Miroirs No. 3 (Christian Petzold, 2025)

Viennale

Historisches, Persönliches, Politisches

| Oliver Stangl |
Die Viennale, Österreichs größtes Filmfestival, geht zum 63. Mal über die Bühne. Ein Überblick.

Nun ist er also wieder da, der Herbst. Die Temperaturen sinken, die Outdooraktivitäten werden weniger, das Leben spielt sich verstärkt in Innenräumen ab – zum Beispiel im Kino. Die Viennale, Österreichs größtes Filmfestival, findet diesmal von 16. bis 28. Oktober statt, und dies in den bewährten Spielstätten Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania, Österreichisches Filmmuseum und METRO Kinokulturhaus. In den letzten Jahren griff man für die Festivalplakate des Öfteren auf Motive aus der Welt der Natur zurück, und auch diesmal ist es tierisch geworden: Das Sujet 2025 stammt aus dem 13. Jahrhundert und zeigt einen Fuchs, der sich totstellt, um solcherart einen Raubvogel anzulocken. List, Bedrohung, Gefahr, Auseinandersetzung – Motive, die man auf die politische Weltlage umlegen kann, aber nicht muss. Apropos Weltlage: Für Direktorin Eva Sangiorgi stehen beim diesjährigen Programm Solidarität und humanistische Aspekte im Vordergrund. Ein Gegenentwurf also zur Unberechenbarkeit und den vielen Krisen, die unsere Gegenwart prägen. Arthouse trifft auch bei der 63. Ausgabe des Festivals auf eher publikumsfreundliche Kost, wobei die Zahl mainstreamtauglicher Filme in den vergangenen Jahren gefühlt doch etwas zurückgegangen ist.

Horror, Außenseiter, Biopics

Den wesentlichen Traditionen bleibt man treu, etwa der von Viennale und Filmmuseum zusammengestellten Retrospektive: Diese ist heuer dem französischen Filmemacher, Kritiker und Theoretiker Jean Epstein (1897–1953) gewidmet, einem Wanderer zwischen poetischem Realismus und Experiment. Am bekanntesten ist wohl die Poe-Adaption La chute de la maison Usher (Der Untergang des Hauses Usher, 1928), der manchmal mit den stummen Horror-Klassikern Das Cabinet des Dr. Caligari (1929) und Nosferatu (1922) verglichen wird. Das Drehbuch verfasste Epstein mit Luis Buñuel (der wegen kreativer Differenzen schließlich aus dem Projekt ausschied); innovative Schnitte und die (alp-)traumhafte Atmosphäre, die von den Bildern ausgeht, machen das Werk, das um eine lebendig begrabene Frau und den psychischen Zusammenbruch ihres Mannes kreist, zur poetischen Studie des Verfalls. Epstein, der gerne Mittel wie Zeitlupe einsetzte und mit Tiefenschärfe experimentierte, drehte in den dreißiger Jahren vornehmlich Dokumentarfilme, darunter Mor-Van (1930), der die bretonische Insel Sein ins Bild rückt. Vor zwanzig Jahren hat das Filmmuseum schon einmal eine Epstein-Retrospektive veranstaltet, durch Konservierungsarbeiten konnten mittlerweile weitere Filme erschlossen werden. Zehn 35-mm-Kopien werden durch dreizehn DCPs ergänzt, die Stummfilme werden von Live-Musik begleitet.

Auch den Monografien bleibt man treu: Eine dieser Schienen wurde wie immer im Verbund mit dem Filmarchiv Austria zusammengestellt, gewidmet ist sie heuer Angela Summereder, Jahrgang 1958. Die gebürtige Oberösterreicherin vermischte in ihrem Debüt Zechmeister (1981), dass vom Mord an einem Ehemann durch dessen Frau erzählt, fiktionale mit dokumentarischen Stilmustern. Dem Festival sind dabei nicht zuletzt die Außenseiterpositionen wichtig, die Summereder aufgreift – beispielweise im Dokumentarfilm Jobcenter (2009), der Langzeitarbeitslose begleitet. Ergänzend zu Summereders teils neu renovierten Langfilmen zeigt man Kurzfilme und prägende Werke anderer Filmschaffender. Eine weitere Monografie ist der Niederländerin Digna Sinke gewidmet, in deren Werk Landschaft und Erinnerung wichtige Rollen einnehmen und die auch ihre eigene Rolle als Filmemacherin reflektiert. Im Zentrum einer weiteren Monografie steht das italienische Paar Massimo D’Anolfi und Martina Parenti, dessen Dokumentarfilme sich zwischen Poesie und sozialem Anspruch bewegen.

Die diesjährige Kinematografie-Schiene umfasst das Werk des Ungarn János Xantus, eine prominente Figur des ungarischen Undergrounds in den achtziger Jahren. Mit den Mitteln von New Wave, bildender Kunst und Performance widmet sich Xantus Themen wie Schuld und Religion, zudem thematisiert er Formen des Widerstands und die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Ostblock nach dem Ende des Kommunismus erfuhr. 

Was das Einzelfilmprogramm betrifft, so sind darin wieder bewährte Kräfte des Arthouse-Kinos vertreten. Der Norweger Joachim Trier verbindet in Sentimental Value (Affeksjonsverdi) ein Familiendrama mit einem Meta-Kommentar zur Filmproduktion der Gegenwart: Zwei Schwestern müssen sich nach dem Tod der Mutter mit ihrem entfremdeten Vater auseinandersetzen, der einst Erfolge als Regisseur feierte, nun aber fast vergessen ist und ein Comeback plant. Die Kritik feierte das Ensemble, dem u. a. Stellan Skarsgård, Elle Fanning und Renate Reinsve angehören, lobte das Ineinandergreifen von Vergangenheit und Gegenwart und zog Vergleiche mit Ingmar Bergman. In Cannes gab es dafür den Großen Preis der Jury. 

Auch der Amerikaner Richard Linklater, ein Meister unaufgeregter Erzählweise und tiefgängiger – dabei nie angeberischer – Dialoge, reflektiert in seinem neuen Film teilweise das Medium an sich: Nouvelle Vague erzählt davon, wie Godards filmischer Meilenstein Außer Atem (À bout de souffle, 1960) entstand – ein Film, der seinerseits das Medium reflektiert hatte. Somit kann man Nouvelle Vague auch als Weiterführung des produktiven Dialogs sehen, den der französische Film und das US-Kino seit Jahrzehnten führen: Erwies Godard in Außer Atem u. a. dem amerikanischen Gangsterfilm Reverenz, so verneigt sich nun der Amerikaner vor diesem so einflussreichen Stück Filmgeschichte. Die leidenschaftliche Hymne an das Filmemachen wurde vom Feuilleton u. a. wegen der Leistung des Godard-Darstellers Guillaume Marbeck sowie der dem Original nachempfundenen Schwarzweiß-Optik gelobt.

Linklaters zweiter aktueller Film findet sich ebenfalls im Viennale-Programm – und auch dieser widmet sich einer realen Künstlerpersönlichkeit: Blue Moon erzählt von den letzten tragischen Tagen im Leben des Liedtexters Lorenz Hart (1985–1943), der von „Linklater regular“ Ethan Hawke verkörpert wird. Hart feierte zunächst in Zusammenarbeit mit Richard Rodgers Erfolge im Musical-Genre, doch aufgrund von Harts Alkoholismus und einem Gefühl von Unzulänglichkeit zerbrach die erfolgreiche Partnerschaft – was für Hart ein nicht zu verkraftender Schlag war.

Der frischgebackene Viennale-Präsident Christian Petzold (er hat die Nachfolge des 2019 verstorbenen Produzenten Eric Pleskow angetreten) ist ebenfalls mit seinem neuen Film dabei. In Miroirs No. 3., der das Festival eröffnen wird, widmet sich der deutsche Regisseur einer jungen Pianistin, die einen Autounfall überlebt, Zuflucht bei einer Familie am Land findet und dort dunkle Geheimnisse aufdeckt. Petzold hat dabei wieder ein bewährtes Team vor und hinter der Kamera versammelt, darunter Schauspielerin Barbara Auer und Kameramann Hans Fromm.

Ein weiterer Film deutscher Film stammt vom 92-jährigen Großmeister Edgar Reitz (Heimat): Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes erzählt von der Anfertigung eines Gemäldes, das den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (Edgar Selge) zeigt. Rund um die Malsitzungen kommt es dabei zu allerlei philosophischen Gesprächen. Reitz schenkt Charakterkopf Selge, der in seiner langjährigen Karriere meist auf Nebenrollen in Film und Fernsehen abonniert war (u. a. Derrick, Kir Royal, Das Experiment), einen seiner bislang größten und anspruchsvollsten Parts. Barbara Sukowa gibt Kurfürstin Sophie von Hannover, die Auftraggeberin des Bildes.

Ein ebenfalls gern gesehener Viennale-Gast ist der Filipino Lav Diaz, dessen Magalhães sich dem Leben des portugiesischen Seefahrers Ferdinand Magellan (Gael Garcia Bernal) widmet. Im Zentrum des Films steht die legendäre, von Entbehrungen, Hunger und Desertion geprägte Seereise, bei der die Magellanstraße entdeckt wurde – und die viele Expeditionsteilnehmer, darunter auch Magellan selbst, das Leben kostete. Obwohl der Film für Diaz’sche Verhältnisse relativ kurz ist („nur“ 165 Minuten), sieht die Kritik den Geist des „slow cinema“ gewahrt und beschreibt ihn als politisch-spirituellen Film, in dem Hauptdarsteller Bernal die Wandlung des Seefahrers zum Despoten nachvollziehbar mache. Politisch noch direkter ist O Agente Secreto (The Secret Agent), bei dem der Brasilianer Kleber Mendonça Filho, gleichfalls ein Viennale-Stammgast, Regie führte. Der im Jahr 1977 spielende Film, der von der brasilianischen Militärdiktatur erzählt, wurde in Cannes sowohl für die Beste Regie als auch für den Besten Hauptdarsteller Wagner Moura geehrt. Wenn wir schon in Cannes sind: Jafar Panahi gewann dort für Un simple accident die Goldene Palme. Selbstredend ist auch das neue Werk des mutigen Regisseurs, der sich vom Regime nicht unterkriegen lässt und trotz Maßnahmen wie Berufsverbot und Gefängnisstrafe weitermacht, politisch: Ein Familienvater glaubt, jenen Mann wiederzuerkennen, der ihn einst im Gefängnis folterte und kidnappt ihn …

Weiters vertreten: The Mastermind, ein Heist-Movie der Amerikanerin Kelly Reichardt und Die, My Love, ein Thriller der Schottin Lynne Ramsay. Die Romanverfilmung um die dunkle Psyche einer Schriftstellerin ist dabei mit Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Sissy Spacek und Nick Nolte überaus prominent sowie generationenübergreifend besetzt. Apropos Pattinson: Dessen ehemalige Twilight-Kollegin Kristen Stewart hat mit The Chronology of Water ihr Regiedebüt gegeben. Das biografische Drama, das sich dem Leben der Schwimmerin und Schriftstellerin Lidia Yuknavitch bzw. deren Kampf gegen Traumata und Drogensucht widmet, ist ebenfalls im Programm vertreten.

Ein wahrer Viennale-Stammgast ist der Rumäne Radu Jude, der in Wien zwei aktuelle Produktionen vorstellt: Der explizit politische Film Kontinental ’25 ist eine Hommage an den Neorealismus, die Drama und Komödie verbindet. Im Zentrum steht eine Gerichtsvollzieherin, die nach dem Selbstmord eines von ihr vertriebenen Obdachlosen vergeblich versucht, innere Ruhe zu finden. In der Satire Dracula, eine rumänisch-österreichisch-luxemburgische Koproduktion, die in mehrere Kapitel gegliedert ist und teils mit KI-Software kreiert wurde, erzählt Jude u. a. von der Dracula-Kommerzialisierung in Transsilvanien. Der österreichische Schauspieler Lukas Miko übernahm darin eine Nebenrolle, die Filmmusik stammt vom österreichischen Komponisten Wolfgang Frisch. 

Apropos Österreich: Auch der heimische Film ist wieder prominent am Festival vertreten. So ist etwa das Regie-Duo Elsa Kremser und Levin Peter mit der österreichisch-deutschen Produktion White Snail dabei, der von der Annäherung zweier Außenseiter erzählt und in Locarno den Spezialpreis der Jury erhielt. Regisseurin Johanna Moder widmet sich im Spielfilm Mother’s Baby den Folgen einer traumatischen Geburt, Dokumentarist Othmar Schmiderer porträtiert in Elements of(f) Balance globale Ökosysteme und Markus Heltschl erzählt in Lois Weinberger – Ruderal Society vom titelgebenden Künstler. 

Wer weiß, vielleicht kommen bis zum Beginn des Festivals ja noch weitere Highlights dazu – etwa Filme, die kürzlich in Venedig zu sehen waren. Mehr zu vielen der hier erwähnten Werke können Sie zu deren Kinostarts in „ray“ lesen.