Buchveröffentlichung

Grenzgänger

| Oliver Stangl |
Von schwarzer Romantik bis Body Horror: Drei lesenswerte Bücher des Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger scheuen nicht vor Abgründen zurück.

„Grenzkontakte“, „Grenzüberschreitungen“, „Jenseits der Grenze“: Dass sich der deutsche Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger nicht mit cineastischer Alltagskost beschäftigt, wird schon anhand der Titel seiner zwischen 2016 und 2019 entstandenen theoretischen Trilogie deutlich. Eventuelle Restzweifel werden von den Untertiteln – zum Beispiel „Im Abseits der Filmgeschichte“ – sowie vom düster gezeichneten Konterfei des Prof. Dr. auf den Covern eliminiert. Da der Name Stiglegger durch die Veröffentlichungen der letzten Jahre bereits zur Marke geworden ist, dürfte es aber ohnehin kaum jemanden wundern, dass die Beschäftigung mit Horror den Löwenanteil der drei Bücher ausmacht (von Zombies als Polit-Metapher bei Romero bis zu psychoanalytischen Aspekten bei Cronenberg), aber auch ungewöhnliche „Mainstream“-Werke wie Clint Eastwoods apokalyptischer High Plains Drifter oder Terrence Malicks Kriegsfilm The Thin Red Line (interpretiert als existenzialphilosophischer Essayfilm) Beachtung finden.

Zudem bieten manche Texte kompakte Überblicke zur Handschrift mancher Regiemeister: Takeshi Kitanos zwischen Härte und Zärtlichkeit changierends Kriminaldrama Hana-Bi wird als „Meta-Genrefilm“ betrachtet, der Genremittel nutzt und unterläuft; Michael Manns Thief findet als „Film der kristallinen Kälte“ im Kontext von Noir und Neo-Noir Beachtung; ein ausführlicher Text zu den „Eingeweidebildern“ Lucio Fulcis geht auf die literarischen Vorbilder (Edgar Allan Poe, H.P. Lovecraft) des Italieners ein. Präsent ist selbstredend auch der Mondo-Film, dessen rein auf Schock bedachten Nachfolgern die „aufklärerische Dimension“ abhanden gekommen sei.

Worauf es Stiglegger in den gut lesbaren Analysen stets ankommt, ist die Betrachtung von Kino als existenzielle Erfahrung, als Kunstform, die den Betrachter geistig und körperlich zu erschüttern vermag. Eine Kunstform, die ohne Angst vor Tabus in die tiefsten Tiefen der Psyche, des Lebens und des Todes vordringt, so der Autor: „Es gibt solche Filme, die sich schlicht ereignen (…) Und immer kommen sie scheinbar aus dem Nichts. Für solche Filme lohnt es sich zu schreiben.“

Ehrensache natürlich, dass auch „ray“-Kolumnist Jörg Buttgereit einen Auftritt hat: Schlaglichtartig wird u. a. die Wichtigkeit von Briefen in Der Todesking untersucht. Apropos Genre: In „Jenseits der Grenze“ findet sich ein schönes Vorwort von Regisseur Dominik Graf, in dem dieser seine Wertschätzung für Stigleggers „tröstliche Positionierung cineastischen Außenseitertums“ zum Ausdruck bringt. Ebenfalls schön: ein Gespräch zwischen Stiglegger und Graf über die Notwendigkeit des Genre-Kinos.