Hacksaw Ridge

Auferstanden aus Ruinen

| Pamela Jahn |
Nach zehn Jahren, etlichen Skandalen und diversen verbalen Ausfällen meldet sich Mel Gibson mit dem Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ als Regisseur zurück. Aber kann ein Film allein tatsächlich wieder gut machen, was Gibson seinem Image und seiner Karriere angetan hat? An der Seite seines Hauptdarstellers Andrew Garfield spricht er über kreative Pausen, Superhelden und die Sache mit dem Glauben.

Eines muss man Mel Gibson lassen: Wenn er sich schon zurückmeldet, dann mit Pauken und Trompeten. Und das nicht ganz zu Unrecht, möchte man fast meinen, denn Gibson hat sich längst nicht nur aufrichtig für seine antisemitischen Hasstiraden entschuldigt, sondern er hat über die Jahre schwer an sich und auch an seinem Alkoholproblem gearbeitet. Doch ihm ist auch klar, dass Hollywood derartige Fehltritte nicht so schnell vergibt. Umso wichtiger scheint es, dass dem reuigen Star über die Jahre immer wieder eine Reihe von renommierten A-Listern den Rücken stärkt, darunter Jodie Foster, die ihn 2011 in ihrem Film The Beaver wieder vor die Kamera holte, oder Robert Downey Jr., der kurz darauf bei einer Preisverleihung in seiner Laudatio für Gibson das Publikum darum bat, seinem Freund für dessen Ausfälle zu vergeben, so wie man auch ihm seine diversen Schnitzer immer wieder verziehen habe.

So weit, so gut. Tatsächlich aber liegt die ultimative Chance, in Hollywood wieder respektiert zu werden, noch immer in einem guten Film. Und einen solchen hat Gibson nun mit Hacksaw Ridge vorzulegen versucht. Erzählt wird darin die wahre Geschichte des amerikanischen Soldaten Desmond Doss (Andrew Garfied), der im Zweiten Weltkrieg an der Front dient und die brutalsten Schlachten überlebt, ohne jemals selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen. Stattdessen schlägt er sich, lediglich mit der Bibel und seiner Sanitäter-Tasche ausgestattet, an der Front durch und rettet auf diese Weise über siebzig Verwundete, beider Seiten wohlgemerkt. Sein Glaube und seine Prinzipien, an denen er zeitlebens festhielt, und für die er nach dem Krieg als Held gefeiert wurde, bescheren Doss jedoch zunächst großes Misstrauen und Verachtung in den eigenen Reihen. Der schmächtige Soldat erweist sich allerdings als derart hartnäckig und standhaft, dass es ihm schließlich gelingt, den nötigen Respekt zu erlangen. Und Garfield, der diesmal ohne gekünstelte Marvel-Superkräfte auskommen und stattdessen allein auf den Willen Gottes vertrauen muss, um seine außerordentlichen Heldentaten zu verbringen, steht dem überzeugten Pazifisten, den er verkörpert, in nichts nach.

Gibson dagegen setzt alles daran, den religiös eingefärbten Hintergrund seiner heroischen Fabel in jeder nur möglichen Einstellung auf der Leinwand sichtbar zu machen. Verwundern sollte das niemanden mehr, immerhin ging es auch in seinen früheren Regiearbeiten wie Braveheart (1995), The Passion of the Christ (2004) und Apocalypto (2006) immer wieder um Martyrium, Leid und Erlösung. Und so wie in den früheren Filmen des in Australien aufgewachsenen gebürtigen New Yorkers fließt auch diesmal wieder ordentlich Blut. Denn während Doss sich vehement gegen Gewalt und Waffen wehrt, töten seine Kameraden in den schier endlos scheinenden Kampfszenen alles und jeden mit dem alleinigen Ziel, die Schlacht um Okinawa für die USA zu gewinnen. Auch wenn der Film in keinem Moment so offen und ehrlich ist wie sein unfreiwilliger Held, muss man Gibson zumindest zugestehen, dass er sein Handwerk nicht verlernt hat. Hacksaw Ridge ist gewaltiges Kriegskino in bester Studiomanier, dessen fragwürdige Begeisterung am Schlachtgewitter jedoch den Pazifismus seines Helden unterläuft, weil er am Ende wie so viele vor ihm lediglich das glorifiziert, wogegen Doss sich sein Leben lang vehement gewehrt hat.

Ob Hollywood angesichts dessen tatsächlich gewillt ist, über Gibsons Vergangenheit hinwegzusehen, wird sich zeigen. Fest steht jedoch, dass sich der heute 60-Jährige so oder so nicht unterkriegen lässt. Und wenn alle Stricke reißen, bleibt ihm am Ende zumindest die Schauspielerei, die Gibson vielleicht schon immer besser stand. Erst vor kurzem konnte er mit seiner Hauptrolle in dem durchaus sehenswerten B-Movie-Action-Drama Blood Father punkten, demnächst wird er an der Seite von Sean Penn in Farhad Safinias The Professor and the Madman vor der Kamera stehen. Nur die ganz großen Rollen will auch er in seinem Alter nicht mehr riskieren, sagt er selbst, denn damit lande man schließlich irgendwann im Krankenhaus – und das kann sich Gibson, der demnächst zum neunten Mal Vater wird, nun auf keinen Fall leisten.

Mister Gibson, zehn Jahre sind eine lange Zeit.

Mel Gibson: Ich weiß nicht, manche Regisseure brauchen noch viel länger. Terrence Malick zum Beispiel hat 20 Jahre gewartet. So ist das eben manchmal. Und ein andermal laufen die Dinge wie am Schnürchen und man macht eine Sache nach der nächsten.

Hatten Sie Schwierigkeiten damit, einen Stoff zu finden, der Sie interessiert?

Mel Gibson: Damit nicht. Aber grundsätzlich geht es mir darum, meine eigenen Ideen umzusetzen, wenn ich selbst Regie führe. Es gibt gerade ungefähr fünf Projekte, an denen ich arbeite. Nur ist das Problem, dass keiner die Sachen produzieren will, die mich interessieren. Und das war früher nicht  anders. Braveheart, Apocalypto, The Passion – keiner wollte diese Filme machen. Wirklich keiner. Das heißt, man muss in die eigenen Taschen greifen. Nur kann man damit finanziell natürlich auch ganz schon auf die Nase fallen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr dazu. Hacksaw Ridge ist in der Hinsicht Neuland für mich, weil die Idee im Grunde nicht von mir stammte. Aber das war mir in dem Fall egal, weil das Drehbuch einfach etwas derart Fesselndes an sich hatte, dass ich dachte, okay, ich kann die Geschichte erzählen. Und es war mir wichtig, sie zu erzählen.

Was genau hat Sie daran so fasziniert?

Mel Gibson: So viel Dinge. Für mich gibt es drei Elemente, die in jeder großen Geschichte stecken müssen. Zunächst einmal muss man die Zuschauer unterhalten können. Egal wie grausam oder düster der Stoff ist, Unterhaltung steht an erster Stelle. Außerdem muss man das Publikum damit in irgendeiner Weise bilden. Und wenn man das Ganze dann noch auf eine Höhere Ebene heben kann, umso besser. Das Drehbuch hat für mich alle drei Dinge erfüllt, es ist unterhaltsam, man lernt was dabei und am Ende fühlt man sich  quasi geistig beflügelt, weil man gesehen hat, was ein Mensch allein schaffen kann, oder in dem Fall, was Desmond Doss geschafft hat und wie viele Menschen er gerettet hat in einer der grausamsten Situationen, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Andrew, haben Sie sich bei den Dreharbeiten selbst als Desmond Doss versucht, oder hatten Sie Hilfe?

Andrew Garfield: Natürlich versuch man es erst einmal selbst. Ich weiß noch, als wir zum ersten Mal eine der Kriegsszenen drehten, hat mich der Stunt-Coordinator gefragt, ob sie mir helfen sollten, die Leute übers Feld zu ziehen, bis sie aus dem Bild waren. Und ich meinte nur: „Nein, nein, nein, ich versuche einfach genau das zu machen, was Desmond getan hat.“ Aber schon nach dem ersten Typen ging mir die Puste aus und ich musste mir helfen lassen. Man glaubt es nicht, aber er hat ja Männer von Mels Statur gezogen, immer und immer wieder. Dabei war er selbst ein Typ wie ich, wenn nicht sogar noch schmächtiger. In dem Moment wurde mir bewusst, dass Desmond das nicht allein geschafft hat. Man hört sowas ja auch immer wieder in den Nachrichten, wenn Mütter Autos heben, um ihre Kinder darunter vor zu holen. Dazu braucht man andere Kräfte, und die hatte er auch. Selbst wenn er nur fünf Soldaten innerhalb zwei Stunden  auf diese Weise gerettet hätte, hätte ihm das schon eine Medaille eingebracht und er wäre als Held gefeiert worden.

Ging es Ihnen auch darum, dass man sich am Ende fragt, wie würde ich in der Situation reagieren?

Mel Gibson: Ja, genau das ist der springende Punkt. Dass man sich anschaut, was andere Menschen schaffen können, und sich dann fragt, wer bin ich? Könnte ich das auch? Ich weiß nicht, ob ich es könnte. Ich denke, nur wenige Menschen wären tatsächlich dazu im Stande, aber es ist wichtig, dass man weiß, dass es immer wieder Menschen wie Desmond gibt.

Andrew Garfield: Es gibt diesen unheimlich starken Moment im Film, wenn Desmond vor der Frage steht, ob er einem japanischen Soldaten, der verwundet ist, helfen soll. Und er denkt keine Sekunde darüber nach, sondern macht sich stattdessen sofort daran, die Wunden zu verarzten, wie er es bei jedem seiner Kameraden auch getan hätte. Und das ist das Faszinierende, finde ich. Selbst als seine Vorgesetzten ihm befahlen, er solle damit aufhören, sich auch um die Japaner zu kümmern, hat er einfach weitergemacht, als ob er jegliche Kontrolle über sein Tun abgegeben hätte und einer inneren Stimme folgte, die ihm sagte, er müsse weitermachen. Er sah einfach nur Leute, die Hilfe brauchen, egal ob Amerikaner oder Japaner.

Und auch sonst hat er sich konsequent an seine Prinzipien gehalten, komme, was wolle.

Mel Gibson: Absolut. Er ist seiner Sache stets treu geblieben.

Andrew Garfield: Trotzdem muss man dazu sagen, dass auch er Zweifel hatte. Dass auch er sich stets selbst hinterfragt hat und nicht einfach nur seinen Weg ging. Ich denke, das zeichnet ihn noch mehr aus. Und das ist zum Beispiel eine Qualität, die, wie ich finde, den meisten Menschen fehlt, die in unserer heutigen Gesellschaft das sagen haben.

Dieser Zwiespalt, von dem Sie da reden, dass man einerseits seinen Kopf durchsetzen will und andererseits Zweifel hat, ob man den richtigen Weg geht. Kennen Sie das auch?

Mel Gibson: Natürlich. So geht es mir bei jedem neuen Film. Ich rufe dann immer Jodie Foster an und erzähle ihr, wie mulmig mir bei der Sache ist. Dann am Morgen vom ersten Drehtag will ich mich jedes Mal am liebsten übergeben. Ich habe so viel Angst, so viele Zweifel, das glauben Sie nicht. Wenn man dann erst mal dabei ist, wird es einfacher. Nur der erste Gedanke daran ist schrecklich. Aber Selbstzweifel sind immer dabei, und ich glaube, das ist gut so. Das gehört dazu.

Andrew Garfield: Ja, Selbstzweifel sind immer gesund.

Mel Gibson: Ich glaube, nur so kann man es überhaupt schaffen. Man muss sich über den Schwierigkeitsgrad im Klaren sein und dann versuchen, seine Zweifel zu überwinden.

Haben Sie persönlich jemals darüber nachgedacht, freiwillig in die Armee zu gehen?

Mel Gibson: Ja, darüber nachgedacht habe ich schon. Mein Glück war es, dass es damals, als ich so alt war, keinen Konflikt gab, der mich dazu gezwungen hätte, zu dienen. Gott sei Dank! Aber ich muss oft an diejenigen denken, die keine Wahl hatten oder haben. Ich finde, daran wird viel zu selten erinnert.

Andrew Garfield: Wenn ich müsste, würde ich gehen. Aber ich fühle mich nicht dazu berufen. Ich denke nicht, dass das mein Job ist. Anderseits würde ich mich nicht wehren, wenn es dazu käme. Nur bin ich mir ziemlich sicher, dass ich so dermaßen Schiss hätte, dass ich nicht wirklich gut mit der Situation umgehen könnte. Umso größer ist mein Respekt für Leute wie Desmond und alle, die sich entschließen, freiwillig in den schrecklichsten Konflikten überall auf der Welt zu dienen. Ich respektiere und bewundere das sehr.

Glauben Sie, dass Desmonds Tun von seiner Religion bestimmt war?

Mel Gibson: Definitiv. Er befand sich geistig auf einer anderen Ebene, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sein ganzes Leben lang. Und ich denke, Andrew bringt das im Film großartig zum Ausdruck. Er war irgendwie wie nicht von dieser Welt. Wenn ich mir vorstelle, ich würde auch nur annähernd in seiner Situation stecken, ich würde sofort nach Schutz suchen. Ich könnte das nicht, was er getan hat.

Denken Sie, dass Ihr Glaube Sie beschützt?

Mel Gibson: Davon gehe ich aus. Ich bin mir nur nicht sicher wie stark mein Glaube ist. Manche Menschen sind unerschütterlich. Ich hab schon Mühe, mich über den Mittag zu retten, ohne schwach zu werden.

Wie wichtig ist Ihr Glaube in Bezug auf Ihre Arbeit?

Mel Gibson: Es ist wichtig in der Hinsicht, dass ich davon überzeugt bin, dass es etwas Größeres gibt als mich selbst. Denn ganz ehrlich, wenn ich Gott wäre, wären wir alle verloren. Warum? Weil ich fehlerhaft bin. Das heißt, ich muss mir zunächst einmal selbst helfen. Aber um das zu tun, brauche ich die Hilfe von etwas Größerem, etwas Höheren, um mich da durch zu bringen.

Andrew, wie einfach lässt sich so eine Rolle wie Desmond im Nachhinein wieder ablegen?

Andrew Garfield: Ganz schwer. Ich wollte nach den Dreharbeiten lange nicht loslassen, weil Desmond so eine wundervolle Figur war. Er war einfach ein ganz besonderer Mensch. Und es war unheimlich faszinierend für mich selbst zu spüren, wie ich jeden Tag mit mir und ihm gleichzeitig gerungen habe, weil ich in meiner Vorstellung etwas von dem manifestieren  wollte, was ihn für mich so bemerkenswert machte und mit dem ich mich auch identifizieren konnte. Aber natürlich hat das nicht wirklich funktioniert. Und so musste ich jeden Tag wieder nur als Andrew Garfield nach Hause gehen. Ganz zu schweigen vom Ende der Dreharbeiten, als ich wieder ganz und gar auf mich allein zurückgeworden war. Das war nicht einfach.

Sehen Sie Parallelen zwischen Desmond und Spider-Man?

Andrew Garfield: Ich kann nachvollziehen, dass die Leute versuchen, Parallelen zu finden. Dabei ist Desmond im Grunde das komplette Gegenteil von einem Superhelden. Aber die Geschichte  zielt auf etwas ab, was scheinbar gerade das amerikanische Bewusstsein bestimmt, nämlich, dass da jemand kommt, ein einziger, der uns alle rettet. Nur leider hat das noch nie funktioniert, und es wird auch diesmal nicht so funktionieren. Das Ganze ist ein fataler Irrglaube. Und Desmonds Leben spricht dafür, dass er genau eines nicht wollte: ein Held sein. Er wollte ganz einfach nur er selbst sein. Und dementsprechend hat er sich auch dagegen gewehrt, als Held gefeiert zu werden. Er wollte eigentlich auch nicht, dass man seine  Geschichte verfilmt. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Aber davon abgesehen, worum es im Grunde geht, ist, dass wir alle, jeder einzelne von uns, aufs Schlachtfeld ziehen müssen, um jemals etwas zu ändern beziehungsweise um wahre Hilfe zu leisten. Wohingegen die Superhelden-Filme eine ganz andere Botschaft vermitteln, die ich persönlich, um es milde auszudrücken, für nicht ganz ungefährlich halte.

Mel Gibson: Und man muss dazu sagen, dass Desmond, auch wenn er sich selbst dagegen sträubte, natürlich gewissermaßen heldenhaft gehandelt hat. Auf seine verquere, seltsame Art und Weise ist er der eigentlich wahre Superheld. Der Unterschied zwischen ihm und den diversen Möchtegern-Superhelden aus den Comic Heften ist, dass er ohne Spandex auskam.

Mel, inwiefern sehen Sie persönlich Hacksaw Ridge als das große Comeback, von dem alle sprechen?

Mel Gibson: Ich weiß nicht. Ich hoffe nur, dass es ein guter Film ist. Ich glaube, ich war immer ein ziemlich guter Regisseur. Daran hat sich nichts geändert. Regieführen verlernt man nicht, das ist wie Fahrradfahren. Und was meine Karriere angeht, versuche ich einfach nicht zu weit nach vorne zu schauen. Ich mache einfach das, was gerade ansteht, und dafür leg ich mich bei jedem Projekt so gut es geht ins Zeug. Was kommt, das kommt – so oder so.