Halbzeit am Lido

| Pamela Jahn |

Nach den Stars kam die Ernüchterung.

Nach den schwindelerregenden Höhen, in denen sich die Eröffnungsfeierlichkeiten mit Baltasar Kormákurs Everest bewegten, und der stattlichen Promi-Präsenz auf dem Roten Teppich stellt sich nach der ersten Festivalwoche vor allem eines ein: Ernüchterung. Denn so spannend sich das Programm des 72. Jahrgangs in Venedig auf dem Papier präsentierte, so überraschend konventionell und distanziert zeigt sich ein Großteil der bisher gelaufenen Wettbewerbsbeiträge auf der Leinwand.

Am deutlichsten wird dies vor allem bei den Filmen, an die die Kritiker vorab die größten Erwartungen gestellt hatten. Zwar warten Scott Coopers klassisches Crime-Drama Black Mass über den berüchtigten Bostoner Mobster Whitey Bulger (gespielt von Johnny Depp) als auch Tom Hoopers Oskar-verdächtiger Beitrag The Danish Girl, in dem Eddie Redmayne den dänischen Künstler und weltweit ersten Transsexuellen Einar Wegener verkörpert, jeweils mit einer exzellenten Besetzung und faszinierenden wie packenden Real-Life-Geschichten auf, es gelingt letztlich aber weder dem einen noch dem anderen Regisseur, seine Figuren emotional ans Publikum zu binden. Was nicht heißen soll, dass es den Filmen an Unterhaltungswert und Raffinesse fehlt, und sowohl Depp als auch Redmayne geben sich von ihrer besten und wandlungsfähigsten Seite, nur hilft auch das dickste (Depp) beziehungsweise makelloseste (Redmayne) Make-Up letztlich nicht, wenn es darum geht, Schwächen im Drehbuch zu übertünchen.

Den bisher überzeugendsten Beitrag, wenn auch wie Black Mass außer Konkurrenz im Hauptprogramm vertreten, legte  dagegen Tom McCarthy mit Spotlight vor. Das fesselnde Enthüllungsdrama bietet Michael Keaton, Mark Ruffalo und Rachel McAdams als engagierte „Boston Globe“- Reporter auf, die mit ihren Recherchen und Ermittlungen 2001 die Aufdeckung eines der größten Skandale über sexuellen Missbrauch durch katholische Priester ins Rollen brachten. McCarthy setzt dabei nicht weniger auf altbewährte Mittel und kopierte Gesten als Cooper in seinem Versuch, die brutalen Geschehnisse im Mafia-verseuchten Süd-Ende der Hauptstadt von Massachusetts widerzuspiegeln. Die filmischen Referenzen sind bewusst und zahlreich, und so schlecht gekleidet wie Coopers „Southie“-Gangster sind McCarthys eigenbrötlerische Journalisten allemal. Trotzdem gelingt McCarthy, was Coopers Film fehlt, nämlich dass man sich nur für die Figuren und ihre Geschichte interessiert, sondern dass man mit ihnen mitfiebert, wenn es darum geht, das komplette Ausmaß des Schreckens zu beleuchten.

Fiebrig, wenn auch auf seine ganz eigentümliche Art, wirkt auch Ralph Fiennes‘ Charakter in Luca Guadagninos schwülem Psychodrama A Bigger Splash, in dem der Brite sein Potenzial als ungenierter Tänzer und einer der besten Darsteller dieses Festivals vollends auszuleben versteht. Die tragikomische Vierecks-Geschichte um die vorübergehend verstummte Rocksängerin Marianne (Tilda Swinton) und ihren Geliebten Paul (Matthias Schoenaerts), die sich in eine abgelegene Villa in Italien zurückgezogen haben und dort überraschend Besuch von Mariannes Ex Harry (Fiennes) und dessen intriganter 17-jähriger Tochter Pénélope (Dakota Johnson) erhalten, ist eigentlich ein Remake von Jacques Derays La Piscine (1969, in dem Alain Delon, Romy Schneider, Jane Birkin und Maurice Ronet die Hauptrollen spielten. Eifersüchteleien  und sexuelle Anspielungen konkurrieren in dem angeheizten Beziehungs-Karrussell mit  jeder Menge Ego und verletzten Gefühlen – und wo die Komödie endet, ist auch die Tragödie nicht weit. Dass der Film bei der Pressvorführung am gestrigen Sonntag unerwartet viele Buh-Rufe wegstecken musste, überraschte einige Kollegen, doch anders als bei seinem meisterhaft sinnlichen Familiendrama I Am Love fehlt es Guadagnino diesmal vor allem an Intensität und Glaubhaftigkeit, um den Film übers Mittelmaß hinauszuheben.

Gänzlich hinter den Erwartungen zurück blieb im Wettbewerb bisher vor allem auch Cary Fukunagas überlange Netflix-Produktion Beasts of No Nation sowie L’attesa des Italieners Pierro Messina, der immerhin Juliette Binoche als Hauptdarstellerin für seinen Debütfilm  gewinnen konnte. Aber noch enttäuschender war eigentlich, was in den ersten Festivaltagen in der üblicherweise spannenden Nebenreihe „Orizzonti“  zu sehen war. Kristen Stewarts Darstellung der an SOS (Switched On Syndrome) leidenden „Nia“ schien da noch das Beste an der völlig sterilen Sci-Fi-Romanze Equals des 32-jährigen Amerikaners Drake Doremus, die in einer farb- und gefühllosen weit entfernten Zukunft spielt, in der eine Krankheit unter den Menschen, oder besser: den sogenannten ‚Equals‘ ausbricht, die plötzlich wieder Emotionen zulässt und damit das komplette System zu gefährden droht.

Aber ähnlich wie Stewart scheitern auch Robert Pattinson, Liam Cunningham und Bérénice Bejo in Brady Corbets überladenem The Childhood of a Leader daran, gegen die gänzlich hölzernen Figuren anzuspielen, die sie verkörpern, und so verliert sich Corbets ambitioniertes Debüt trotz des grandiosen Scores von Scott Walker in seinen unzähligen Referenzen, Ideen und Anspielungen darüber, auf welchen faschistischen Politiker hier wohl am ehesten abgezielt wird. Der Stimmung in Venedig tut die mitunter mangelnde Qualität der Filme jedoch keinen Abbruch. Noch liegt eine weitere Festivalwoche vor uns, und bis zur Preisverleihung am Samstagabend dürfte im verbleibenden Programm auch noch der eine oder andere Kandidat für den Goldenen Löwen dabei sein.