I Am Mother

Filmfestival | Porträt

Schweigen ist Gold

| Pamela Jahn |
Die zweifache Oscar-Gewinnerin Hilary Swank erhielt beim diesjährigen 72. Locarno Festival den Leopard Club Award. Im Gespräch mit Journalisten zeigte sie sich offen – mit Abstrichen.

Man hatte sich Zeit gelassen. Lange stand nicht fest, wer heuer den Leopard Club Award erhalten sollte. Seit sechs Jahren wird die ehrwürdige Auszeichnung an eine Persönlichkeit vergeben, deren Filmarbeit die „kollektive Vorstellungskraft“ maßgeblich mitgeprägt hat. Faye Dunaway durfte den Preis 2013 als erste entgegennehmen. Es folgten Mia Farrow, Andy Garcia, Stefania Sandrelli, Adrien Brody und im Vorjahr Meg Ryan. Als schließlich bekannt gegeben wurde, dass Hilary Swank im Rahmen dieser 72. Ausgabe des Locarno Festivals das Publikum auf der Piazza Grande mit ihrer Anwesenheit beglücken würde, um sich und ihre Filmarbeit bis heute feiern zu lassen, war die Freude nicht nur unter Fans und Festivalfanatikern groß. Immerhin kann die ambitionierte 45-Jährige nicht nur auf ein beeindruckendes Repertoire zurückblicken, zu dem unter anderem Filme wie Boys Don’t Cry (1999), Million Dollar Baby (2004) und Freedom Writers (2007) und The Homesman (2014) gehören, sondern zählt im Hinblick auf ihre Besetzung in Craig Zobels The Hunt derzeit zu einer der gefragtesten Gesprächspartnerinnen im Geschäft.

Nichts Genaues weiß man über den Film, der erst wenige Tage vor der Preisvergabe den US-Präsidenten Donald Trump verstimmte und ihn kurzum dazu verleitete, das Werk mit einem seiner berüchtigten Hetz-Tweets an den Pranger zu stellen. Nach Angaben des Verleihs handelt es sich bei The Hunt um „eine brutale Sozialsatire über die amerikanische Gesellschaft“, in der reiche US-Amerikaner Jagd auf ihre weniger betuchten Mitmenschen machen, sie erst wie Tiere hetzen, um sie am Ende doch nur über den Haufen zu schießen. Den Universal Pictures Studios in den USA war die geplante Veröffentlichung Ende September nach den jüngsten Amokläufen in El Paso und Dayton selbst nicht mehr geheuer, weshalb man den Filmstart auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Um so interessanter wäre es gewesen, nun aus erster Quelle zu erfahren, was es mit dem Film tatsächlich auf sich hat, doch leider schwieg sich auch Hilary Swank darüber aus. „Frau Swank beantwortet keinerlei Fragen zum Film The Hunt„, hieß es noch vor der Ankunft der zweifachen Oscar-Gewinnerin zum geschlossenen Gespräch mit einer fein selektierten Auswahl an internationalen Journalisten. Jegliche Versuche seien zwecklos, eine Auskunft würde man vor ihr unter keinen Umständen erhalten, daran sei man vertraglich gebunden. Soviel also dazu.

Zum derzeitigen Präsidenten durfte man jedoch Fragen stellen, auch wenn die Antworten ähnlich spärlich ausfielen. Ob die derzeitige politische Situation in den USA einen unmittelbaren Einfluss darauf haben würde, für welche Rollen sie sich im Moment entscheide? „Nein. Mein Wunsch, bestimmte Geschichten zu erzählen, hat nichts damit zu tun, wer in meinem Heimatland gerade Präsident ist,“ wusste die große, schlanke Brünette zu kontern. „Ich denke, die Entscheidungen, die ich im Hinblick auf meine Rollen bisher getroffen habe, geben Aufschluss darüber, wer ich als Person bin, und darüber, was mir wichtig ist. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, egal was um mich herum passiert. Ich erzähle Geschichten über Underdogs und setze mich für Menschenrechte ein.“

Warum das so ist, erklärt sich unter anderem aus der Tatsache, dass Swank sich in ihrer Kindheit oft selbst als Außenseiterin gesehen hat, und das Gefühl bis heute nicht wirklich abgeschüttelt hat: „Manchmal geht es mir noch immer so. Nicht jeden Tag, weil ich als erwachsene Frau im Laufe der Jahre ein besseres Verständnis von der Welt gewonnen habe. Aber wir fühlen uns alle mal schlecht oder in der Minderheit, ich denke nicht, dass ich damit allein bin. Der entscheidende Unterschied zu früher ist jedoch, dass ich heute eine Handvoll Freunde habe, die mich schon sehr lange kennen und die mich so nehmen, wie ich bin. Und ich denke, je mehr solcher Leute man hat, die man liebt und die einen lieben, egal was kommt, je weniger fühlt man sich ausgeschlossen und machtlos.“

Wirft man einen kurzen Blick in die Vergangenheit, wird deutlich, dass Swank weiß, wovon sie spricht. Einfach hatte es die 1974 in Lincoln, Nebraska, geborene Darstellerin in ihren Jugendjahren nicht. Swank wuchs zusammen mit ihrem Bruder hauptsächlich bei der Mutter auf, von der sie früh lernte, dass man als Frau besonders hart arbeiten muss, wenn man es zu etwas bringen will. Die Mutter war es auch, die Ende der Achtziger die Karriere ihrer Tochter langsam ins Rollen brachte, erst mit einem Umzug nach L.A., dann mit Castings für kleinere TV-Rollen, die sie für die damals noch minderjährige Swank organisierte, um ihr den großen Traum von der Schauspielerei zu erfüllen. Und siehe da, 1992 gab Swank ihr Leinwanddebüt in Buffy – Der Vampir Killer. Bekannter wurde die Schauspielerin zwei Jahre später als The Next Karate Kid, doch richtig durchstarten konnte sie erst 1999, als sie für ihre Rolle als transsexueller Brandon Teena in Boys Don’t Cry mit 25 Jahren ihren ersten Oscar gewann. Doch nicht nur für die Schauspielerin selbst war der Film ein Meilenstein, auch für einen Großteil des Publikums ist die Geschichte selbst nach 20 Jahren noch eine, die unter die Haut geht: „Bis zum heutigen Tag kommen immer wieder Menschen auf mich zu, die sich bei mir für Boys Don’t Cry bedanken, weil ihnen der Film die Augen geöffnet hat für das Thema und oft auch privat Mut gemacht hat, mit ähnlichen Problemen fertig zu werden. Und das ist das Größte. Ich hätte niemals zu träumen gewagt, dass ich als Schauspielerin die Fähigkeit besitze, Menschen auf diese Weise zu bewegen.“ Allerdings dürfe man auch nicht vergessen, so Swank weiter, dass der Film zu einer Zeit in die Kinos kam, in der noch kaum öffentlich über die verschiedenen Orientierungen gesprochen wurde und es demnach noch lein konkretes Vokabular dafür gab. „Transsexuell war kaum ein Begriff damals, und die Gay Community lehnte Transsexuelle ab, weil man sie als nicht zugehörig empfand“, so Swank. „Das hat sich inzwischen geändert, wir kennen die Begriffe, aber wir sind noch nicht am Ziel, es gibt noch sehr viel zu tun.“

So engagiert wie Swank sich in gesellschaftlichen und politischen Fragen gibt, so energisch und umtriebig ist sie auch im Hinblick auf ihre Arbeit als Schauspielerin wie als Produzentin. Disziplin sei dabei ein Schlagwort, dass sie sich fest hinter die Ohren geschrieben hat: „Wenn man diszipliniert ist und fleißig und Durchhaltevermögen besitzt, kann man im Leben fast alles erreichen,“ sagt sie mit einem Funkeln im Blick. „Mich hat Sport immer sehr viel über Disziplin gelehrt. Ich hatte mal einen Gymnastik-Lehrer, der meinte: Ich kann nicht heißt ich will nicht und ich will nicht heißt Liegestütze. Ich habe daraufhin schnell gelernt, die Worte ‚Ich kann nicht‘ aus meinem Vokabular zu streichen.“

Vielen Frauen gilt die Powerfrau Hilary Swank deshalb gestern wie heute als großes Vorbild. Und auch Lili Hinstin, die neue künstlerische Leiterin des Festivals, wusste Swank bei der Preisverleihung am vergangenen Wochenende als Schauspielerin zu würdigen, „die das Bild der Frauen im Kino mit ihrer stets mutigen Rollenwahl entscheidend modernisiert hat.“ Inwieweit Ihr Rolle in The Hunt diese Auffassung erneut bestätigen wird, bleibt ungewiss, bis Universal sich dazu entschließt, dass es an der Zeit ist, den Film in die Kinos zu bringen. Bis dahin darf man zumindest auf den australischen Sci-Fi-Thriller I Am Mother gespannt sein, in dem Swank eine Frau spielt, die mit ihrem Erscheinen das herrschende System, in dem Menschen von Robotern aufgezogen werden, ordentlich aus dem Gleichgewicht bringt. Als Starttermin ist derzeit der 13. September vorgesehen. Hoffen wir, dass es zumindest in diesem Fall dabei bleibt.

Das 72. Locarno Film Festival fand vom 8.-17. August 2019 statt.

www.locarnofestival.ch