Die Brüder Farrelly über Anstand und Unanständigkeit in ihrem neuen Film „Hall Pass“
Man könnte die Filmkarriere von Peter und Bobby Farrelly damit Revue passieren lassen, dass man die abstoßendsten Momente auflistet, die Szenen, die sogar die abgebrühtesten Genießer von Gross-Out-Komödien zwingen zu sagen: „Ich kann nicht glauben, dass sie das gemacht haben.“
Diese Liste würde Jeff Daniels ausgedehnte Begegnung mit einer kaputten Toilette in Dumb and Dumber (1994) inkludieren, ebenso wie die Sonderregelung, die Woody Harrelson in Kingpin (1996) mit seiner Hausherrin trifft, um die Miete abzudecken; Ben Stillers Probleme mit dem Reißverschluss in There’s Something About Mary (1998); Taschentuch und Handcreme in Me, Myself & Irene (2000). Sogar die Szene in Fever Pitch (2005), in der Drew Barrymore von einem Baseball am Kopf getroffen wird, ist schockierend. Und lustig. Ihr neuer Film Hall Pass, in dem Owen Wilson und Jason Sudeikis zwei spitze Ehemänner spielen, die eine einwöchige Auszeit bezüglich der ehelichen Treue von ihren Frauen (Jenna Fischer und Christina Applegate) haben, setzt diese Tradition fort. Es gibt eine Szene, in der eine Frau, die von einer Bar abgeholt wird, sich nicht ganz wohl fühlt und… Nun ja, sagen wir einfach, Fans der Farrelly Brüder werden nicht enttäuscht sein. Alle anderen sind hiermit gewarnt worden.
Hall Pass wiegt seine Frevelhaftigkeit aber überraschenderweise auch mit Sentimentalität und Konservatismus auf. Wenn man die Furz-Gags, Vagina-Witze, entblößten Penisse, Masturbations-Empfehlungen und die Geheimterminologie herausschneiden würde, bliebe (wenn überhaupt irgendetwas) eine angemessene Vorführung für eine Sarah-Palin-Veranstaltung übrig.
Ist die Anstößigkeit der Farrellys also in Wirklichkeit ein Deckmantel für Familiensinn und ähnliche Wertvorstellungen? Haben sie ihren subversiven Schneid und ihre Fäkal-Visionen verloren und begonnen, sich mit dem spießbürgerlichen Status quo wohl zu fühlen? Werden die Farrellys vielleicht sogar zur Komik-Anarchie ihrer früheren Filme zurückkehren, wenn sie mit der Produktion ihres sich seit zehn Jahren in Vorbereitung befindenden Traumprojekts, The Three Stooges, beginnen? Es verspricht eine Verherrlichung des schwachsinnigen Trios zu werden, an deren erfolgreichen TV-Auftritten sich Generationen von Jugendlichen ergötzt haben und die einige – so wie die Farrellys – dazu inspiriert haben, nach ihrer unübertroffenen Infantilität zu streben.
In Ihren Filmen kombinieren Sie Gross-Out-Comedy mit … Mögen Sie den Ausdruck Gross-Out-Comedy nicht?
Peter Farrelly: Nein, den mögen wir nicht.
Welchen Ausdruck würden Sie verwenden?
PF: Meisterwerke wäre nett. Aber es setzt das, was wir tun, herab, wenn man unsere Filme einfach als Gross-Out-Komödie bezeichnet. Bei Something About Mary zum Beispiel: die Haargel-Szene einfach Gross-Out-Komödie zu nennen? Wir haben uns lange Zeit genommen – eine Stunde und fünfzehn Minuten des Films – um auf die Szene einzustimmen. Dieser großartige Typ trifft dieses Mädchen in der High School, verliebt sich maßlos, und es klappt einfach nichts. Siebzehn Jahre später trifft er sich endlich mit ihr, es schaut aus, als würde es passieren, und du öffnest die Tür und er hat dieses Zeugs in seinen Haaren. Das ist mehr als ein Gross-Out-Element. Es ist die Situation. Deswegen ist es falsch, von Gross-Out zu sprechen.
Also sagen wir stattdessen einfach, dass Sie diesen Fäkal-Humor besitzen …
Bobby Farrelly: Das ist besser. Ja, wir haben keine Angst davor. Wir haben keine Angst vor Körperfunktionen.
Sie scheinen alle abgedeckt zu haben.
BF: Es gibt immer neue.
Sie kombinieren Fäkal-Komödie also mit Romantik. Wie findet man da den richtigen Ton?
BF: Es ist wichtig, dass die Story auch lieb ist. Die Gags camouflieren das manchmal.Aber im Grunde genommen ist der Film über zwei Kerle, die eine Woche frei bekommen und daraus verändert hervorgehen.
PF: Es ist ein Balanceakt, weil wir nicht wollen, dass das ganze Ding absurd ist. Wir wollen die Geschichte aber ebenso wenig bloß zuckersüß. Wir wollen, dass sie beides beinhaltet. Vieles davon ist einfach nur das Timing. Wir wissen nicht wirklich, wie es funktionieren wird, bis wir im Schneideraum mit der Arbeit beginnen.
Letztendlich sind Ihre Filme über Familienwerte, in einer für Hollywood typischen Art und Weise.
BF: Wir machen das nicht vorsätzlich. In gewisser Weise ist es nicht Hollywood. In Dumb and Dumber bekommen sie das Mädchen nicht. In Kingpin gewinnt er das Turnier nicht. Wir wollen nicht, dass man aus dem Kino geht und sich gut fühlt. Auf der anderen Seite waren wir am Beginn von Hall Pass offen für die Idee, dass beide sich scheiden lassen. Dann dachten wir, okay, schauen wir mal, wohin es uns führt. Ich wollte ein Ende im Stil der Siebziger Jahre, wo alles möglich ist. Butch Cassidy and the Sundance Kid – sie sterben am Schluss. The Way We Were – sie sind am Ende nicht zusammen. Wir wussten, dass eines oder beide dieser Paare sich scheiden lassen konnte. Aber nachdem sie ihre Fehler gemacht haben, ihre Schulden bezahlt haben und ein bisschen durchgeschüttelt wurden, dachten wir, dass sie es verdienen würden, wieder zusammen zu kommen.
Es scheint, als würden jene Charaktere, die der Versuchung erliegen, dafür durchgebeutelt werden.
PF: So ist das doch, oder?
Das ist eine Art traditioneller, moralischer Wert. Halten Sie sich für konservativ?
PF: Ich würde sagen, ich bin sehr liberal. Ich kann nicht für Bobby sprechen. Wir reden nicht wirklich über Politik. Ich bin offen für Dinge. Leben und leben lassen. Ich bin für die Homo-Ehe.
BF: Ich bin auch auf der liberalen Seite, wenn es um Komödien geht. Wir werden alles ausprobieren, wenn wir denken, dass es lustig ist. Was die Politik angeht, würde ich mich selbst als unpolitisch einstufen.
Aber Ihre Filme können politisch sein. Sie involvieren beispielsweise oft behinderte Menschen.
PF: Ja, am Beginn des Films ist beim Kartenspiel ein Mann im Rollstuhl – das ist Danny Murphy. Und dann dieser Typ, der Jason Sudeikis verprügelt: Igor ist der größte Mann in Nordamerika und hat deswegen viele Einschränkungen. Es gab einen Bericht auf CNN und er meinte, sein Traum wäre es, in einem Film zu spielen. Also haben wir ihn angerufen und ihn reingebracht. Wir machen das, weil wir Freunde haben, die körperlich oder geistig behindert sind. Das sind Leute, mit denen wir aufgewachsen sind. Als wir begonnen haben, Drehbücher zu schreiben, haben wir sie ein bisschen einbezogen. Die Studioleute meinten, man wolle die nicht in einer Komödie. Warum denn nicht? Es war ein Teil unserer Erziehung.
Ein weiterer Umstand, der mir in dem Film gefällt ist, dass ein weißer Mann eine afro-amerikanische Frau hat und es keinen Kommentar dazu gibt.
PF: Ich liebe es, das zu tun. Wir lieben diese „Kein Kommentar“-Art, wir machen nicht gern eine große Sache daraus. So wie in There’s Something About Mary. Ihr Vater ist schwarz. Als wir die Rolle gecastet haben, haben wir nicht geschrieben, dass er schwarz ist. Wir dachten, man würde nicht glauben, dass ein Afro-Amerikaner, der klingt wie ein schwarzer Innenstadt-Typ, Marys Vater sein würde. Also verdammt, machen wir das! Wir bringen das Publikum gern aus dem Gleichgewicht und überraschen es. Das war ein großartiges Beispiel dafür. Kein Kommentar dazu, aber es half der Szene sehr.
Der Film hat auch homoerotische Eigenschaften. Muss heute jede Komödie einen nackten Penis haben?
BF: In letzter Zeit kommt es gut an. Aber ich glaube nicht, dass es jemals so einen wie in diesem Film gab.
Sagen wir mal, er füllt die Leinwand. Und es gibt auch eine Konversation über das Thema „Würdest du lieber einen siebenminütigen Blowjob haben oder einen siebenminütigen Kuss?“. Das ist irgendwie eine Fangfrage.
BF: Es ist eine ziemlich schwere Frage. Aber es ist lustig. Als Dumb and Dumber herauskam, nannte ein Typ im Studio den Film homophobisch. Wir dachten, er veräppelt uns. Es ist homoerotisch. Diese Typen gehen gemeinsam in die Sauna und schlafen im selben Bett.
PF: Sie sind ineinander verliebt.
Irgendwie ähnlich wie in The Three Stooges. Dieses Projekt scheint die Rückkehr zu jener komödiantischen Urquelle zu sein, aus der Sie schöpfen.
PF: Dieser physische Slapstick-Humor ist immer noch lustig. Die haben ihre Filme 1935 gemacht und wir können sie immer noch anschauen und uns darüber kaputtlachen. Jene Komödien dieser Zeit, die auf Schlagfertigkeit und solche Sachen bauen, verändern sich hingegen. So wie Preston Sturges. Es ist schwer für die Leute, solche Menschen wie Preston Sturges so zu schätzen, wie die Stooges oder W.C. Fields. Es ist für uns schwerer, die Komödien ohne Humor physischer Art zu schätzen.
Der Film transferiert also die Stooges ins heute?
PF: Ja. Wir haben drei neue Episoden geschrieben. Und der Film ist in der Gegenwart angesiedelt, aber die Stooges schauen genauso aus wie damals, hören sich gleich an, kleiden sich gleich, und es gibt die gleichen Soundeffekte. Es ist ein Kinderfilm.
Auch mit Cher als heißer Nonne?
BF: Sie hat noch nicht zugesagt. Wir hatten Glück, sie für den Film Stuck On You zu bekommen. Wir mögen sie einfach. Sie ist eine coole Henne und wir würden gerne wieder mit ihr arbeiten.
PF: Sie ist die einzige Frau, mit der wir jemals gearbeitet haben, die uns beide gevögelt hat.
BF: Gleichzeitig.
PF: Deswegen würden wir uns gern wieder zusammentun.
