Riders of Justice

Höchstwahrscheinlich unwahrscheinlich

| Pamela Jahn |
Die spinnen, die Dänen, aber das mit Herz und Verstand. „Riders of Justice“ von Anders Thomas Jensen ist das beste Beispiel dafür. Eine Vorwarnung.

Wenn ein Mann wie Anders Thomas Jensen in die Midlife-Crisis gerät, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Seine Filme stellen selbst in den besten Zeiten eine Herausforderung dar, auf die man gefasst sein sollte, um beim Sichten nicht in der totalen Irritation zu versinken. In Men & Chicken (2015), seiner letzten Offenbarung, stürzte er Mads Mikkelsen als einfältigen Tor Hals über Kopf in eine Welt jenseits aller Vernunft und Zivilisation, in der die sittliche Verwahrlosung nicht nur schreckliche Familiengeheimnisse zum Vorschein brachte, sondern auch Praktiken wie Kannibalismus oder Sodomie nicht zu kurz kamen. Und wenn solche Scham- und Geschmacklosigkeiten, wie sie nicht minder auch in früheren Werken des 1972 geborenen dänischen Regisseurs gang und gäbe sind, auf den ahnungslosen Zuschauer treffen, kann es durchaus mal vorkommen, dass man bei einem Film von Anders Thomas Jensen leicht die Orientierung verliert, eventuell sogar die Fassung, im Ernstfall mitunter den Verstand.

Riders of Justice ist nun das Werk einer jener gefürchteten Lebenskrisen, die, wie Jensen es ausdrückt, alle Männer in den Vierzigern irgendwann einhole, wenn sie auf ihre Kinder und ihre Karriere schauen und sich plötzlich wundern, wie sie dort gelandet sind: „Man fängt an umzubauen, nach vorne zu blicken und nach anderen Beziehungen und Anknüpfungspunkten zu suchen, die dem Dasein einen neuen Sinn geben.“ So ergeht es schließlich auch Markus, einem in Afghanistan stationierten Berufssoldaten mit PTSD, der zu seiner Teenage-Tochter Mathilde (Andrea Heick Gadeberg) nach Hause zurückkehrt, weil seine Frau kurz zuvor bei einem U-Bahn-Unglück ums Leben gekommen ist. Die Polizei behandelt den Fall als tragisch, aber unauffällig. Allerdings kommt es Markus in seinem Leid, der inneren Wut und äußeren Trauer viel eher gelegen, dass es offenbar auch Leute gibt, die glauben, es könnte mehr dahinterstecken, vermutlich sogar ein Terroranschlag. Ein verlockender Gedanke, der den verzweifelten Witwer und seine neuen Verbündeten zu einem dubiosen Rachekommando vereint, das keine Scheu vor grober Gewalt kennt, geschweige denn vor dem Einsatz von Waffen aller Art.

„Die Idee“, lenkt Jensen rasch ein, „ist natürlich hochgradig dramatisiert, aber der Kern der Geschichte ist für mich sehr persönlich.“ Womit wir auch schon beim Stichwort wären. Denn bei aller Gewalt, den Absurditäten sowie dem stets grotesken, bitterschwarzen Humor, der seine Werke stets durchzieht, strahlt auch Riders of Justice zu jeder Zeit unmissverständlich den Glauben an Menschlichkeit und Liebe sowie ein zutiefst privates Gefühl der Verbundenheit aus. Markus und Mathilde können nach dem Tod der Mutter zwar so gut wie nichts miteinander anfangen, weil sie viel zu sehr beide mit sich selbst damit beschäftigt sind, den Schmerz und die Gram über ihr Fehlen auf einem halbwegs erträglichen Maß zu halten. Dennoch gibt es immer wieder Annäherungspunkte, und die häusliche Situation verbessert sich schlagartig, als Mathilde glaubt, ihr Vater hätte endlich ihrem Wunsch nach therapeutischer Hilfe nachgegeben, indem er den Mathematiker Otto (Nikolaj Lie Kaas), der hinter dem Unglück einen gezielten Anschlag der Rockerbande Riders of Justice vermutet, und dessen dubiose Kumpanen Lennart (Lars Brygmann) und Emmenthaler (Nicolas Bro) als vermeintliche Psychologen ins Familienleben integriert. Was Mathilde nicht weiß, ist, was die Männer tagtäglich hinter verschlossenen Türen in der Scheune hinterm Haus treiben, wo Markus heimlich seinen ganz persönlichen Militärstützpunkt eingerichtet hat, um die wahren Schuldigen am Tod seiner Frau aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen.

Mads Mikkelsen, einer der treuesten Weggefährten des Regisseurs seit seinem beachtlichen Erstling Flickering Lights vor mittlerweile über zwanzig Jahren, spielt diese wie jede Rolle, die Jensen für ihn schreibt, stets ohne eine Miene zu verziehen, Hollywood-Ruhm hin oder her. Bei Jensen ist er zu Hause, bei ihm fühlt er sich wohl, und für ihn darf er spielen, was seinem Starprofil sonst so gar nicht entspricht: Ob als emotional unfähiger Waffennarr (Flickering Lights, 2000), schlecht frisierter neurotischer Metzger (The Green Butchers, 2003) oder unverbesserlich sanftmütiger Dorfpfarrer in Shorts und mit einer zermürbenden Engelsgeduld (Adam’s Apples, 2005), Mikkelsen meisterte bereits jene „Trilogie der schrägen Vögel“ mit einer Bravour, die auch seine übrige Zusammenarbeit mit dem einst als Drehbuchautor über die Dogma-Bewegung bekannt gewordenen Dänen prägt. Men & Chicken, in dem er als regelmäßig masturbierender Kind-Mann eines Tages dazu verleitet wird, seinen familiären Wurzeln nachzugehen und sich im nächsten Augenblick mit seinen fragwürdigen Halbbrüdern und jeder Menge lebenden und ausgestopften Tieren in einem heruntergekommenen Sanatorium wiederfindet, stellte bisher den Höhepunkt an skurriler Extremerfahrung dar, den Jensen sowohl seinem Stammschauspieler als auch dem Publikum auferlegte. Riders of Justice mag dagegen auf den ersten Blick geradezu harmlos erscheinen, aber gerade hier schlagen die Absurditäten und Abwegigkeiten immer wieder dann zu, wenn man sie am wenigsten erwartet, und zwar gleich mit einer Wucht, dass einem bisweilen Hören und Sehen vergeht.

Für die nötige Erdung des sich immer fataler auf abstrusen Wahrscheinlichkeitstheorien aufbauenden Wahnsinns sorgt Mikkelsens Markus diesmal allein mit seiner beeindruckenden Statur und einem stählernen Blick, der Entschlossenheit und Härte prognostiziert. Aber Jensen, der bereits in Flickering Lights geschickt die Erwartungen des Publikums unterläuft, indem er eine konventionelle Gangster-Farce schließlich als feinsinnige Tragikomödie entlarvt, interessiert sich auch in Riders of Justice nicht vordergründig für das Zelebrieren imposanter Actionszenen. Tatsächlich sind es selbst in den brutalsten Momenten immer wieder die Verhältnismäßigkeiten zwischen Komik und Tragik, die den Regisseur beschäftigen, etwa wenn Markus jede Krise mit roher Gewalt regelt, weil ihm in der Armee sein Mitgefühl abhanden gekommen ist, während Otto Halt und Trost in Zahlenreihen und mathematischen Theorien sucht. Und je tiefer Jensen in seinem skurrilen Reigen aus Selbstjustizthriller und existenzialistischer Komödie voranschreitet, umso erhellender und fundierter werden seine Erkenntnisse, ob und wie seine Figuren, so kaputt sie auch sein mögen, möglicherweise den Weg zurück in ein Leben finden können, das langfristig lebenswürdig erscheint.

Aber was fasziniert Jensen schließlich so sehr an dem ewigen Antagonismus zwischen Leid und Lustigkeit, dass er der Ergründung des Phänomens nicht überdrüssig zu werden scheint? „Es ist der Sinn des Lebens“, erklärt der Regisseur mit einer Sanftmütigkeit in der Stimme, die beinahe melancholisch stimmt. „Die Reise beginnt, sobald man alt genug ist, um zu verstehen, dass die eigenen Eltern irgendwann sterben werden. Zumindest bei mir war das so. Man ist sich dessen nicht immer unbedingt bewusst, aber das Gefühl ist da, so wie Gut und Böse auch im Leben jederzeit gegenwärtig sind. Das sind so Schlüsselthemen, die immer wieder hochkommen. Das Problem ist, dass sie über die Jahrhunderte hinweg in der Kunst behandelt wurden, da kann es banal wirken, wenn man versucht, dem heute etwas Neues abzugewinnen. Es steckt bereits zu viel davon in jedem von uns. Ich versuche das Ganze lediglich in einen neuen Kontext zu setzen und die Genres zu vermischen.“

Wie geschickt und höchst individuell Jensen die Sache immer wieder auf Neue  angeht, wird jedem bewusst, der einmal einen seiner Filme gesehen hat. Zu empfehlen sind sie alle. Natürlich nur auf eigene Gefahr. Aber sagen Sie am Ende nicht, Sie seien nicht gewarnt worden.