Ein Jahr lang war ray-Autor Fabian Burstein mit Hansi Lang unterwegs, um gemeinsam dessen Biografie zu erarbeiten. Ende August, wenige Tage nach deren Vollendung, verstarb Hansi Lang an einem Schlaganfall. „Kind ohne Zeit“ erscheint dieser Tage als posthumes Vermächtnis. Der Autor und Biograf im Gespräch.
Welchen Zugang hattest du zu Hansi Lang bzw. wie ergibt sich daraus eine Biografie?
Den Grundzugang gab’s immer: Für mich war er ein absolut relevanter Proponent einer Ära der Musikszene – verbunden mit Respekt und Bewunderung. Dass es so gekommen ist, dass ich ihm seine Lebensbeichte abgenommen habe, hat schlichtweg damit zu tun, dass ich vor eineinhalb Jahren für ray ein Dossier über „die drei Hänse“ geschrieben habe: Dujmic, Hölzl und Lang. Im Zuge dessen habe ich ihn kennen gelernt. Und weil das ein sehr langer Text war, habe ich mich damals schon sehr intensiv mit ihm befasst. Wir hatten einen sehr guten Draht zueinander, und deshalb riss der Kontakt zwischen uns nicht ab. Man geht dort hin, man sieht sich da … Irgendwann nahm die Geschichte immer mehr Konturen an – und damit auch die Erkenntnis, dass das eigentlich Stoff für ein Buch wäre. Ich hab ihn gefragt, und er meinte, er würde das gerne machen. Kurz darauf hatten wir einen Verlag, was der Sache gleich eine andere Dimension gab. So hat dieses gute Jahr mit ihm begonnen.
Du hast das Wort Lebensbeichte verwendet …
Das Wort passt insofern, weil er wirklich offen und ohne Kalkül sein Leben erzählt hat. Und zwar mit einem sehr speziellen Unterton, in dem immer mitschwang, dass er sich selbst in Frage stellt: in seinen künstlerischen Entwicklungen, hinsichtlich der Frage, ob er sein Talent genutzt hat, ob er mit dem Erfolg richtig umgegangen ist, ob er als Vater, als Freund oder als Liebender das richtige getan hat. Ob dieser Ehrlichkeit und diesen Lebenszweifeln trifft das Wort Lebensbeichte definitiv zu. Es ging um das ehrliche und stringente Aufarbeiten von sich selbst und um die Zweifel, die man in sich trägt.
In vielen Köpfen existiert ein klar gezeichnetes Hansi-Lang-Bild. Gibt es diesbezüglich Dinge, die es zu relativieren gilt?
Es relativieren sich Teile des Bildes. Dass er sehr sensibel war, dass er dauernd mit dem Scheitern gerungen hat und dass er ständig den Grenzgang zelebriert hat – das waren definitiv Aspekte seiner Persönlichkeit. Er brauchte diese Intensität, um sich in den musikalischen Diskurs einbringen zu können. Und hat sich dabei sicher nicht geschont. Denn die Geschichten, die er erzählt hat, musste er vorher durchleben. Das waren extreme Geschichten. Aber er war eine viel facettenreichere, eine wesentlich vielschichtigere Person, als diese Klischees nahe legen. Seine gesamte künstlerische Laufbahn war immer ein Ringen. Eine Suche nach Identität und nach Roots – auch wegen des nicht vorhandenen Vaters. Das ist der Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht so bewusst. In Wahrheit war sein Leben eine lange Reise, die mit dem Slow Cub insofern eine schlüssige Etappe gefunden hat, weil er mit dem American Songbook und seinem ersten englischsprachigen Album seit Ende der Achtziger wieder dort angekommen ist, wo er angefangen hat: als Kind eines Besatzungssoldaten mit amerikanischen Roots.
Du hast gemeinsam mit Hansi Lang über ein Jahr lang wichtige Orte seines Lebens besucht – also eine sehr intensive Auseinandersetzung. Inwiefern verschwimmen da die Grenzen zwischen Biografie und Autobiografie?
Es ist definitiv eine Biografie. Aber es herrscht klarerweise ein anderer Zugang, weil es nicht so geschrieben ist, als ob ich einen objektiven musikhistorischen Text über Hansi Lang schreibe. Das Buch verarbeitet zu einem großen Teil Situationen zwischen uns: Beobachtungen, aber auch Reaktionen auf Fragen. Was man bei Hansi Lang nicht ausblenden soll: Mindestens genauso interessant wie seine Antworten war sein Spiel mit Blicken und Emotionen – da spielt wieder diese Intensität mit hinein. Denn eines ist klar: Hansi Lang war kein 08/15-Künstler, der eine öffentlichkeitswirksame PR-Maske trug. Wobei es auch bei ihm Abgründe gibt, die man im Lauf eines Jahres natürlich auch erlebt. Kind ohne Zeit ist aber schon eine Biografie, die aus dem klassischen Rahmen fällt, weil es im Buch sehr stark um Interaktion geht, um eine Blickweise auf ihn.
Wenige Tage nach der letzten Reise und Vollendung seiner Erzählungen erlitt Hansi Lang den tödlichen Schlaganfall. Wie geht man als Biograf damit um?
Es war eine drastische und arge Erfahrung. Wir waren gemeinsam eine Woche lang in Frankreich, in Les Ormes, wo wir das Haus besucht haben, in dem er als Kind gewohnt hat. Wie üblich waren wir viel gemeinsam unterwegs. Die Intensitätsschraube war aber noch einmal fester angezogen, weil wir beide weit weg waren und eigentlich rund um Uhr zusammengepickt sind. Als wir uns nach der Rückkehr in Wien verabschiedet haben, hat er mich ungewöhnlich lang umarmt. Das war an einem Samstag. Am Donnerstag darauf hatte er den Schlaganfall, und ich bin am Freitag benachrichtigt geworden, dass es ihm sehr schlecht geht und dass er nicht mehr bei Bewusstsein ist. Das war ein arger Flash. Weil das nicht mehr nur der Mensch ist, über den du ein Buch schreibst. Du bist dem ganz anders verbunden. Das ist wie eine total intensive Freundschaft. Einige Leute haben dann gesagt, ich soll aus Sicht des Biografen sein Ableben kommentieren. Das hab ich natürlich gemacht. Nur in dem Moment war das wahnsinnig schwierig, weil ich in dieser Situation nur bestürzt war, dass jemand, den ich sehr gerne gehabt habe, verstorben ist.
Warum ist „Kind ohne Zeit“ ein adäquater Titel?
Das ist der Titel seines allerersten Gedichtes bzw. Liedtextes. Das war Ende der Siebziger und markiert damit einen Anfang. Als wir auf dem Heimweg von Frankreich im Auto saßen, hat er mich gefragt, ob ich schon einen Buchtitel habe. Ich sagte: „Ja“. Er meinte dann, er würde mir gern ein Geschenk machen: Denn das erste Buch, das er schreiben wollte, aber nie geschrieben hat, hätte immer „Kind ohne Zeit“ heißen sollen. Er bot mir den Titel an – mit dem Zusatz, ich solle mich nicht verpflichtet fühlen. Als ich dann vor seinem Bett auf der Intensivstation gestanden bin und man gemerkt hat, dass er das nicht überleben wird, da war er wirklich dieses Kind ohne Zeit. Obwohl er nicht mehr wirklich da war, war er auf einer anderen Ebene dann doch wieder sehr präsent. Zu dem Zeitpunkt war auch für mich klar, dass das Buch aus emotionalen Gründen so heißen wird.
