Hans Jürgen Syberberg – Ich der Schatten König

„Ich, der Schattenkönig“

| Maya McKechneay |

Einst Synonym für den Neuen Deutschen Film, geriet er in den Windschatten von Fassbinder, Kluge & Co. Jetzt ist die von Hans-Jürgen Syberberg auf DVD erschienen: Dreizehn Stunden voll Irrsinn, Pomp – und leuchtender Momente.

Natürlich kann man sich fragen, ob die Welt diese Box gebraucht hat. Dreizehn Stunden Syberberg-Kino auf DVD. Puppentheater und Deklamieren auf nebelverhangenen Bühnen – um den vom Filmemacher selbst „Requiem-Revue“ getauften Modus Operandi polemisch zu umreißen. Das ist nicht Kino, wie man es kennt. Das ist ein Anlauf zum „Gesamtkunstwerk“ (Syberberg). Und wirkt teilweise ganz schön veraltet. Der Hang zum grotesk Überschminkten, der Gestus des Geschichtstheaters, die Inszenierung von Politik als Varieté, zumal mit André Heller als Conferencier (in Hitler, ein Film aus Deutschland) – das riecht schon ziemlich nach den Siebziger Jahren.

Und trotzdem. Bleiben wir bei Syberbergs Opus Magnum, Hitler – ein Film aus Deutschland (1977). In diesem letzten Teil der Trilogie hält Heinz Schubert als Zirkusdirektor eine Rede. In weißer Livree, mit weißem Zylinder spricht er direkt in die Kamera: „Alle, die nun noch einmal Stalingrad sehen wollen oder den 20. Juli oder den einsamen Wolf im Bunker seines Niedergangs (…), müssen wir enttäuschen. Wir zeigen nicht die nicht wiederholbare Realität. Auch nicht die Gefühle der Opfer mit ihren Geschichten. Auch nicht die Geschichten der Sachbuchautoren und die großen Geschäfte mit Moral und Horror. Mit Angst und Tod und Buße und Arroganz und direktem Zorn.“ Während er spricht, sind hinter ihm Bilder einer jubelnden Menge als Rückprojektion zu sehen. „Was wäre Hitler ohne uns?“, fährt Schubert in seiner Grundsatzrede fort. Ungläubig lässt man die Szene noch einmal laufen. Da spricht einer 1977 über Filme, die es noch gar nicht gab: Joseph Vilsmaiers Stalingrad von 1993, das 20. Juli-Drama Valkyrie, das 2009 unter der Regie von Bryan Singer fertig gestellt wird, und Der Untergang, in dem der berüchtigte Bernd Eichinger 2004 vom Ende des Führers als einsamem Wolf erzählt. Der gleiche Bernd Eichinger übrigens, der Syberbergs Hitler-Film 1977 produzierte. Und plötzlich ist Schluss mit veraltet. In Karl May (1974) besetzt Syberberg Helmut Käutner, einen Proponenten der vorausgegangen Regiegeneration (Grosse Freiheit Nr. 7), in der Titelrolle. In Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972) lässt er Fassbinder-Regular Harry Baer im Hermelin-Cape als bayerischen Kini auftreten. Zwei weitere Monomanen, gefangen in der eigenen Ikonografie. Baer gibt zu Wagner-Arien den sterbenden Schwan, birgt den Kopf im Pelz und haucht: „Ich war einmal“ oder „Ich, der Schattenkönig, will es so.“ In der Rückprojektion laufen diesmal Videobilder von Touristenmassen, die durch Ludwigs Neuschwanstein trotten. Syberberg zeigt die Inszenierung von Macht als unendliches Spiegelkabinett, in dem sich Herrscher und Berherrschte gleichermaßen verlieren. Für Alltag ist in dieser endlosen Fiktion kein Platz, die spärlichen Tageslichtaufnahmen unterlegt Syberberg mit Farb- und Sepiafiltern.

Auch die Machthaber treten in Wizard-of-Oz-Manier als Projektionen auf, als Wachsfiguren, Ölporträts und Handpuppen, die sich ihre Stimme ebenso von außen borgen, wie die Bühnenräume ihre Atmo. Gilles Deleuze spricht in Das Zeit-Bild (1985) von der „Dysjunktion als Stileigenheit Syberbergs“. Syberberg konstruiere einen „komplexen, heterogenen, anarchischen Raum, in dem Triviales und Kulturelles, Öffentliches und Privates, Historisches und Anekdotisches, Imaginäres und Reales in enger Nachbarschaft zueinander stehen“. Und schließt an: „Die moderne Welt zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr die Information die Natur ersetzt.“

Während Syberberg in Deutschland mit der Szene im Clinch lag (Fassbinder etwa nannte ihn einen „Geschäftsmann des Plagiats“) und seinen Hitler-Film der Berlinale 1977 bewusst verweigerte, reüssierte seine Arbeit in New York, wo sie in Francis Ford Coppola einen prominenten Fürsprecher hatte. Eine Bonus-Doku auf der DVD zeigt Coppola, Syberberg und Susan Sontag beim gemeinsamen Fernsehen und Diskutieren in Coppolas Wohnung. In der gleichen, 1978 von Jörg Buntschuh und Christian Bauer gedrehten Doku, räsoniert Syberberg über die Zukunft des Kinos: „Ich glaube, dass in rund zehn Jahren das Filmgeschäft anders aussehen wird als heute. Es wird sich verlagern vom Kino weg in das Haus. Man wird Filme anschauen, wie man Schallplatten anhört, auf Kassetten an großer Wand. Dann braucht man andere Filme als heute. Und dies ist so ein Film, den man dann braucht.“

Heute öffnet sich eine Zeitkapsel, wenn man Syberbergs frühe, oft verrauschte Videoaufnahmen eingebettet in eine wiederum abgefilmte 35mm-Projektion mit kleinen Kratzern und Markierungen für den Rollenwechsel sieht. Das Ganze allerdings nicht, wie von Syberberg für Ende der Achtziger Jahre prophezeit, von Kassette an die Wand geworfen, sondern auf dem LCD-Flachbildschirm des Fernsehers oder Computers. Hitler – Ein Film aus Deutschland wird vom Regisseur auf www.syberberg.de auch zum Gratisdownload angeboten. Dass sich der 1935 geborene Syberberg in den letzten Jahren dem Internet zugewandt hat, scheint eigentlich logisch. Man braucht gar nicht viel Phantasie, um die aus Informationen collagierten Räume in Ludwig oder Hitler als vorausahnende Allegorie auf das Internet zu begreifen.

Sein tatsächliches Webtagebuch ergänzt Syberberg fast täglich mit Fotos und Texten, die ihn mitunter als streitbaren Charakter offenbaren. Mal polemisiert er gegen das Arthaus-DVD-Label, bei dem zwar Fassbinder, Herzog und die Riefenstahl, nicht aber er, Syberberg, Unterkommen gefunden hätte. Mal dokumentiert er die Arbeiten an seinem Gutshof in Nossendorf/Pommern, den er mit Thomas Bernhard‘scher Beharrlichkeit in den Urzustand zurück versetzt. Wie eine Signatur thront ein Foto von Nossendorf auch auf der Rückseite der DVD-Broschüre. Und man weiß nicht so recht: Ist das nun doch die Sehnsucht des Filmemachers nach dem fest gemauerten Alltag? Oder ist auch Nossendorf letztlich eine Kulisse zur Selbstinszenierung des monomanischen Künstlers?