Hannah Herzsprung lässt in „15 Jahre“ jene Figur neu aufleben, mit der ihre Kinokarriere einst begonnen hat. Im Interview spricht sie über ihre Rolle als Jenny von Loeben, die Zusammenarbeit mit Regisseur Chris Kraus und den Kraftakt, der hinter ihrem Spiel steckt.
Am liebsten möchte man sie in den Arm nehmen, ganz fest an sich drücken und sagen: „Alles wird gut.“ Aber Jenny von Loeben ist keine Frau, die sich leicht trösten lässt. Ihr Schmerz sitzt zu tief, ihre Wut ist zu groß. Früher war es noch schlimmer. Als sie, die vermeintliche Mörderin, sich hinter Gittern ihr Recht auf Leben jeden Tag neu erkämpfen musste. Immer auf „aggro“, immer mit geballter Faust. Das Einzige, was Jenny damals im Frauenknast blieb, war ihr wildes, ungestümes Talent fürs Klavier. Chris Kraus hat die Geschichte 2007 in Vier Minuten erzählt. Hannah Herzsprung spielte Jenny, die erbitterte Pianistin mit Hang zur Selbstzerstörung, die stets ihre ganze Existenz in die schwarzweißen Tasten ihres Instruments legt. Es war ihre erste Hauptrolle, ihr erster Kinofilm. Für die damals 25-jährige gebürtige Hamburgerin war die Figur ein Geschenk: die totale Verausgabung, intensives Schauspiel auf hohem Niveau. Es hilft, Jennys Vorgeschichte ein wenig zu kennen, um die Frau zu verstehen, die jetzt, 15 Jahre später, an der Miniorgel sitzt und Kirchenlieder spielt. Man erkennt Hannah Herzsprung, die noch immer das ganze Leid und den Zorn ihrer Figur in sich trägt. Aber etwas ist anders. Jenny ist nicht mehr im Gefängnis. Sie hat bei Gott Schutz gesucht. Wenn sie redet, wirkt sie kontrollierter, gefasster – dem Herrn sei Dank. Doch die Zeit heilt bekanntlich keine Wunden. Und Jenny hat noch immer Mühe, mit ihrem Schicksal umzugehen. Chris Kraus, der erneut sein eigenes Drehbuch verfilmt hat, stellt der Figur auch diesmal Menschen an die Seite, die Jenny helfen sollen, mit ihrer inneren Zerrissenheit umzugehen. In Vier Minuten war es Monica Bleibtreus Klavierlehrerin Traude Krüger, die in der Auseinandersetzung mit ihren eigenen Traumata für Jenny zu einer Art Komplizin wird. In 15 Jahre kommt diese Aufgabe Adele Neuhauser zu. Sie spielt die strenge, aber wohlmeinende Diakonin Frau Markowski, die ihren Schützling aus der Dunkelheit ins Licht zu führen versucht. Gleichzeitig lernt Jenny den syrischen Flüchtling Omar (Hassan Akkouch) kennen, der so gut singen kann, wie sie auf dem Klavier spielt. Gemeinsam treten sie bei einer Talent-Show auf, in der, wie es der Zufall will, Jennys Ex-Freund als einer der Juroren agiert. Und Gimmiemore (Albrecht Schuch), wie sich der Popstar mittlerweile nennt, soll, wenn es nach Jenny geht, nun endlich dafür bezahlen, dass ihr Leben derart aus den Fugen geraten ist. Was Hannah Herzsprung in dieser ungewöhnlichen Fortsetzung aus ihrer Figur macht, entspricht der Art und Weise, wie sie seit Vier Minuten jede ihrer Rollen angeht, frei nach dem Motto „ganz oder gar nicht“. Egal, ob sie in einer romantischen Actionkomödie wie Sweethearts (2019) agiert oder für Dominik Graf in Die geliebten Schwestern (2014) eine Ménage-à-trois mit Schiller eingeht, immer sind ihre FigurenKämpferinnen in eigener Sache, ihr schmaler Körper steckt jeden Rückschlag wie eine Boxerin weg. Beim Spielen, sagt Herzsprung, höre sie auf zu denken, dann sei sie nur noch im Moment, eben ganz bei sich. Die Methode geht auf: Jenny ist eine Naturgewalt, mit Haut und Haar.
Frau Herzsprung, was macht für Sie einen Chris-Kraus-Film aus?
Hannah Herzsprung: Das Schöne an seinen Filmen ist, dass ich emotional immer total abgeholt werde. Er überrascht mich mit seinem Mut als Regisseur und mit den Themen, für die er sich interessiert. Es ist jedes Mal großes Kino, das auf die Leinwand gehört. Man spürt in jeder Sekunde, wie sehr er Wert darauf legt, dass wirklich bis ins kleinste Detail alles stimmt.
Ihre erste Zusammenarbeit bei „Vier Minuten“ war gleichzeitig Ihre erste große Kinorolle. Die Figur der Jenny war ein echter Kraftakt. Wie sehr waren Sie sich damals bewusst, was da auf Sie zukommt?
Hannah Herzsprung: Es stimmt, die Rolle ist sehr extrem. Das habe ich auch jetzt bei 15 Jahre wieder gemerkt. Aber was für mich immer im Vordergrund steht, ist meine Spielfreude. Egal, wie schwer die Figur zu fassen ist. Oder, sagen wir mal so: Als ich mir die junge Jenny damals erarbeitet habe, musste ich zunächst den Schmerz zulassen, den dieses Mädchen hatte, um daran anzuknüpfen und die Figur zu verstehen. Ich musste ein Gefühl dafür bekommen, warum es ihr so geht, warum sie derart rebelliert und impulsiv reagiert. Gleichzeitig habe ich Chris bereits damals als einen Regisseur erlebt, der extrem genau hinschaut, in jeder Szene, in jedem Augenblick. Dadurch haben wir sehr schnell ein Vertrauen zueinander aufgebaut, dass es mir erlaubt hat, vor der Kamera alles um mich herum zu vergessen und einfach nur zu spielen. Wir haben dann gemeinsam entschieden – wo kann man noch mutiger oder wo sollte es reduzierter sein.
Jenny ist einerseits voller Wut und Schmerz, aber sie ist andererseits auch musikalisch hochbegabt. Was hat Sie speziell an der Figur gereizt, dass Sie sie jetzt noch einmal spielen wollten?
Hannah Herzsprung: Mittlerweile habe ich unglaublich viele Drehbücher gelesen und erlebe jeden Tag, wie unterschiedlich die Qualität ist. Aber bei Chris hat man eigentlich immer das Gefühl, man liest einen Roman. Er ist ein brillanter Autor. Schon als ich damals zum ersten Mal von Jenny gelesen habe, hat mich diese Figur einfach begeistert. Ich wollte wissen, was ihre Geschichte ist, was mit ihr passiert. Ein Mädchen, das adoptiert wurde, das zu diesem Wunderkind wird, und dann über den Schmerz, den sie erfahren hat, in der Rebellion Schutz sucht.
Wie haben Sie sich der Figur konkret angenähert?
Hannah Herzsprung: Ich liebe es, Rollen anzunehmen, die ganz weit weg sind von mir. Ich interessiere mich für Psychologie, für die Psychogramme von Figuren. Es fasziniert mich, Menschen zu studieren. Ich versuche, ihre Geschichte und ihre Emotionen jedes Mal so zu verinnerlichen, dass sich die Menschen im Kino am Ende davon berührt fühlen. Das ist meine Aufgabe, das ist mein Beruf. Das heißt, ich stürze mich nicht in Rollen, um selbst zu leiden oder um mich zu quälen. Im Gegenteil. Egal, wie schwer es die Figur hat, die ich in dem Moment verkörpere, geht es mir immer um die Freude an der Verwandlung, am Spiel.
Improvisieren Sie gerne?
Hannah Herzsprung: Nichts an der Figur, wie ich sie spiele, ist improvisiert. Ich habe nur mit dem Text gearbeitet und ihn für mich übersetzt. Natürlich hat jede Rolle irgendwo was mit mir zu tun, sonst hätte ich keinen Zugang dazu. Aber wenn ich spiele, denke ich nicht mehr. In dem Moment lasse ich alles von mir abfallen. Ich höre auf zu denken und lasse einfach nur noch los.
Klingt anstrengend.
Hannah Herzsprung: Ich war so erschöpft nach dem Dreh, aber auch so glücklich und erfüllt.
Haben Sie Verständnis dafür, dass Jenny den Mord ihres früheren Partners auf sich genommen hat?
Hannah Herzsprung: Darum geht es nicht. Wenn ich sie spiele, muss ich mich ganz klar für diese Figur entscheiden, so wie sie ist. Die große Herausforderung bei 15 Jahre war, dass wir Jenny nicht noch einmal als dieses gewalttätige, aggressive junge Mädchen zeigen wollten, sondern dass in all der Zeit auch etwas passiert ist mit ihr. Wenn man eine lebenslängliche Haftstrafe bekommt, hat man die Möglichkeit, sich entweder seinem Schicksal hinzugeben, oder man kann versuchen, in eine Institution wie dieses christliche Wohnheim zu gelangen. Aber das ist kein einfacher Prozess. Beide Seiten müssen das wollen.
Glauben Sie, dass jeder Mensch im Leben eine zweite Chance verdient hat?
Hannah Herzsprung: Ja, auch eine dritte und eine vierte, aber es kommt natürlich immer auf die Situation an. Deshalb finde ich es auch so berührend, wenn die Heimleiterin Frau Markowski sagt, Jenny müsse sich von ihrem alten Leben verabschieden, und sie erwidert: „Ich will doch.“ Und das meint sie so ernst. Aber wir wissen alle, wie schwer es ist, gegen alte Muster und unsere inneren Dämonen anzukämpfen. Das dauert, und die Geduld muss man erst mal für sich haben. Dazu braucht man Kraft und Menschen, die einen vielleicht auch unterstützen und die immer wieder an einen glauben.
Wie sind Sie damals bei „Vier Minuten“ eigentlich an die Rolle gekommen?
Hannah Herzsprung: Ich studierte zu der Zeit Publizistik in Wien und hatte einfach riesiges Glück. Ich bin zum Casting gegangen und Chris hat mir im Nachhinein gesagt, dass er sich für mich entschieden hat, weil ich die Einzige war, die wirklich richtig für diese Rolle ge-
brannt hat. Und ich kann das noch total nachempfinden. Ich wollte diese Rolle unbedingt spielen, und dann setzt sich bei mir eine unglaubliche Kraft frei. Aber für Chris war es ein Risiko. Ich hatte ja noch nie fürs Kino gespielt. Man wusste gar nicht, ob ich auf einer großen Leinwand überhaupt gut rüberkomme. In Amerika gibt es dafür Screen-Tests, aber nicht bei uns. Ich konnte also nur mein Bestes geben und hoffen, dass es funktioniert.
Wollten Sie sich damit auch ein Stück weit selbst beweisen, dass Sie das Zeug zur Schauspielerin haben?
Hannah Herzsprung: Nein, denn es war ja eigentlich ein ganz kleiner Film. Wir hatten am Anfang noch nicht mal einen Verleih und keiner wusste, ob er jemals ins Kino kommt.
Ihr Vater, Bernd Herzsprung, ist ebenfalls ein bekannter Schauspieler. Gibt es so etwas wie eine Herzsprung’sche Herangehensweise an den Beruf?
Hannah Herzsprung: Nein, wir haben das immer ganz strikt voneinander getrennt. Tatsächlich haben mein Vater und ich noch nie übers Schauspielen gesprochen. Ich habe das alles irgendwie alleine gemacht.
Wie hat er reagiert, als klar war, dass Sie auch Schauspielerin werden wollen?
Hannah Herzsprung: Er hat mich erst mal gebeten, mein Abitur zu machen und ein Studium abzuschließen.
„Der Vorleser“ von Stephen Daldry war Ihre erste große internationale Produktion. Hat man da als Schauspielerin das Gefühl, „O. K., jetzt hab ich’s geschafft?“
Hannah Herzsprung: Nein, gar nicht. Aber es war ein tolles Erlebnis. Man merkt, wie viel größer alles ist, wie viel mehr Möglichkeiten man hat, einfach weil mehr Geld da ist und deshalb mehr Zeit. Ich hatte zum Beispiel eine Szene mit Ralph Fiennes und wir haben einen Take nach dem anderen gedreht. Irgendwann fragte ich, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte Angst, dass es ihnen vielleicht nicht gefällt, wie ich spiele. Aber er sagte: „Nein, ist alles großartig, mach einfach weiter so.“
Nun sind „15 Jahre“ auch für Sie eine lange Zeit. Sie haben Karriere gemacht. Was haben Sie gesagt, als Chris Kraus mit der Idee auf Sie zukam, die Figur noch einmal aufleben zu lassen?
Hannah Herzsprung: Ich habe mich total gefreut, weil ich mir so gewünscht habe, wieder mit ihm zu arbeiten. Zuerst erzählte er mir nur, dass er eine neue Idee hat und wollte wissen, ob ich gerne mitspielen möchte. Und ich meinte: „Ja, klar!“ Daraufhin fragte er, ob ich mir vorstellen könnte, Jenny nochmal zu spielen. Aber was das konkret bedeutete, wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Ohne mich hätte dieser Film nicht stattfinden können. Das war eine große Verantwortung, auch für mich.
Haben sich die Grenzen, wie weit Sie für eine Figur gehen würden, in all diesen Jahren verschoben?
Hannah Herzsprung: Das entscheide ich nicht im Vorfeld. Einer der schwierigsten Drehtage war für mich der erste in Wien, in diesem Club, wo Jenny das Lied singt, das man am Ende des Films hört. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt vor der Kamera gesungen habe, dazu kam das Klavierspielen. In dem Moment ist es total schwer, die Figur zu halten, dass sie nicht emotional einfach so wegschwimmt. Und bei sowas ist Chris einfach großartig, weil er genau darauf achtet und nichts durchrutschen lässt. Deshalb kann ich nach so einer Anstrengung dann abends trotzdem gut schlafen und muss mir keine Gedanken machen, wie etwa: „Hätte ich das doch besser so gespielt oder so?“
Sie spielen immer wieder auch Rollen, in denen es um Recht und Gerechtigkeit geht, auch um politische Überzeugungen – Filme wie „Der Baader Meinhof Komplex“ und „Who Am I“ oder die Serie „Weißensee“. Wie wichtig sind Ihnen Engagements wie diese?
Ich finde es grundsätzlich wichtig, mit Filmen eine Aussage zu machen, wenn es das Thema erlaubt. Das kann politisch oder gesellschaftlich relevant sein. Es kommt dabei immer auf den Kontext an. Und manchmal kann man auch gar nicht so aktuell sein, wie man es gerne wäre, einfach weil die Welt sich schneller dreht, als ein Film entsteht. Gutes Kino braucht Zeit, das geht nicht von heute auf morgen.
