Am 26. Juli feiert Helen Mirren ihren 75. Geburtstag. Ein Gespräch mit der großen britischen Schauspielerin über Ehrenpreise, Schlüsselmomente und was es bedeutet, die Welt des Dramas als heiligen Zufluchtsort zu begreifen.
Ihr kann das Alter nichts anhaben: Helen Mirren ist auch mit 75 noch eine Erscheinung und genauso lebendig, elegant, schlagfertig und selbstkritisch wie die junge Schauspielerin, die Mitte der sechziger Jahre zunächst als eines der jüngsten Mitglieder der Royal Shakespeare Company beitrat, um bald darauf ihre Karriere als eine der bedeutendsten Darstellerinnen ihrer Generation in die Wege zu leiten. Neben ihrer Arbeit am Theater übernahm die gebürtige Londonerin 1969 ihre erste große Leinwandrolle in Michael Powells Komödie Age of Consent. Damals schlug ihr Herz allerdings noch ganz für ein Leben auf der Bühne, und es sollte ein gutes Jahrzehnt vergehen, bevor sie 1980 schließlich in John Mackenzies The Long Good Friday an der Seite von Bob Hoskins als durchsetzungsfähige Freundin eines Gangsterbosses auch einem breiten Kinopublikum auffiel.
Weitere bemerkenswerte Auftritte wie etwa Peter Greenaways The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover folgten, doch erst seit Mirren Anfang der Neunziger als Ermittlerin Jane Tennison in dem Krimi-Serien-Hit Prime Suspect einen neuen Standard für weibliche Hauptrollen im Fernsehen setzte, ließ sie ihrem Spieltrieb zunehmend auch auf der Leinwand freien Lauf. Seitdem überrascht sie immer wieder durch die Darstellung besonderer Charaktere, die sich vor allem durch ihre Stärke und Willenskraft auszeichnen – ob als Elisabeth II. in The Queen (2007) oder als Kommandantin einer Drohnen-Operation in Nairobi in dem Kriegs-Thriller Eye in the Sky (2015). Überhäuft mit internationalen Preisen für ihre darstellerischen Leistungen im Kino, auf dem Bildschirm und am Theater, gelang ihr 2015 schließlich die wahre Krönung, die Triple Crown of Acting, als sie endlich Emmy, Oscar und Tony ihr Eigen nennen durfte. Im Februar dieses Jahres wurde sie bei der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbären und einer damit einhergehenden Retrospektive geehrt. Ein angemessener Anlass für ein eingehendes Gespräch mit der großartigen britischen Schauspielerin.
Was bedeutet es für Sie, eine Auszeichnung für Ihr Lebenswerk zu erhalten? Fühlt man sich damit automatisch ein Stück älter?
Helen Mirren: Natürlich. Das trägt das Wort „Lebenswerk“ quasi zwangsweise mit sich. Nach so einer Auszeichnung heißt es: „Danke und das war’s dann“ (lacht.) Aber wissen Sie, ich sehe das ganz gelassen. Ich schaue nicht zurück. Soweit es möglich ist, vermeide ich es, meine alten Filme anzusehen. Und ich schaue bei Anlässen wie diesen auch nicht auf meinen Lebenslauf und erschrecke darüber, was ich in meinem Leben alles gemacht habe. Sicherlich, ich habe viel gearbeitet, jeden Tag, jedes Jahr, seit ich 22 war, im Theater, im Kino und im Fernsehen. Das summiert sich eben. Aber vielleicht wäre es deshalb allgemein sinnvoller, einen Preis für Professionalität zu vergeben, dafür dass, man stets pünktlich zur Arbeit erscheint und seinen Job erledigt. Viel mehr ist es ja nicht.
Inwiefern unterscheidet sich der Goldene Ehrenbär der Berlinale von anderen Auszeichnungen dieser Art, die Sie bereits erhalten haben?
Helen Mirren: Das Berliner Filmpublikum ist ein sehr anspruchsvolles, schwer zu überzeugendes. Man ist hier kritischer als anderswo, und die Leute scheuen auch nicht davor zurück, lautstark zum Ausdruck zu bringen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Das ist ziemlich anders als bei den meisten Filmfestivals, wo alle nur nett zu einem sind. Aber genau das gefällt mir, dieser kritische Blick. Kurzum: Ein Berlinale-Preis ist wirklich eine Ehre.
Und wenn Sie doch einmal zurückschauen müssen, welche Filme, in denen Sie mitgespielt haben, wurden Ihrer Meinung nach am ehesten zu Unrecht übersehen?
Helen Mirren: Ich habe vor 17 Jahren einen Fernsehfilm für Showtime Television gemacht, The Roman Spring of Mrs. Stone, basierend auf Tennessee Williams‘ erstem Roman. Leider hat den Film kaum jemand zu sehen bekommen, weil die Rechte auf unbegrenzte Zeit bei Warner Bros. liegen, die 1960 das Original mit Warren Beatty und Vivien Leigh produzierten. Und darin liegt das Problem. Es war zunächst kaum möglich, ein Remake zu drehen. Aber die Originalverfilmung ist nicht gut gealtert, und auch die Sexualität des Romans kommt darin nicht wirklich zur Sprache. Unsere neue Version war großartig, fand ich. Aber ich glaube, der Film wurde über die Jahre überhaupt nur zweimal ausgestrahlt. Dabei ist das eine der Arbeiten, auf die ich am meisten stolz bin.
Gab es ein Schlüsselereignis in Ihrem Leben, bei dem sich in Ihnen der Wunsch entwickelte, Schauspielerin zu werden?
Helen Mirren: Ja, den gab es. Ich war 14 und hatte das Glück, eine Aufführung von „Hamlet“ anzusehen. Das war der Moment, in dem ich mit einem Schlag die Welt des Dramas, des Geschichtenerzählens entdeckt habe. Es war eine Amateuraufführung, wahrscheinlich war sie sogar überhaupt nicht gut gespielt. Aber darum ging es gar nicht. Ich hatte damals ja noch keine Ahnung von Shakespeare und hatte das Stück nie gelesen. Und da saß ich also. Können Sie sich das vorstellen? „Hamlet“ zu sehen und nicht zu wissen, dass Ophelia wahnsinnig wird. Oder dass Hamlet stirbt. Wenn man die Story nicht kennt, ist „Hamlet“ ein Thriller. Dazu kommen diese unglaubliche Sprache und die Metaphorik, so wunderschön. Das hat mich schlichtweg umgehauen. Und das war der Moment, der mein Leben verändert hat. Als ich nach der Vorstellung das Theater verließ, war ich ein anderer Mensch.
Haben Sie einen ähnlich ausschlaggebenden Moment im Kino erlebt?
Helen Mirren: Ja, als ich als junges Mädchen in Brighton in dem Bed-and-Breakfast-Hotel meiner Tante gearbeitet habe. Ich hatte einen freien Nachmittag. Es hat total geregnet. Ich wusste nichts mit mir anzufangen und landete schließlich in einem schrecklich stinkenden kleinen Kino, wie es sie damals gab. Es hat sogar noch im Kino geregnet. Der Film, der gezeigt wurde, hieß L’avventura. Natürlich hatte ich keine Ahnung. Ich bin nur ins Kino, um dem Regen zu entkommen, und plötzlich eröffnete sich vor meinen Augen die Welt von Antonioni. Bis dahin wusste ich kaum etwas über das Kino, und wieder kam ich heraus aus dem Dunkel mit einem ganz anderen Verständnis. Und mit einer Liebe fürs Kino, vor allem für den europäischen Film, die mich nie mehr verlassen hat.
Dennoch blieb die erste Liebe Ihres Lebens immer das Theater.
Helen Mirren: Die Welt des Dramas wurde wie eine Kirche für mich. Und ich wollte eine Messdienerin darin sein. Ich war superseriös in den ersten zehn, fünfzehn Jahren meiner Karriere. Ich habe ein paar Sachen für Geld gemacht, weil ich Rechnungen bezahlen musste. Aber im Grund wollte ich dieser Messe dienen. Aus diesem Grund bin ich der Royal Shakespeare Company beigetreten und habe erst einmal vorrangig Theater gemacht. Ich wollte keine Filmschauspielerin sein, ich war glücklich am Theater. Vielleicht hätte ich eine europäische Filmschauspielerin sein wollen – italienisch oder französisch – aber auf keinen Fall britisch. Das britische Kino war damals eine Katastrophe. Englischsprachige Filme haben mich lange Zeit nicht interessiert. Das europäische Kino dagegen hat mich immer inspiriert.
Über die Jahre haben Sie sich auf der Leinwand in allen möglichen Genres gezeigt. Wie passen beispielsweise Ihre Action-Filme zu Ihrem eher religiösen Verständnis von Kunst und Drama?
Helen Mirren: Ich habe gelernt, Film auch als Unterhaltung zu schätzen, auch was meine eigene Arbeit angeht. Inzwischen liebe ich es. Aber damals konnte ich nur meine Kunstform als eine Art ernsthafte Auseinandersetzung damit sehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Was anderes gab es für mich nicht. Und deshalb haben mich zunächst einmal auch nur die Filme fasziniert, die diesem Verständnis entsprachen. Manchmal habe ich mich allerdings auch über sie geärgert, weil viele von ihnen sexistisch waren. Éric Rohmer zum Beispiel hat mich immer sehr wütend gemacht. Und nicht immer ist es mir gelungen, darüber hinweg und durch den Sexismus hindurch den eigentlichen Film dahinter zu sehen.
Sie haben von den Momenten gesprochen, die Ihr Leben verändert haben. Gab es auch Figuren, die Sie prägten?
Helen Mirren: Ich denke, meine Rolle als Polizistin Jane Tennison in Prime Suspect war ein echtes Geschenk für mich als Schauspielerin. Ich war Mitte 40, als wir die erste Staffel drehten, und die Figur gab mir die Möglichkeit, mich in eine erwachsene Schauspielerin zu verwandeln, kein Blondchen, sondern eine reifere Frau zu spielen. Und es war eine weibliche Hauptrolle, eine Ermittlerin, was es im Gegensatz zu heute damals noch recht selten gab. Keiner war sicher, ob das überhaupt ein Publikum finden würde. Denn darum geht es ja schließlich. Aber es wurde ein Hit. Und das war für mich sehr wichtig, nicht nur wegen der Einschaltquoten, sondern weil die Serie es mir erlaubte, eine weibliche Figur anders darzustellen, mit Reife und mit einer Präsenz, die damals, wie gesagt, nicht selbstverständlich war. Ich glaube, die Rolle hat zudem viel für Schauspielerinnen insgesamt verändert, und die Serie war auch fürs Fernsehen ein wichtiger Moment. Vielen der Krimiserien, die heute über den Bildschirm laufen, hat Prime Suspect zum Durchbruch verholfen.
