Der Große Diagonale-Preis war der Lohn für diesen dichten Episodenfilm über die Suche nach Nähe zwischen den Generationen.
Rauchen, saufen, im Grazer Stadtpark rumhängen, schnell mal aus Übermut ein Puff überfallen und vor der Polizei davonlaufen. Dazwischen stark in der Gruppe sein und verzweifelt seine sexuelle Identität suchen. Selten zuvor wurde in einem österreichischen Film der Alltag von Jugendlichen so authentisch und beeindruckend gezeigt, wie im Debüt des erst 25-jährigen Regisseurs Jakob M. Erwa. Doch gerade als man anfängt, sich zu fragen, woher die für 90 Minuten notwendige Handlung kommen soll, nimmt das Geschehen in einer einzigen Schlüsselszene eine klug inszenierte Wendung: Als die Polizei mitten in der Nacht an die Tür einer allein erziehenden Mutter klopft, öffnet sie im Bademantel die Tür und will ihren Sohn nicht bei sich aufnehmen. Das sei nicht ihr Problem, schließlich sei er aus dem Internat ausgerissen. Der vorher rotzfreche Lausbub steht fassungslos neben den verlegenen Polizisten. Seine ganze Sehnsucht nach Nähe und Zuwendung wird sehr schön an einem einzigen Blick festgemacht. Von nun an konzentriert sich der Film auf das Leben der Eltern.
Auch hier ist der Blick des Regisseurs verständnisvoll, nie kalt und distanziert, auch wenn die Schuld an der Abwesenheit von Kommunikation und Verständnis klarerweise bei den Erwachsenen geortet wird. Die Handkamera, die immer mit den Jugendlichen mitgelaufen ist, wird nun ruhiger und konzentriert sich auf die Einsamkeit in der Erwachsenenwelt. Auf der Suche nach Sex und Zärtlichkeit ist besagte Mutter an ihren schleimigen Chef geraten, der ihr bedingungsloses Verlangen ausnützt, noch nackt hinter ihr steht, während sie ihren Sohn verleugnet. Als sie ihr Verhalten bereut und sich auf die Suche nach ihrem Sohn macht, kommt sie durch einen grotesken Unfall ums Leben. Hier wäre vielleicht eine weniger strenge Strafe angemessen gewesen, auch der Selbstmord der von ihrem Mann gedemütigten und missbrauchten Mutter in der dritten Episode wirkt übertrieben, trotzdem hat auch diese Geschichte in einzelnen Szenen eine aufwühlende, direkte Kraft, die man oft vergeblich im meist doch recht betulich inszenierten gesellschaftskritischen österreichischen Gegenwartskino sucht. Die Struktur der verschiedenen Blickwinkel und des Zurückgehens in die Zeit vor dem tragischen Unfall ist nicht neu, aber über weite Strecken souverän inszeniert, auch wenn einzelne Dialoge konstruiert wirken. Trotzdem ist der Große Diagonale-Preis auf Grund der Wucht und der nachhaltigen Wirkung vieler Sequenzen gerechtfertigt.
