Fast alle Filme des japanischen Regisseurs Kore-eda Hirokazu drehen sich im weitesten Sinne um das Thema Familie – so auch sein aktuelles Meisterwerk „Broker“, seine erste zur Gänze in Südkorea produzierte Arbeit.
Dass Kore-eda Hirokazu Broker in der Republik Korea,mit koreanischem Geld, koreanischem Cast und koreanischer Crew drehte, ist vielleicht für ein westliches (Festival-)Publikum ein wenig überraschend, aber kein Zufall. Der japanische Filmemacher ist in Korea hoch angesehen, und so ist es nicht verwunderlich, dass der Film sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum sehr erfolgreich war, umso mehr, als Broker mit einer Riege der beliebtesten heimischen Stars aufwartet. Schon bei der Weltpremiere beim Festival in Cannes hatten Kore-eda und sein Team zwölf Minuten lang Standing Ovations erhalten, im übrigen völlig zu Recht (und im Falle von Kore-eda auch bei weitem nicht zum ersten Mal). Dass der Film schon vor seinem Cannes-Auftritt in mehr als 170 Länder verkauft worden war, spricht ebenfalls Bände.
Familienaufstellung
Kore-eda Hirokazu (Familienname zuerst, wie in Ostasien üblich), geboren 1962 in Tokyo, ist seit mehr als 25 Jahren eine feste Größe im internationalen Filmgeschehen. Nach einem Literaturstudium an der renommierten Waseda University lernte er sein filmisches Handwerk zunächst beim Fernsehen, wo er Dokumentarfilme vor allem zu sozialen Fragen drehte – eine harte, aber lehrreiche Schule, wie er immer wieder in Interviews betont. Zwei dieser Dokumentarfilme, However (1991) und August Without Him (1994), konnte man 2004 bei der Viennale sehen, als der allzu früh verstorbene Festivaldirektor Hans Hurch dem von ihm sehr geschätzten japanischen Filmemacher ein Special widmete. Auch die Spielfilme Maborosi (1995), mit dem Kore-eda erstmals international Aufsehen erregt hatte, Wonderful Life (1998) und Distance (2001) waren da zu sehen. 2004 war ebenfalls das Jahr, in dem Kore-edas Film Nobody Knows beim Festival in Cannes hohe Wellen schlug, unter anderem deswegen, weil der erst 14-jährige Yagira Yuya für seine großartige Leistung in dem Film mit dem Preis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.
„Kore-eda macht in allen seinen Filmen unmissverständlich klar, wo seine Sympathien liegen, auch wenn hier am Ende ,natürlich‘ die bürgerliche Ordnung siegt“
Nobody Knows brachte Kore-eda, der seine Filme meist selbst schreibt und noch dazu auch schneidet, nicht nur in Cannes höchste Anerkennung. Das Drama um eine Mutter, die sich mit ihren vier Kindern von vier verschiedenen Männern mehr oder weniger in einer Wohnung einsperrt und dann verschwindet, markiert so etwas wie den Auftakt zu einer Reihe von ungemein dichten, intensiven Filmen, in denen sich der Regisseur auf sehr eingehende Weise und in unterschiedlichen Facetten mit dem Thema Familie auseinandersetzt. Man liegt wohl nicht falsch in der Annahme, dass das eine „Nachwirkung“ seiner Fernseharbeit ist, als er sich vor allem mit sozialen Themen beschäftigt hatte. Still Walking (2008), I Wish (2011), Like Father, Like Son (2013), Our Little Sister (2015), After the Storm (2016) und vor allem Shoplifters, allesamt vielfach ausgezeichnet (Letzterer wurde 2018 in Cannes mit der Goldenen Palme als bester Film gewürdigt), zeichnen sich durch ihren sorgfältigen und empathischen Umgang mit durchaus schwerwiegenden Fragen rund um das Thema aus.
In I Wish werden zwei Brüder getrennt, der eine wächst beim Vater, der andere bei der Mutter auf, und sie wünschen sich nichts sehnlicher, als wieder zusammen zu sein. Like Father, Like Son ist ebenso knallharter Stoff, in gewisser Weise sogar eine Art Horrorfilm: Das gut situierte Ehepaar Nonomiya erfährt nach sechs Jahren, dass das Kind, das sie für ihren Sohn gehalten haben und entsprechend lieben, nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht wurde und gar nicht das ihre ist. Man mag sich kaum vorstellen, was das für Auswirkungen hat, und entsprechend schlimm ist das auch im Film. Aber es geht neben der „biologischen“ auch um eine soziale Ebene, denn Herr Nonomiya ist ein dünkelhafter Schnösel, der vor allem unter der Tatsache leidet, dass sein echter Sohn sechs Jahre lang in einer fröhlich-chaotischen und vor allem armen Familie aufgewachsen ist. In Our Little Sister lernen drei Schwestern erst nach 15 Jahren und nach dem Tod ihres Vaters ihre Halbschwester kennen, und in dem reichlich nüchternen Drama After the Storm geht es um einen nun als Privatdetektiv arbeitenden erfolglosen Schriftsteller, der sich verzweifelt bemüht, zu seinem Sohn aus der geschiedenen Ehe eine stabile und liebevolle Beziehung aufrechtzuerhalten. Zwar milder im Tonfall als Like Father, Like Son, sind auch diese beiden Filme in emotionaler Hinsicht wahrlich keine einfache Kost. Dazwischen drehte Kore-eda Hirokazu auch noch The Third Murder (2017), ein geradezu klassisches, vorzügliches Gerichtssaaldrama, und seinen ersten westlichen Film, The Truth (2019) mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke, ein Versuch, der, wie das schon öfter bei asiatischen Regisseuren (siehe Suwa Nobuhiro, Wong Kar-wai oder Park Chan-wook) der Fall war, als nicht wirklich geglückt gelten muss.
Herzenswärme
Broker ist nun sozusagen Kore-edas Rückkehr auf angestammtes Terrain und in jeder Hinsicht ein großartiger Film. Der jüngste Eintrag in sein Werkverzeichnis ist gewissermaßen eine Fortschreibung von Shoplifters, wenn auch in Korea angesiedelt, oder vielleicht sollte man eher sagen: eine Variante, die dem Thema Familie neue Facetten abgewinnt. Wir erinnern uns: Im früheren Film gibt es eine – vor allem aus finanziellen Gründen – bunt zusammengewürfelte „Familie“ namens Shibata, die gar keine ist, eine Art Zweckgemeinschaft, die in einer sehr bescheidenen Behausung miteinander lebt und sich mit kleineren Diebstählen (siehe Titel) und allerhand prekären Jobs über Wasser hält. Da ist eine falsche „Oma“, da sind Osamu und Nobuyo, ein tatsächliches Ehepaar, allerdings mit falschen Namen, eine „Schwägerin“ und der „Sohn“ Shota, der, wie man bald erfährt, von Osamu und Nobuyo aus einem Auto befreit worden war, in dem ihn seine leiblichen Eltern einfach „vergessen“ hatten. Dazu kommt zu Beginn des Films noch die kleine Yuri, die, ebenfalls von ihrer echten Mutter vernachlässigt, das Mitleid der „Shibatas“ erregt und kurzerhand mitgenommen und in die Familie integriert wird. Bald schon hilft sie ihrem „Bruder“ beim Ladendiebstahl, indem sie den Geschäftsbesitzer ablenkt.
Empörend? Einerseits. Für eine Mainstream-Moral mag das so erscheinen. Aber Kore-eda Hirokazu macht in allen seinen Filmen, besonders aber in Shoplifters, unmissverständlich klar, wo seine Sympathien liegen, auch wenn hier am Ende „natürlich“ die bürgerliche Ordnung siegt und alle an den Platz gerückt werden, den ihnen die herrschende Gesellschaftsordnung nun einmal zuweist. Nicht nur in Bezug auf die Unterkunft und den sozialen Status der „Familie Shibata“ gleicht Shoplifters ein wenig jenem Film, der ein Jahr später, 2019, die Goldene Palme in Cannes in Empfang nehmen konnte: Bong Joon-hos Parasite. Die deutlichste Korrelation liegt ganz sicher in der Tatsache, dass Herzenswärme offenbar im Substandard besser gedeiht als in luxuriösen Verhältnissen – ohne allerdings diese prekäre Situation zu romantisieren. Und wie um die Parallelen noch fortzuführen, hat Kore-eda für seinen nächsten Film Broker mit Song Kang-ho auch den Hauptdarsteller (den Vater der armen Familie) aus Parasite engagiert.
In Broker entwirft Kore-eda eine ähnliche Situation wie in Shoplifters, nur sozusagen mit umgekehrten Vorzeichen: An einer Kirche in der Großstadt Busan befindet sich eine „Babybox“, um es verzweifelten Müttern zu ermöglichen, ihre Neugeborenen dort abzugeben, damit diese betreut und in der Folge zur Adoption freigegeben werden können. Der junge Dong-soo, der selbst in einem Waisenhaus groß geworden ist, arbeitet in der Kirche. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Wäschereibesitzer Sang-hyeon, der Probleme mit ein paar lästigen Gangstern hat, nimmt er hin und wieder ein Baby aus der Box, löscht die entsprechende Videoaufzeichnung und verkauft das Kind auf dem – blühenden – Schwarzmarkt. Empörend? Einerseits. Wer mit dieser Prämisse Probleme hat, für die oder den ist der Film eher nicht geeignet. Wer neugierig ist, wird reichhaltig beschenkt. Die junge So-young, so beginnt der Film, will ihren Sohn Woo-sung in der Box hinterlegen, zusammen mit einem Zettel, auf dem steht, dass sie „bald wiederkommen“ wird. Von Panik ergriffen, lässt sie das Baby aber vor der Tür liegen. Dong-soo nimmt das Kind, das nun de facto „niemandem“ gehört, an sich. Zwei Polizistinnen, die den beiden Männern schon länger auf der Spur sind, ohne ihnen bisher allerdings etwas nachweisen zu können, beobachten das. Eine der beiden, Soo-jin, wird von Starschauspielerin Bae Doo-na gespielt, und ihre Figur der hyperaktiven, niemals schlafenden Polizistin könnte eine Zwillingsschwester des obsessiven Detective aus Decision to Leave sein.
So-young kommt tatsächlich zurück und trifft auf die beiden Männer. Die Situation ist verzwickt, denn sobald die Mutter ihr Kind abgegeben habe, so Dong-soo, gehöre es ihr nicht mehr, und zudem wäre das Baby, das ja nicht in der Box lag, ohne sein Eingreifen erfroren. Was tun also? Weil es ein Kore-eda-Film ist, entsteht allmählich eine Art „Ersatzfamilie“, zu der sich später noch der Waisenjunge Hae-jin gesellt. In gewisser Weise gehören auch die zwei Polizistinnen dazu, deren Versuche, Dong-soo und Sang-hyeon auf frischer Tat (= beim tatsächlichen Verkauf des Babys) zu ertappen, zusehends verzweifelter und, ja, komischer werden. Und alles spitzt sich zu, als sich (bald) herausstellt, das So-young, die Mutter des Babys, noch ganz andere Probleme hat. So wird aus dem Ganzen ein recht turbulentes Roadmovie durch die Republik Korea, mit viel Komik und viel ernsthaftem Stoff zum Nachdenken – das verbinden zu können, darin liegt die große Meisterschaft Kore-edas. Und über allem strahlt, wie auch in seinen anderen „Familienfilmen“, seine tiefe Zuneigung zu seinen Figuren. Dabei bleibt er, wie auch in Shoplifters oder den früheren Arbeiten, gänzlich unsentimental, auch in der atemberaubenden Szene, in der die „Familienmitglieder“ einander mit dem Satz „Thank you for being born“ ihre gegenseitige Zuneigung kundtun. Das kitschfrei hinzubekommen, ist eine große Leistung. Die drei Erwachsenen, allesamt nach gängigen Vorstellungen moralisch nicht einwandfrei, sind unglaublich nett zu dem Baby und zu dem Waisenjungen, und so ist auch dieser Film getragen von großer Herzenswärme.
Unbedingt zu erwähnen ist der wunderbare Cast. Mit Bae Doo-na hatte Kore-eda schon bei Air Doll (2009) gearbeitet. Gang Dong-won, bisher eher in grimmigen Rollen zu sehen, ist als liebevoller Ersatzvater hinreißend, und Song Kang-ho sowieso: Er könnte wohl auch aus dem Telefonbuch vorlesen, und es wäre immer noch toll. Die größte Überraschung (und Kore-edas großer Coup) ist die Besetzung der jungen Mutter mit dem weiblichen K-Pop-Idol Lee Ji-eun (aka IU), die eine famose Darstellung bietet. Alles eitel Wonne also? Nun ja. Das Ende des Films ist diskutabel, ein bisschen seltsam und ein bisschen unklar, eventuell sogar unbefriedigend für manche, so wie das auch bei Shoplifters des Öfteren angemerkt wurde. Aber auch hier geht Kore-eda Hirokazu keine Kompromisse ein. Sehen Sie selbst.
