Kommt eh der Komet
Bei US-Weltuntergangsfilmen und Gerard-Butler-Vehikeln weiß man meist, was man bekommt. Tiefgang gibt es selten, doch wenn man einfach nur sein Hirn auslüften will, kann man schon einen Blick riskieren. Hier kommen, wie schon bei Geostorm (2017), Butler und der Weltuntergang zusammen. Greenland-Regisseur Ric Roman Waugh und Butler haben bereits im Actioner Angel Has Fallen zusammengearbeitet – gab der Schotte dort einen unbesiegbaren Secret-Service-Agenten, spielt er hier einen Hochhauskonstrukteur namens John. Aufgrund eines Seitensprungs kriselt Johns Ehe deutlich – und dann kommt noch Pech dazu: Kometen schlagen auf der Erde ein und zerstören ganze Städte. John, seine Frau und sein an Diabetes leidender Sohn gehören zu den wenigen, die von der Regierung ausgewählt wurden, die Existenz der Menschheit zu sichern. Per Flugzeug sollen sie in eine Bunkeranlage in Grönland gebracht werden, doch der Weg zur Militärbasis ist hart in einer Welt voller Panik – und in wenigen Stunden schlägt der ganz große Kracher ein …
Viele Elemente, die in Greenland vorkommen, hat man klarerweise schon in anderen Filmen gesehen – When Worlds Collide (1951) lässt ebenso grüßen wie Armageddon (1998) oder 2012 (2009). Doch man muss Greenland zugute halten, dass er sich nicht nur als Katastrophenspektakel versteht, sondern immer wieder auf Drama und Zwischenmenschliches setzt, sich um einen etwas geerdeteren Zugang bemüht als genreüblich. „That was fast“, sagt Butler etwa angesichts einsetzender Plünderungen. Da Hollywood alle paar Jahre einen Katastrophenfilm herausbringt bzw. die USA in regelmäßigen Abständen Ausschreitungen/Plünderungen erleben, muss man aber nicht um jeden Preis Parallelen zur Gegenwart ziehen.
Die Situation der Problemfamilie, die im Angesicht der Katastrophe zusammengeschweißt wird, ist natürlich ein Klischee, aber eines, das immerhin nicht zu arg strapaziert wird. Klar gibt es konstruierte Szenen, in denen Menschen sich blöd verhalten, um die Spannung zu erhöhen bzw. Actionszenen einzustreuen, doch werden egoistische Figuren immer wieder von rationalen Charakteren abgelöst, worauf andere Filme dieser Kategorie oft vergessen. Butler ist sehr solide in der Hauptrolle und Waugh lässt die Kamera gern auf seinem von Sorge gezeichneten Gesicht ruhen – wenn das Drehbuch John und seiner Familie ein wenig mehr Tiefe gegeben hätte, hätte der Film aber in emotionaler Hinsicht noch stärker zuzupacken vermocht. Die Effekte sind durchwachsen: teils ordentlich, teils mittelmäßig bis unfertig – wohl eine Folge des eher kleinen Budgets. Aber das mag durchaus zum Film passen, der dadurch ein wenig B-Movie-Flair verströmt. Dennoch bleibt im Hinterkopf die Frage übrig, ob Greenland mit ein paar Adjustierungen auch ein Arthouse-Katastrophenfilm hätte werden können. Eine Teilkatastrophe für den Film war übrigens auch die COVID-19-Pandemie, die einen Kinostart in den USA verunmöglichte und direkt zum Streaming führte. Mal sehen, ob die Europäer die Lichtspielhäuser aufsuchen, um sich mit einem „Disaster movie“ von ganz realen Sorgen abzulenken.
