In Hereafter widmet sich Clint Eastwood der unbeantwortbaren Frage „Was kommt danach?“
Am Anfang steht eine Katastrophe, die schon aufgrund ihrer apokalyptischen Dimension fest im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt – jener Tsunami, der im Dezember 2004 die Küstenregionen Südasiens verwüstete und etwa 230.000 Menschen das Leben kostete. Von dieser Katastrophe wird auch die französische Fernsehmoderatorin Marie Lelay (Cécile De France) während ihres Urlaubs überrascht. Doch sie hat Glück, wird bewusstlos aus dem Wasser gezogen und kann gerade noch einmal in letzter Sekunde wiederbelebt werden. Doch zurück im heimatlichen Paris zeigt sich, dass die Nahtoderfahrung doch ihre Spuren bei Marie hinterlassen haben. Die bislang abgebrühte Journalistin kann sich nicht so einfach in ihrem bislang gewohnten Leben zurechtfinden und beginnt aufgrund ihrer Erlebnisse über die Möglichkeit einer Existenz nach dem Tod nachzudenken und intensiv über dieses Thema zu recherchieren.
Clint Eastwood hat sich in seiner neuen Regiearbeit mit einer der ältesten und existenziellsten Fragen – derjenigen über ein mögliches Weiterexistieren nach dem Tod – auseinandergesetzt. Ein Sujet, das besonders im Spielfilm potenziell Gefahr läuft, in jede nur erdenkliche dramaturgische Falle – von esoterischer Spinnerei bis zur sentimentalen Verkitschung – zu tappen. Eastwoods Inszenierung versteht es jedoch, all diesen Fallen weitgehend auszuweichen, was in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass Hereafter unprätentiös und – bedenkt man die emotionale Komponente des Themas – geradezu betont nüchtern in Szene gesetzt wird.
Neutrale Position
Eastwood greift dabei auf jene bewährte Episodenstruktur zurück, die Alejandro González Iñárritu mit Filmen wie Amores Perros, 21 Grams und insbesondere Babel populär gemacht hat. Auch bei Hereafter sind es drei – zunächst völlig unabhängig voneinander ablaufende – Handlungsstränge, die im Verlauf der Erzählung zusammengeführt werden und das Schicksal der jeweiligen Protagonisten miteinander verknüpfen.
Neben der bereits erwähnten Journalistin ist dies George Lonnegan (Matt Damon), der Verbindung mit dem Jenseits aufnehmen kann und dabei mit Verstorbenen zu kommunizieren in der Lage ist. In früheren Zeiten hatte er dies regelmäßig gemacht, doch der Kontakt mit dem Jenseits stellte auch eine große emotionale Belastung dar – nicht zuletzt, weil dabei öfter verstörende Dinge ans Tageslicht kommen, die die Hinterbliebenen eigentlich gar nicht enthüllt wissen wollen –, so dass George seine Gabe mehr und mehr als Belastung anzusehen beginnt und mittlerweile ein weitgehend zurückgezogenes Leben in San Francisco führt. Als er auf Bitten seines Bruders jedoch eine Ausnahme macht und doch wieder eine solche Kontaktaufnahme durchzuführen bereit ist, wird das weitreichende Folgen für sein Leben haben.
In London verliert der zwölfjährige Marcus seinen Zwillingsbruder durch einen tragischen Unfall. Von seiner drogenabhängigen Mutter danach auch noch zu einer Pflegefamilie abgeschoben, kann Marcus sich einfach nicht damit abfinden, dass er keine Verbindung zu seinem Bruder, der seine einzige emotionale Stütze war, haben soll. Clint Eastwood, der sich in Interviews selbst eher skeptisch zu einem Leben nach dem Tod geäußert hat, vermeidet es klugerweise vorzugeben, diese Frage mit Hereafter beantworten zu können. Die drei genannten Protagonisten stehen dabei vielmehr für gängige, durchwegs bekannte Positionierungen zum Thema „Was kommt danach?“.
Marie begibt sich auf eine intensive Suche, um dieser Frage auf den Grund zu gehen, George Lonnegan verkörpert die Position des von einem Leben nach dem Tod Überzeugten. Marcus hingegen ist in seinem Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen bereit, so ziemlich alles zu versuchen, um auch nur den Hauch eines Beweises für die Existenz im Jenseits zu erlangen. Im Verlauf seiner verzweifelten Suche wird er mit so ziemlich allen Abstrusitäten – von pseudowissenschaftlichen Methoden bis hin zu betrügerischen Scharlatanen – konfrontiert, die in diesem Bereich anzutreffen sind.
Eastwood setzt das alles weitgehend kitschfrei und betont unspekulativ in Szene, wenngleich seine Inszenierung streckenweise doch auf ein wenig abgegriffene Bilder – etwa gleißendes Licht für die Nahtoderlebnisse – zurückgreift. Das Skript hat Clint Eastwood keinem geringeren als Peter Morgan (der u.a. die Bücher zu The Queen, Frost/Nixon und The Damned United verfasste), mit Sicherheit einer der intelligentesten Drehbuchautoren des gegenwärtigen Kinos, anvertraut, was gleichsam eine Garantie dafür ist, dass Hereafter nicht in Richtung Triviali-sierung und falsche Sentimentalität abrutscht. Ein klein wenig Enttäuschung macht sich vielleicht darüber breit, dass Morgan dramaturgisch zu sehr auf der sicheren Seite bleibt und den Plot letztendlich ziemlich vorhersehbar ablaufen lässt.
Ikone des US-Kinos
Dass sich ausgerechnet eine Hollywoodproduktion an einem solchen nicht unbedingt leicht vermarktbaren Stoff versucht, wird angesichts des Regisseurs und Produzenten Clint Eastwood nur mehr wenig überraschen. Eastwood hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Filmemacher eine im US-Kino durchaus nicht mehr selbstverständliche Unabhängigkeit verschafft, die ihm so ziemlich jede Freiheit in Bezug auf Sujet und Genre ermöglicht.
Als Schauspieler hat sich Eastwood den Status einer Ikone ja bereits in den Sechziger und Siebziger Jahren mit seinen Auftritten in den Western Sergio Leones und als unerbittlicher Cop „Dirty Harry“ Callahan gesichert. Doch bereits 1971 lieferte er mit Play Misty for Me ein mehr als beachtliches Regiedebüt ab. Seine Arbeit als Regisseur hat Eastwood von diesem Zeitpunkt an konsequent und parallel zur Schauspielerei verfolgt, zunächst wohl auch aus ökonomischen Notwendigkeiten oft in Personalunion als Regisseur und Hauptdarsteller. Mit dem Oscar-prämierten Spätwestern Unforgiven erfuhr Eastwoods Regiekarriere 1993 einen Höhepunkt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt etablierte er sich als einer jener Filmauteurs mit konsequent durchgesetzter eigener Handschrift, die im zusehends Blockbuster-fixierten US-Kino immer seltener werden. Dieses konsequente Umsetzen der eigenen Vorstellungen war durchaus nicht immer eine unfallfreie Reise ohne Rückschläge. Neben feinen Arbeiten in so unterschiedlichen Genres wie dem Western (High Plains Drifter, 1972), Krimi (The Gauntlet, 1977) und dem Melodrama (The Bridges of Madison County, 1995) finden sich eigenwillige Liebhabereien (Bird, 1988), aber auch schlicht und einfach Fehlschläge wie Heartbreak Ridge (1986). Immer jedoch hat Eastwood seine eigene Linie mit einer Konsequenz verfolgt, der man selbst im Scheitern eine gewisse Würde nicht absprechen kann.
Doch gerade in der jüngeren Vergangenheit haben Clint Eastwoods Filme eine Stimmigkeit, Virtuosität und Intensität erreicht, die über Genre-Kino weit hinausreicht. Thematisch und stilistisch bewegte sich Eastwood dabei auf höchst unterschiedlichen Feldern, ohne dabei je in Gefahr zu kommen, seine Stilsicherheit und Souveränität zu verlieren. Das Rachedrama Mystic River (2003) thematisiert die Frage von Schuld und Sühne mit der Wucht einer griechischen Tragödie, das Weltkriegs-Diptychon Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima (2006) macht den Kriegsirrsinn aus zwei höchst unterschiedlichen Blickwinkeln der damaligen Kontrahenten deutlich. Und mit dem brillanten True-crime-Drama Changeling (2007) gelang es Eastwood, sogar Angelina Jolie zur schauspielerischen Höchstform auflaufen zu lassen. Die düstere Geschichte um Kindesmord und Machtmissbrauch im Polizeiapparat von Los Angeles der Zwanziger Jahre festigte Clint Eastwoods Status als feste Größe im gegenwärtigen US-amerikanischen Kino.
Dass Hereafter eine durchaus respektable Arbeit ist, die jedoch mit Sicherheit nicht zu den Glanzlichtern in Clint Eastwoods Oeuvre zählt, kann dieser Position keinen Abbruch tun. Den Status hat der Mann schließlich auch deswegen erreicht, weil er seine kompromisslose Linie nicht zugunsten kommerziell erfolgversprechender Durchschnittlichkeit eingetauscht hat.
