High-Rise

Hoch hinaus

| Pamela Jahn |
Ben Wheatley im Gespräch über J. G. Ballard, die siebziger Jahre und darüber, warum Filmemachen kein Wettbewerb ist.

Interview ~ Pamela Jahn

An der Idee, J. G. Ballards Roman „High-Rise“ zu verfilmen, haben sich vor Ihnen schon einige, mitunter namhafte Regisseure die Zähne ausgebissen. Was hat Sie daran gereizt, es mit Ballard aufzunehmen?

Wir hatten schon länger mit dem Gedanken gespielt, eine Literaturvorlage zu verfilmen, und nach A Field in England hatte ich das Gefühl, dass wir uns genügend Rückgrat verschafft hatten, um auch ein größeres Projekt auf die Beine zu stellen. Ich bin dann zunächst einmal ganz unbefangen mein Bücherregal durchgegangen und dabei auf High-Rise gestoßen. Ich hab mich sofort gefragt, warum das eigentlich noch keiner verfilmt hat. Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich 16, und es traf in dem Moment genau meinen Geschmack, wenn auch zunächst aus den falschen Gründen: Gewalt und Sex. Damals in den Achtzigern hatte Ballard für mich etwas Gefährliches. Er galt als ein Außenseiter, der eine ganz bestimmte Weltsicht vertrat und aus dieser heraus über die Zukunft schrieb. Und sein Stil war ungewöhnlich, was die Sache für einen jungen Burschen wie mich nur noch spannender und exotischer machte. Aber als ich das Buch als Erwachsener schließlich erneut in die Hand nahm, musste ich recht schnell feststellen, dass meine damalige Vorstellung von Ballard und speziell von High-Rise dem Roman alles andere als gerecht wurden. Wenn man das Buch heute liest, werden einem bei aller Brutalität und Stilisierung vor allem die tatsächlichen Parallelen zur Gegenwart bewusst, und das hat (Drehbuchautorin) Amy Jump und mich besonders fasziniert, weil es gewissermaßen Hand in Hand geht mit dem, was wir in unseren früheren Filmen stets versucht haben, und zwar Genre-Kino und eine Art sozialen Realismus miteinander zu verbinden. Obendrein bewegt sich der Roman, oberflächlich betrachtet, in einem B-Movie-artigen Stil, hinter dem so viel mehr steckt. Das alles machte die Sache für uns extrem reizvoll.

Wussten Sie, dass Nicolas Roeg, von dem Sie bekanntermaßen ein großer Fan sind, ebenfalls Interesse an einer Adaption hatte?

Das habe ich erst im Nachhinein erfahren. Amy und ich sind total naiv an die Sache herangegangen. Wie wussten nichts von dem langen Entwicklungsprozess, den das Buch bereits hinter sich hatte, das hat mir Jeremy Thomas, der Produzent, alles erst nach und nach erzählt. Laut Jeremy war Nic Roeg zwar sehr an der Idee interessiert, das Buch zu verfilmen, aber das Ganze hat sich dann aus diversen Gründen recht schnell wieder zerschlagen, bevor es überhaupt zum Drehbuch kam. Es gab, wie Sie sagen, noch andere Regisseure und auch andere Drehbücher, doch als Amy sich an die Arbeit machte, hat sie versucht, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

Hat das trotzdem insgeheim den Druck auf Sie erhöht, in jedem Fall erfolgreich aus der Sache hervorzugehen?

Nein, nicht wirklich. Filmemachen ist kein Wettbewerb, da gibt es keine Gewinner oder Verlierer. Solche Sport-Metaphern greifen in der Kunst nicht. Wer so denkt, ist ganz sicher zum Scheitern verurteilt.

Trotz der offensichtlichen Bezüge zur Gegenwart, haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte im Film in den siebziger Jahren spielen zu lassen, also in etwa zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde. Sie waren damals ungefähr so alt, wie die Kinder im Hochhaus. Wie steht es um ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit?

Ich fand die Siebziger schrecklich. Und ich denke, vieler Kinder wurden damals von ihren Eltern vernachlässigt. Woran ich mich erinnere, sind die Abende, an denen meine Eltern mich im Auto einschlossen, während sie sich im Pub um die Ecke amüsierten. Gelegentlich kam einer von ihnen mit einer Tüte Kartoffelchips vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, aber das war’s. Davon abgesehen war die Atmosphäre damals nicht viel anders als heute. Es gab Naturkatastrophen, Terrorismus und soziale Ungleichheit. Die Ideologien mögen damals andere gewesen sein, aber der Effekt war der gleiche. Bomben gingen hoch, die Menschen waren verunsichert, und über allem schwebte zudem die Angst vor einem nuklearen Overkill. Speziell in Großbritannien gab es viele Unruhen zu der Zeit. Ich weiß noch, wie uns in der Schule ständig Filme gezeigt wurden, die uns zur Vorsicht mahnen und darüber belehren sollten, was alles Schreckliches passieren könnte, wenn wir auf Baustellen spielen oder allein im See baden gehen. Kurz gesagt: Meine Erinnerung an die Siebziger ist keineswegs eine goldene Kindheit à la American Graffiti, sondern eher ziemlich düster und trübselig.

Sie und Amy Jump sind beruflich und privat ein Team. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden vorstellen? Inwieweit haben Sie zum Beispiel Einfluss auf die Drehbücher, die Amy für Sie schreibt?

Ich habe mit dem Drehbuch an sich meist gar nichts zu tun, das ist allein Amys Verdienst, nicht nur was High-Rise angeht, sondern auch in Bezug auf unsere früheren Filme. Meistens funktioniert das so: Sie schreibt, und ich lese das Skript, wenn es fertig ist. Dazwischen reden wir nicht darüber. Und selbst wenn es am Ende Stellen darin gibt, die für mich im ersten Moment so oder so vielleicht nicht unbedingt passen oder Sinn machen, vertraue ich beim Drehen ihrer Vorlage, bis wir das Ganze am Ende zusammen schneiden.

Das heißt, Amy ist dann andersherum auch beim Drehen nicht dabei und Sie treffen sich sozusagen erst im Schneideraum wieder?

Ja, genau. Amy schaut vielleicht ein, zwei Mal am Set vorbei, aber erst im Schneideraum diskutieren und entscheiden wir dann darüber, was wie am besten funktioniert. Da kann es allerdings auch schon mal laut werden (lacht).

Wer hat dann zum Beispiel beim Casting das letzte Wort? Treffen Sie solche Entscheidungen auch gemeinsam?

Ja. Amy hat ein gutes Gespür dafür. Sie schaut sich Schauspieler in Talkshows an und entscheidet dann, ob wir prinzipiell mit den Leuten zusammenarbeiten könnten. Denn wenn man Schauspieler nur im Film sieht, kann das oftmals täuschen. In Talkshows dagegen können sie sich nicht hinter ihrer Rolle verstecken, da sieht man, wie sie wirklich sind.

Sind Sie auf diese Weise auch auf Tom Hiddleston aufmerksam geworden?

Nein, Tom hatte ich zum ersten Mal in The Avengers gesehen und dachte sofort: „Wer ist der Typ, der hat was“. Und man muss sagen, dass Tom wirklich unheimlich hinter dem Projekt stand und viele Termine umgelegt hat, um dabei zu sein. Ohne ihn wäre der Film sonst vielleicht gar nicht zustande gekommen.

Sie arbeiten bereits an einem neuen Projekt, Free Fire, ein Actionfilm und Ihre erste amerikanische Produktion, unter anderem mitproduziert von Martin Scorsese. Wie kam es dazu? 

Als Hugo 2011 bei uns in die Kinos kam, las ich zufällig ein Interview mit Scorsese, in dem er erzählte, dass er während der Promo-Tour in London recht viele britische Filme gesehen hätte, darunter auch Kill List, der ihm besonders imponierte. Als ich das las, war ich natürlich begeistert und rief sofort meinen Agenten an, um ihn zu fragen, ob er nicht ein Treffen arrangieren könnte. Kurz darauf haben wir uns in New York verabredet, und das war schon ein ganz besonderer Moment für mich. Ich denke, Scorsese ist einer der größten Regisseure überhaupt und wahrscheinlich habe ich es zu keinem geringen Teil ihm zu verdanken, dass ich selbst Regisseur wurde. Ganz zu schweigen von Thelma Schoonmaker, seiner Cutterin, von der ich jahrelang ein Foto an der Wand hatte. Dass wir jetzt tatsächlich zusammen an einem Film arbeiten konnten, ist schon ein großes Glück.

Zudem schreiben Sie, oder besser gesagt Amy, gerade an einer Adaption von Georges Arnauds Roman „Le Salaire de la peur“ („Lohn der Angst“).

Ja, das stimmt. Nicht, dass es nicht schon einige ziemlich gute Verfilmungen des Romans geben würde, und es ist wohl eine ziemlich verrückte Idee, aber wahrscheinlich haben wir es uns gerade deshalb in den Kopf gesetzt. Mal sehen, was daraus wird.