die Alarmglocken schrillen. Nach der Produktion kommt die Herstellung von Filmkopien (heute meist Digital Cinema Packages) und deren Entsorgung. Man bedenke: Ein Film startete früher mit bis zu viertausend Kopien allein in den USA, von denen 99 Prozent nach wenigen Wochen nicht mehr benötigt wurden. Man will gar nicht wissen, wie viele hunderttausende Filmkopien mitsamt ihren Chemikalien früher einfach verbrannt wurden – übrigens auch in Wien. Weiter geht es mit den Tonnen von Werbe-, Merchandising- und, ja, Pressematerial bis hin zur Aufbereitung der Filme in überheizten oder unterkühlten Kinocentern voller Popcorn- und Softdrink-Gebinde.
Und selbst Filmfestivals, die selbsternannten Gralshüter der Filmkultur, haben Dreck am Stecken. Unvergessen sind die – dank der Digitalisierung gottlob vergangenen – Tage, als bei den großen Festivals in Berlin, Cannes oder Venedig jeden Tag Unmengen von nutzlosem Papier zuerst gedruckt, kopiert, in die Pressefächer gestopft und anschließend von genervten Journalisten mehr oder weniger direkt in die bereitstehenden Altpapier-Behälter verfrachtet wurden.
Deutschland
Doch zurück zur Produktion: In den letzten Jahren ist doch allerlei in Gang gekommen, was grünes Produzieren betrifft, wie auch das folgende Interview mit dem Green-Producing-Experten Philip Gassmann bestätigt. In Deutschland, wo man inzwischen sogar an einem einheitlichen Grünen Drehpass arbeitet, befassten sich die Filmförderungen auf Bundes- und Länderebene im Vorjahr in einer internen Runde ausführlich mit dem Thema und formulierten eine bemerkenswerte gemeinsame Stellungnahme. Darin heißt es unter anderem: „Vielen Produzenten ist es ein Anliegen, umweltschonend und klimafreundlich zu produzieren. Allerdings herrscht vereinzelt noch Unklarheit darüber, ob die damit verbundenen höheren Kosten in der Kalkulation von geförderten Filmen angesetzt werden können und damit förderfähig sind. Die Filmförderungen erkennen Ansätze für nachhaltiges Produzieren an und stellen damit klar, dass sie die Mehrkosten für ,Grünes Drehen’ auch förderrechtlich mittragen. Allerdings führt ,Grünes Drehen’ nicht zwangsläufig zu höheren Kosten. Inzwischen gibt es Entwicklungen und Techniken, die es erlauben, sowohl ressourcenschonend als auch kostensparend zu arbeiten. Entstehen gleichwohl Mehrkosten durch umweltfreundliches Drehen, können diese in die Kalkulation der Herstellungskosten aufgenommen werden. Die Förderinstitutionen erkennen diese Kosten im Rahmen ihrer Richtlinien an und finanzieren sie im Falle einer Förderung anteilig mit.“
Als federführend, was Green Producing betrifft, gelten die Medien- und Filmgesellschaft (MFG) Baden-Württemberg und die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. In Stuttgart hat man mit der Initiative Green Shooting ein Tool implementiert, das „ressourcenschonende Produktionsmethoden in der Filmherstellung“ zum Standard machen soll. „Damit soll die vor allem bei aufwändigen Filmproduktionen verursachte Menge an Treibhausgasemissionen deutlich reduziert werden“, heißt es. Selbstkritisch stellt man fest, dass man gegenüber anderen europäischen Ländern noch im Hintertreffen sei: „ Frankreich, Großbritannien, Belgien und Italien nehmen eine Vorreiterrolle ein.“ Zu den kostenlosen Maßnahmen, die Produzenten dabei unterstützen sollen, ökologisch-nachhaltig(er) zu produzieren und die Emissionen zu senken, gehören u.a. die Bezuschussung eines Green Consultant mit bis zu 5.000 Euro, projektbezogene Beratung und Workshops. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein setzt sich seit 2012 für ein Umdenken in der Filmbranche ein, Sie will „Filmschaffende dazu ermutigen, erste ökologische Maßnahmen umzusetzen. In Workshops und individuellen Beratungsgesprächen zu Themen wie Licht, Energie, Transport oder Setdesign zeigen wir darüber hinaus, was heute bereits alles möglich ist, und dass ,grüner drehen’ nicht automatisch ,teurer drehen’ bedeutet.“
Mit dem Magazin „Green Film Shooting“, das inzwischen bei seiner sechsten Ausgabe angelangt ist, von der Journalistin Birgit Heidsiek herausgegeben und von Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt wird, gibt es inzwischen eine kompetente zweisprachige Plattform im Print und online, die sich mit verschiedensten Aspekten grünen Produzierens beschäftigt, einschlägige Initiativen vorstellt und Know-how vermittelt. Heidsieks Engagement geht aber über den Produktionsbereich hinaus. Im September dieses Jahres stellte die nationale Filmförderungsanstalt (FFA) das von Heidsiek herausgegebene „Grüne Kinohandbuch“ vor, das praktische Maßnahmen und Lösungsansätze auf dem Kinosektor in den Bereichen Energieeffizienz, Ökostrom, Concession und Abfallmanagement aufzeigt. FFA-Vorstand Peter Dinges: „In der Kinobranche hat der gesellschaftliche Diskurs bereits begonnen und ist längst nicht nur auf Filme beschränkt, die sich mit Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Für die FFA ist es naheliegend, Maßnahmen vorzustellen, die sich sowohl als energetisch zukunftsorientiert als auch wirtschaftlich nachhaltig für die Kinos erweisen.“
Europa
Wie erwähnt, sind es vor allem Initiativen in Belgien, Frankreich und Italien, die Grünes Produzieren vorantreiben. So bezeichnet sich die italienische Trentino Film Commission unter dem Label „T-Green-Film“ als „den ersten regionalen Filmfonds, der sowohl grüne Zertifizierungen als auch finanzielle Incentives für umweltfreundliche Produktionen vergibt.“ Mithilfe eines downloadbaren Rating-Systems kann man selbst errechnen, wie viele „grüne Punkte“ die eigene Produktion erreicht und entsprechend nachjustieren.
Auch der Flanders Audiovisual Fund (VAF) „investiert stark in nachhaltige Filmproduktion“, wie es im Mission Statement heißt, und bietet unter dem Stichwort „Duurzaam filmen“ („Nachhaltig filmen“) diverse Services, Workshops und einen CO2-Rechner an. Ähnlich aktiv ist Screen Brussels, die Film Commission der Region Brüssel. Auch hier geht es darum, „das Bewusstsein von Produzenten und Crews zu heben und sich mit innovativen Firmen zu vernetzen, die nachhaltig arbeiten.“ Dazu gibt es, neben einem CO2-Rechner, allerlei praktische Vergünstigungen, zum Beispiel bei der Müllentsorgung, oder wiederverwendbare Trinkflaschen für die Crew. Beigestellt wird außerdem ein „eco-consultant“ – alles in Partnerschaft mit dem bereits genannten VAF und der Trentino Film Commission.
Eine weitere Plattform, die sich dem nachhaltigen Filmschaffen widmet, ist Ecoprod, zu der sich sechs große französische Player im Film- und TV-Bereich 2009 zusammengeschlossen haben. Man verweist darauf, dass die audiovisuelle Produktion global jedes Jahr rund eine Million Tonnen an CO2 ausstoße, wovon ein Viertel allein auf die Filmproduktion entfallle. Das Ziel von Ecoprod ist es, die Profis in der Industrie zu mobilisieren, sich mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen. Die Website stellt – ähnlich wie Green Film Shooting in Deutschland – Informationen, Fact Sheets und Anregungen zur Verfügung und lädt zur Vernetzung ein. Auch ein CO2-Rechner darf nicht fehlen. Der von der Plattform herausgegebene, frei herunterladbare Eco-Production Guide ist prall gefüllt mit Zahlen und Fakten zu allen Bereichen der Grünen Filmproduktion bis hin zum Kostümdesign und zur Post-Production, mit Tabellen und Best-Practice-Beispielen.
Dem Cine-Regio-Netzwerk gehören derzeit 43 regionale Filmförderungen aus ganz Europa an. Auch hier gibt es ein ständig steigendes Interesse an einer nachhaltigen Filmproduktion. 2012 wurde deshalb Green Regio als Untergruppe des Netzwerks gegründet. Ihr Ziel ist es, „das Bewusstsein zu erhöhen und das Wissen um nachhaltige Filmproduktionsmaßnahmen zu vertiefen. Auch verstärkte europäische Trainingsaktivitäten und ein europäischer CO2-Rechner für Ko-Produktionen sind in Diskussion.“ Gerade Ko-Produktionen, das nur nebenbei, sind aufgrund der erhöhten Reisetätigkeit von Cast und Crew-Mitgliedern ein besonders sensibler Bereich.
Meanwhile in Austria
Und Österreich? Allzu viel tut sich hier noch nicht, aber allmählich scheint doch Leben in die Wüste zu kommen. (Bisher) einsames Vorzeigeprojekt ist der ORF-Landkrimi Höhenstraße (2017) von David Schalko, der von der Produktionsfirma Superfilm nach den Kriterien des Green Producing hergestellt wurde. Das kann man auf der Firmenwebsite anhand eines „Green-Making of“-Videos nachvollziehen. Superfilm-Chef John Lueftner gilt als Proponent des Green Producing. In Absprache mit dem (damaligen) Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und dem Verein für Konsumenteninformation wurde ein Kriterienkatalog erstellt, der erfolgreich umgesetzt wurde: Es gab einen Green Consultant, die Anreisen von Cast und Crew erfolgten mehrheitlich per Bahn, und es wurde das energieeffiziente Cine Reflect Lighting System verwendet. „Wir haben damit“, so Lueftner in einem Interview mit der Zeitschrift „Film Sound & Media“, 1.500 Liter Diesel eingespart.“
Auch der anfallende Müll konnte drastisch reduziert werden. Die Treibhausgasemissionen, die nicht zu vermeiden waren, „wurden durch die Investition in ein Aufforstungsprojekt in Uganda kompensiert.“ Lueftner ist auch mitverantwortlich dafür, dass es seit 1. Jänner 2017 das Umweltzeichen GreenProducing (UZ 76) gibt, und das Kriterien in den Bereichen Mobilität, Klimaschutz am Set, Bauten, Szenenbild und Requisiten, Kostüm und Maske, Technik, Catering und Unterkünfte vorgibt. Wesentlich ist auch die Beschäftigung eines oder einer Green-Producing-Beauftragten. Ausgezeichnet werden nur einzelne Produktionen – wie eben Höhenstraße –, die sich besonders um die Umwelt verdient gemacht haben, nicht aber Produktionsfirmen als Ganzes. Außerdem erhielt die Produktion den Ehrenpreis der Wiener Magistratsabteilung 22 (Umweltschutz).
Was die offiziellen österreichischen und regionalen Förderstellen und Commissions betrifft, herrscht eher noch Ruhe im Land, mit einer allerdings gewichtigen Ausnahme. Die Lower Austrian Film Commission (kurz LAFC), die zentrale Servicestelle für nationale und internationale Dreharbeiten in Niederösterreich, unter der Leitung von Dietlind Rott engagiert sich seit einiger Zeit vermehrt in Sachen Green Producing und setzt mit der Richtlinie Evergreen „einen innovativen Beitrag zu ökologischer, ökonomischer und sozialer Verantwortung im Filmbereich“. Dieser an anderen europäischen Tools orientierte Green Guide steht auf der Website der LAFC online und soll „mithelfen, Effizienzsteigerung, Kosteneinsparung, CO2-Reduktion und ein gesünderes Arbeitsumfeld zu ermöglichen.“
Evergreen zeigt Maßnahmen für sämtliche Aspekte der Filmproduktion und praktische Möglichkeiten auf, um Filme umweltverträglicher zu produzieren und Filmschaffende in ihrem Nachhaltigkeitsbestreben zu unterstützen. Der Green Guide steht als interaktive Präsentation sowie in einer Kurz- und Langfassung zum Download bereit und wird durch nützliche Links zu diversen ökologischen Produkten und Initiativen ergänzt. Die LAFC sieht sich, nicht zu Unrecht, in einer Vorreiterrolle in Österreich, erweitert ihr Angebot sukzessive um einen fundierten Online-Guide und will längerfristig als umfassende Plattform für Green & Global Networking und für Innovationen bereitstehen. Darüber hinaus bereitet man im Zuge des Ausbaus des Evergreen praxisorientierte Weiterbildungen für Filmschaffende vor, in denen gemeinsam mit einem international erfahrenen Green Consultant Know-how für die Umsetzung grüner Produktionen vermittelt wird. Mit diesen Maßnahmen soll, so Dietlind Rott, innerhalb der heimischen Branche ein fundierter Austausch zum Thema, das „international längst keine Randerscheinung mehr darstellt“, ermöglicht werden. Der erste dieser Evergreen-Prisma-Workshops, so die niederösterreichische Filmcommissionerin, ist bereits für Anfang nächsten Jahres
geplant. Kontakt für Interessierte: lafc@noel.gv.at.
