Die treibende Kraft hinter (fast) allem, was zum Thema Green Filming in Österreich geschieht, ist in der Abteilung Kunst und Kultur Niederösterreich beheimatet: die Lower Austrian Film Commission. Ein Überblick zum Stand der Dinge.
Es war im fernen Jänner 2019, als sich im Café des Kinos im Kesselhaus in Krems Erstaunliches ereignete: Ein Herr aus Deutschland, eine Art Mischung aus Solo-Entertainer und geballter Kompetenz, hielt vor einem guten Dutzend Interessierter aus der heimischen Filmbranche eine zweitägige One-Man-Show, besser gesagt: einen Workshop zum Thema Green Filming ab. Nicht nur ob der Unterhaltsamkeit der Veranstaltung blieb einem buchstäblich der Mund offen. Was Philip Gassmann, Gründer der europaweit aktiven Green Film Tools, an Wissen über CO2, alternative Energieversorgung am Set, über wiederverwendbare Kulissen, Mehrwegbecher aus Mais, klimaneutrales Catering und noch vieles andere ausbreitete, war in der Schnelle gar nicht so leicht zu verarbeiten.
Kompetenzzentrum
Mit der löblichen Ausnahme von David Schalkos ORF-Landkrimi Höhenstraße (2016), der von der Superfilm in Eigeninitative so weit wie möglich nach grünen Kriterien produziert wurde („Ziel ist es, einen Kriterienkatalog für grünes Produzieren in Österreich zu schaffen und daraus ein Bundesumweltzeichen für die heimische Filmbranche zu entwickeln“), kann die Veranstaltung in Krems als Initialzündung für Green Filming in Österreich gesehen werden. Eingeladen wurde Philip Gassmann, der seither immer wieder in Österreich zu Gast ist (in Lockdown-Zeiten per Online-Konferenzen) und unermüdlich sein Wissen weitergibt, von der Lower Austrian Film Commission (im folgenden: LAFC), respektive von deren Leiterin, Dietlind Rott, die 2018 den ersten Green Guide namens „Evergreen“ herausgebracht hat.
Das „Kerngeschäft“ der 2012 gegründeten LAFC ist es, national und international den Filmstandort Niederösterreich zu präsentieren, wo, wie man weiß, für Kultur- und/oder Wirtschaftsförderung einiges an Geldmitteln zur Verfügung steht. Wer sich auf der Website www.lafc.at umsieht, kann erkennen, dass in den neun Jahren seither auch auf dem klassischen Feld der Betreuung von Filmproduktionen ganze Arbeit geleistet wurde. Eine umfassende Datenbank mit Motiven, Ressourcen, Kontakten, aktiven und abgeschlossenen Projekten, dazu eine ausführliche Sammlung weiterführender Links und noch vieles mehr ist da zu finden; doch damit nicht genug: Seit Jänner 2020 (siehe auch das aus diesem Anlass erschienene „ray“-Sonderheft) steht das sogenannte „Evergreen Prisma“ auf der Website. Es wurde bei der Österreichischen Filmpreis-Gala 2020 in Grafenegg, die sich an diesem Abend „grün“ gab, präsentiert und stellt, ständig wachsend, eine der größten und umfassendsten Sammlungen alternativer Ressourcen im Filmbereich dar, die es derzeit in Europa gibt – eine einzigartige Wissensdatenbank.
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Denn Green Filming ist nicht, wie manche noch immer glauben, das Hobby weltfremder Spinnerinnen und Spinner, und es ist auch nicht so, dass Green Filming, wie man immer noch hinter vorgehaltener Hand hören kann, „nichts bringt“. Wenn man sich den gigantischen Ressourcenverbrauch der globalen Film-, TV- und neuerdings der Streaming-Industrie anschaut, erkennt man mit freiem Auge, wie wichtig und wie substanziell es ist (oder wäre), dass sich Filmschaffende – von den Produzierenden bis hin zum Catering – mit Fragen der CO2-Reduktion, des schonenden Umgangs mit Ressourcen, mit Klimaneutralität, usw. befassen. Die althergebrachten Modelle und Methoden der Filmherstellung werden die anstehenden Probleme nicht lösen. Kompliziert? Schwierig? Dem Argument der Mutlosen, „Aber was nützt das, wenn die Großen nichts tun?“, lässt sich vieles entgegnen, unter anderem, dass gerade Hollywood in vielen Bereichen des Green Filming forsch voranschreitet, dass bedeutende Filmstandorte nachziehen, wie New York mit seiner „NYC Film Green“-Initiative (nachzulesen etwa auf der verdienstvollen Hamburger Plattform greenfilmshooting.net und in deren gleichnamigem Magazin), dass TV-Riesen wie Sky für ihre produzierenden Partnerfirmen strikte grüne Richtlinien vorgeben und dass viele europäische Länder und Regionen längst erkannt haben, dass an Green Filming kein Weg vorbeiführt.
In den rund zweieinhalb Jahren, die seit dem besagten Workshop vergangen sind, ist, was das Thema Green Filming – von manchen immer noch als „Green Producing“ bezeichnet, obwohl es längst um mehr geht als um das Produzieren – auch im Dornröschen-Land Österreich viel geschehen. Dass es hierzulande einen sprunghaften Anstieg an Interesse für das Thema gegeben hat, ist in großem Maße der LAFC zuzuschreiben, deren grüne Aktivitäten in dieser Zeit nicht nur gewachsen, sondern regelrecht explodiert sind. Gemäß Eigendefinition eine „öffentliche Servicestelle und Kompetenzzentrale für Green Filming, europaweit anerkannt und aktives Mitglied in den entsprechenden Think Tanks“, (ver-)sammelt die LAFC nicht nur Wissen, sondern gibt es auch weiter, vor allem an Profis aus der Film-, TV- und sonstigen Medienbranche.
GREEN FILM CONSULTANTS UND WEITERBILDUNG
Eines der „Prunkstücke“ der LAFC ist die Ausbildung zum „notwendigen Filmberuf“ Green Film & TV Consultant Austria (GFCA). Inzwischen hat eine stattliche Anzahl an Profis das Curriculum absolviert, darunter die Filmgeschäftsführerin Barbara Pridnig, die Grün-Beauftragte des Österreichischen Filminstituts, Nina Hauser, die Produzentin Karin C. Berger, Christian Bachmann, Producer bei Wega Film, oder auch Melanie Stoff, die ihre Diplomarbeit dem Thema „Green Producing – Nachhaltige und klimaschonende Filmproduktion in Österreich“ widmete.
Eine ebenfalls von der LAFC begleitete Masterarbeit zum Thema stammt von Lena Weiss von Glitter & Doom, einer jungen Produktionsfirma, deren erster langer Spielfilm (Arbeitstitel Heimsuchung) zudem als Pilotprojekt für Green Filming von der LAFC und von Barbara Pridnig als Green Film Consultant unterstützt und betreut wird. Weitere Filmschaffende befinden sich derzeit in Ausbildung, etwa die Dokumentarfilmregisseurin (und langjährige „ray“-Mitarbeiterin) Anna-Katharina Wohlgenannt oder die Kamerafrau und Regisseurin Astrid Heubrandtner. Dietlind Rott selbst ist inzwischen Green Film Commissioner, das kleine, aber schlagkräftige Team der LAFC ist in grüner Ausbildung oder hat sie bereits absolviert.
Dieses fundierte Curriculum, von Philip Gassmann entwickelt und auf praktische Bedürfnisse zugeschnitten, wendet sich speziell an Filmschaffende mit Berufserfahrung. Es beinhaltet drei mehrtägige Module, in denen Gassmann die Inhalte in Kooperation mit der LAFC und ihrem Evergreen Prisma vermittelt. Die Zeit zwischen den Modulen kann man zum Selbststudium und für eine (praktische) Projektarbeit nützen. Nach der bestandenen Abschlussprüfung erhalten die Absolventinnen und Absolventen das Evergreen Prisma Zertifikat, das demnächst auch internationale Anerkennung erfahren soll. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe, die hier angeboten wird, „im Mittelpunkt stehen klar Praxisnähe und Interaktion“.
Die unermüdliche Arbeit der LAFC hat inzwischen auch ganz praktische Früchte getragen: Die seit 2017 bestehende Umweltzeichenrichtlinie UZ76 (Green Producing für Film und Fernsehen) des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) wurde Anfang Jänner 2021 auch mit Unterstützung der LAFC novelliert. Andere Film Commissions, wie Cine Tirol oder Location Austria, erschließen das Thema anhand des niederösterreichischen Vorbildes für sich, auch die Zahl der Kooperationspartnerinnen und –partner wächst ständig. Heimische Festivals und Kinos orientieren sich zunehmend grün, die Fachhochschule St. Pölten hat 2020 und 2021 Lehrangebote in Kooperation mit der LAFC und Green Film Tools für ihre Studierenden möglich gemacht. Die Filmakademie Wien bietet mit Oktober 2021 eine Lehrveranstaltung zu ökologischer Nachhaltigkeit in der Filmproduktion an.
Ebenso wichtig ist, dass nicht zuletzt dank der LAFC-Grassroots-Arbeit auch die österreichischen Förderinstitutionen die Zeichen der Zeit erkannt haben: Filmstandort Austria (FISA) hat seine Förderrichtlinien erweitert: In Zukunft können durch die Zertifizierung mit dem Österreichischen Umweltzeichen UZ76 (Green Producing in Film und Fernsehen) zwei Punkte im kulturellen Eigenschaftstest erzielt werden. Beim Österreichischen Filminstitut (ÖFI) gibt es mit Nina Hauser eine Nachhaltigkeitsbeauftragte und durch die LAFC kompetent ausgebildete GFCA, zudem wurde im Dezember 2020 eine Richtlinien-Ergänzung beschlossen, die die Voraussetzungen für Förderungen durch das ÖFI um den Bereich Green Filming ergänzt. Die produktionsbezogenen Vorgaben der Richtlinie UZ76 sind nunmehr zu berücksichtigen; in der Herstellung geförderte Projekte haben dabei spätestens bis zur Endabrechnung ihre Maßnahmen für eine umweltgerechte und nachhaltige Produktion in einem detaillierten Abschlussbericht zu belegen.
INTERNATIONALE WERTSCHÄTZUNG
Die Aus- und Weiterbildungsangebote der LAFC erfreuen sich großer Beliebtheit, daran haben die Pandemie bzw. die Lockdowns nichts geändert – im Gegenteil. Und es geht mit Schwung weiter: Am 8. November von 10 bis 16 Uhr findet ein praxisorientiertes Webinar statt, das speziell auf den Bereich Szenen-, Kostümbild und Maske ausgerichtet ist. Es werden sowohl die Grundlagen des Green Filming vermittelt als auch die Praxis einer Umsetzung im Arbeitsalltag beleuchtet. Das hierzulande noch weitgehend unerschlossene Thema „Green Storytelling“ für Autorinnen und Autoren wird in einem interaktiven Webinar am 9. und 10. November behandelt und umfasst zwei Einheiten von jeweils 10 bis ca. 15 Uhr. Philip Gassmann leitet beide Webinare.
Die „zweite Generation“ von Green Film Consultants hat schon am 5. November ihre Abschlussprüfung. Alle, die an dieser zukunftsträchtigen Ausbildung interessiert sind, sollten sich den Jänner 2022 vormerken bzw. sich rechtzeitig anmelden. Die drei Module finden von 10. bis 13. Jänner, von 17. bis 19. Jänner und von 25. bis 27. Jänner statt, der abschließende Prüfungstermin ist der 4. Februar. Im Februar folgt dann schon der nächste Kurs. Die Kosten des Vermittlungsprogramms werden übrigens von der LAFC getragen.
Große Wertschätzung erfährt die LAFC auch von internationaler Seite: Nachdem die LAFC 2020 als „Film Commissions Initiative of the Year“ mit dem internationalen Makers&Shakers Award ausgezeichnet wurde, hat nun eine 40-köpfige internationale Jury die LAFC und ihr einzigartiges Evergreen Prisma für den diesjährigen europäischen Kulturmarken-Award in der Kategorie „Europäischer Preis für Nachhaltigkeit im Kulturmarkt“ nominiert, als eine von 26 Initiativen/Institutionen aus ursprünglich 110 Einreichungen. Die Preisverleihung findet am 11. November im Zuge des KulturInvest!-Kongresses bei der Gala „Night of Cultural Brands“ in der Staatsoperette in Dresden statt.
DIE ZUKUNFT
Herausforderungen gibt es noch viele, etwa die Verankerung bzw. Umsetzung des Green-Filming-Gedankens für transnationale Ko-Produktionen. Eine der Grundvoraussetzungen dafür ist die Schaffung bzw. Nutzbarmachung eines einheitlichen CO2-Rechners für die Filmbranche. Die LAFC hat den von der deutschen Firma KlimAktiv für die baden-württembergische Filmförderstelle MFG entwickelten Rechner, der in Deutschland schon flächendeckend genutzt wird, als Grundlage genommen, und ihn durch die Hinterlegung von Österreich-spezifischen Berechnungsfaktoren 2020 für die hiesige Branche adaptiert. Dietlind Rott dazu: „Daten können nun ganz branchenspezifisch erhoben werden. Durch deren Vergleichbarkeit über Landesgrenzen hinweg und die synchronisierten Kategorien rücken auch nachhaltig ausgerichtete Ko-Produktionen in machbare Nähe.“ Ein europaweiter Rechner würde derzeit im grünen Netzwerk recht kontrovers diskutiert werden. Jetzt ginge es erstmal darum, dass die „EU-Länder entsprechende, vergleichbare Daten sammeln (müssen), da exakte Berechnungen auf länderspezifischen Faktoren beruhen – die Kombination von Länder-Spezifika und allgemein hochzurechnenden Daten wird aber natürlich schon angedacht.“ Da empfiehlt sich der LAFC-Rechner als einheitliches Instrument in Österreich umso mehr. Auch UZ76 und das ÖFI empfehlen seine Verwendung. Derzeit wird mit KlimAktiv an einer optimierten Version gearbeitet. Die (grüne) Zukunft in Österreich kann kommen? Sie ist dank LAFC schon da.
