Hitler darstellen – Zwischen Todeskitsch und Nazipomp

Zwischen Todeskitsch und Nazipomp

| Benjamin Moldenhauer |

Der lesenswerte Band „Hitler darstellen“ dokumentiert die Diskussionen über die teilweise grotesken Führer-Filme der letzten Jahre. Darf über Bruno Ganz mit Bärtchen nun gelacht werden oder nicht?

Im Oktober 2007 fand in der Deutschen Kinemathek in Berlin eine Tagung zu Hitler-Darstellungen im Film statt. Anlass waren Spielfilme wie Bernd Eichingers Der Untergang (2004), Dani Levys Mein Führer – Die Wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (2006) und die Dokumentationen Guido Knopps, die die Geschichte des Nationalsozialismus vor allem als eine Geschichte des Führungspersonals erzählen – Hitler, Goebbels und Göring auf allen Kanälen. Während der Podiumsdiskussion mit dem Filmemacher Jörg Buttgereit, der mit seiner Trashferkelei Blutige Exzesse im Führerbunker (1981) gleichsam prophylaktisch einen Gegenzauber zu dem gut zwanzig Jahre später entstandenen Bunkerdrama Eichingers inszeniert hatte, schlugen im Publikum die Wellen hoch: Nur wer den „Führer“ erlebt, seine Stimme gehört habe, meldete sich ein älterer Herr zu Wort, könne begreifen, was damals passiert sei. Woraufhin ihm ein etwa gleichaltriger Besucher in die Parade fuhr: „Sie hängen dem Mythos ja immer noch an! Man kann gar nicht genug schlechte Witze über Hitler machen. Nichts darf man schützen, gar nichts!“

Damit sind die beiden gegensätzlichen Pole der Hitler-Darstellung angedeutet: Filme, die einen Anspruch auf Seriosität und historische Objektivität erheben auf der einen Seite; Filme, die versuchen, Hitler und die Nazis mit den Mitteln der Groteske zur Kenntlichkeit zu entstellen auf der anderen. Im Verlag edition text+kritik ist jetzt ein Band erschienen, der die Vorträge der Berliner Tagung dokumentiert. Die Zusammenstellung der Beiträge ist im besten Sinne polyphon und interdisziplinär. Hitler darstellen beschränkt sich nicht auf die filmwissenschaftliche Rekonstruktion der langen Geschichte der Hitler-Inszenierungen, sondern lässt auch Historiker, Kulturwissenschaftler und Psychologen zu Wort kommen.

Faszination und Grauen

Die früheste noch erhaltene Hitler-Parodie entstand noch während des Zweiten Weltkriegs, neun Monate vor Chaplins The Great Dictator. In dem Kurzfilm You Nazty Spy! (1940) des amerikanischen Komikertrios The Three Stooges wird ein Malermeister (Moe Howard) zum Diktator des kleinen Landes Moronica ernannt. Das Programm des Führers ist überschaubar: „Moronica for Morons“ („Trottelland den Trotteln“). Das obligatorische Bärtchen genügt, um den Anstreicher zu kennzeichnen – „eine erste Verulkung von Hitlers äußerem Erscheinungsbild als lächerliche Maskerade“, schreibt Margit Fröhlich in ihrem filmhistorischen Abriss „Hitler als Figur im Spielfilm“.

Während US-Produktionen schon früh das Potenzial an Lächerlichkeit der Führungsclique für satirische Attacken nutzten, brauchte es im Nachkriegsdeutschland etwas länger, bis Hitler seinen Weg auf die Leinwand fand. Abgesehen von dem heute fast vergessenen Der Letzte Akt (1955) von G. W. Pabst, der vor allem als thematischer Vorläufer von Der Untergang interessant ist, rückte erst Hitler-Biograf Joachim Fest eben jenen mit einer monumentalen Dokumentation wieder ins Zentrum eines Films. Sonderlich komisch war das nicht. Hitler – Eine Karriere (1977) erzählt die Geschichte des Nationalsozialismus als die Geschichte von Hitlers Aufstieg. Die Wahlerfolge der Nazis sieht er vor allem in Hitlers Charisma begründet. Die im Beitrag von Judith Keilbach formulierte Kritik an dem Ansatz Fests ist schlüssig: „Belegt wird die Faszinationsthese vor allem mit historischen Filmaufnahmen von Hitler, ohne dass dabei allerdings berücksichtigt wird, dass die behauptete Faszinationskraft von Hitler ein Produkt genau dieser scheinbar dokumentarischen Bilder ist.“

Fests Film markiert den Beginn des bis heute anhaltenden Hitler-Booms und ist, schreibt Detlef Kannapin, in vielen Punkten Vorläufer der Dokumentationen Guido Knopps: „Knopp lernte von Fest die drei wichtigsten Punkte zur Verhinderung der Annäherung an den historischen Kontext: a) so tun, als sei man dabei gewesen vs. historische Distanz, b) lieber einmal mehr personalisieren als einmal zu wenig vs. hinter die Personalfassade blicken, c) die Zuschauer mit Schau- und Knalleffekten bei der Stange halten vs. Gewalt und Tod mit reflektierter Sensibilität darstellen.“ Die Verknüpfung von dokumentarischer Akribie und Dramatisierung befeuert vor allem eine nostalgisch gestimmte Sensationslust – unter Hitler war wenigstens noch was los. Schließlich kompilieren die mit großem Rechercheaufwand in die Welt gestemmten Dokumentationen vor allem Sequenzen aus Propagandafilmen und Wochenschauen, die eben nicht objektiv und wertneutral sind, sondern von den Nazis selbst gedreht, ausgewählt und geschnitten wurden. Von ästhetischen Brüchen keine Spur.

Täter, Mittäter, Zuschauer

Ähnliches gilt auch für den Spielfilm. Auch Oliver Hirschbiegels Der Untergang tritt mit dem Anspruch an, die Geschichte so zu zeigen, wie sie „wirklich“ gewesen ist. Bloß legt hier die vorgeblich objektive Rekonstruktion auch abweichende Lesarten nahe: Der sich seriös gebende Zugang zu Hitler läuft Gefahr, ins unfreiwillig Komische zu kippen. Bruno Ganz’ todernst angelegte Interpretation des Führers als erratischem Häuptling Sprung-in-der-Schüssel birgt reichlich Groteskes. Und es spricht vieles dafür, dass die wild gewordenen Kleinbürger aus Ernst Lubitschs Komödie To Be Or Not To Be (1942) gerade in der satirischen Zuspitzung auch 65 Jahre später noch ein genaueres Bild des Nazipersonals abgeben, als die mephistotelisch daherkommenden Figuren von Eichinger und Fest.

Eins zeigen die Beiträge deutlich: Die Darstellungen lassen sich kaum diskutieren, ohne dass sich die Frage nach der Relevanz der Figur Hitler stellt. Schematisch gesprochen: Entweder man sieht in dessen Charisma einen der Hauptgründe dafür, dass es den Nazis gelingen konnte, die halbe Welt in Brand zu setzen, oder man geht davon aus, dass „antidemokratische Strömungen, die politische Radikalisierung der deutschen Bevölkerung oder die Reaktionsunfähigkeit des Auslands von deutlich höherer Relevanz sind, als die Person Hitlers“ (Judith Keilbach). Und Hitler darstellen ist nicht zuletzt deswegen so lesenswert, weil die Herausgeber auch widersprüchliche Standpunkte zu Wort kommen lassen.

Das Fazit muss der Leser selber ziehen. Ein erster Versuch: Dass der deutsche Film zum Diskurs über den Nationalsozialismus so wenig Relevantes beizutragen hat, hat wenig damit zu tun, dass das Publikum sich noch nicht intensiv genug mit dem angeblichen Charisma Hitlers auseinandergesetzt hätte, viel aber mit der im hiesigen Kino weitgehend ausgebliebenen Wahrnehmung der beispiellosen Gewalt, die von den Tätern, Mittätern und Zuschauern entfesselt und gebilligt wurde. Von dieser Gewalt zu erzählen, wäre Voraussetzung für eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Geschichte. Dann müsste man sich allerdings von der Figur Hitler lösen und sich auf die, wie der Sozialpsychologie Harald Welzer es einmal formuliert hat, „tätige Teilhabe der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung an Diskriminierung, Ausgrenzung und Beraubung“ konzentrieren. Filmemacher, die vom Nationalsozialismus erzählen, könnten Mythenjäger sein. Solange sie es nicht sind, sondern lieber immer wieder und wieder Todeskitsch und Nazipomp effektvoll reinszenieren, sollte man gegenüber der immer größer werdenden Rolle, die deutsche Filme bei der Vermittlung von Geschichte einnehmen, mindestens skeptisch bleiben.