Holy Lola – Tropische Malaise

Tropische Malaise

| Andreas Ungerböck |

Mit seinem Film „Holy Lola“ begibt sich Bertrand Tavernier auf schwieriges Territorium:nach Kambodscha. Eine Reise, die im Spielfilm noch selten geglückt ist.

Mehrere gute Titel für einen solchen Text hat das deutsche Feuilleton weggeschnappt: „Nicht ohne eine Tochter“ oder „Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs“ versprechen eine kritische Haltung dem Film gegenüber. Doch der Eindruck täuscht: Holy Lola wurde fast einhellig positiv besprochen, und den Rezensenten ist die heilige Ehrfurcht vor der Brisanz des Themas anzumerken: Gewiss: Der sehnliche Wunsch kinderloser Paare nach einem Adoptivkind ist ein spannendes, aber heikles Thema. Ein von Krieg und blankem Terror nachhaltig geschädigtes Land ist ein spannendes, aber heikles Thema. Diese beiden Elemente in einen Film zu verpacken, dazu gehört eine Portion Selbstvertrauen, denn nur allzu leicht kann diese Mischung in den Händen explodieren. Um es vorwegzunehmen: Der verdiente französische Filmhistoriker und Regisseur Bertrand Tavernier ist an diesem Unterfangen gescheitert. Das wäre weiter nicht bemerkenswert, wäre es nicht unter so peinlichen Umständen geschehen. Tavernier bereiste internationale Festivals (etwa das Filmfest München im vorigen Juli), trug einen Khmer-Schal um den Hals und entblödete sich nicht, sich selbst zum Kambodschaner zu erklären: „Ich liebe das Land, ich liebe die Menschen, Kambodscha ist meine zweite Heimat geworden.“ Ja, sicher.

Genau diese fragwürdige Haltung durchzieht den ganzen Film. Als Kambodschaner hausieren zu gehen, nur weil man ein paar Wochen dort gedreht hat, zeugt entweder von beginnender Altersdemenz oder von Realitätsverlust oder von beidem. Denn alles an Taverniers Film widerspricht seiner Aussage – Kambodscha kommt in Holy Lola nur als „weiße Seite“ vor, auf die eine Geschichte von überspannten Europäern geschrieben wird.

Waisenhaus-Roadmovie

Im Mittelpunkt der Handlung – und Tavernier hat in Interviews betont, es gehe ihm um eine „Liebesgeschichte“ – stehen der französische Landarzt Pierre (Jacques Gamblin) und seine Frau Géraldine (Isabelle Carré), in deren Haus ein Kinderzimmer zwar eingerichtet, aber nicht in Verwendung ist. Weil ihnen in Frankreich die Mühlen zu langsam mahlen, brechen die beiden nach Kambodscha auf, um sich nach einem Kind umzusehen. Dass auch dort alles nicht so einfach ist, wie sie sich das vorgestellt haben, müssen sie bald erkennen. Sie wohnen in einem Hotel, das offenbar auf adoptionswillige Franzosen eingestellt ist. Hier treffen sie auf mehrere Schicksalsgenossen. Es beginnt ein Wettlauf durch die Institutionen (französische und vor allem kambodschanische), ein Kampf gegen die Bürokratie, gegen das Wetter (es regnet viel) und gegen die Tatsache, dass die Uhren in Asien buchstäblich anders ticken als im Westen.

Dass sie das, auch nach vielen Wochen, nicht einsehen wollen, dass ihre soziale Lernfähigkeit gegen Null tendiert, schafft ihnen Leiden und macht sie, man muss es leider sagen, in ihrem Aktionismus zutiefst unsympathisch – ebenso wie die anderen zukünftigen Adoptiveltern, die wie panisch durch die Stadt und das Land hasten, immer dem neuesten Gerücht (dort gibt es ein Aids-freies Kind!) hinterher. Doch es gibt immer wieder ein Hindernis, das sich vor ihnen auftürmt, und glücklich werden
weder Protagonisten noch Zuschauer. Der Wettlauf gegen die Uhr ermüdet, und erst recht die immer gleichen Zusammenkünfte im Hotel zwischen Eifersucht und dem, was man in Europa für Solidarität hält („wir sind gut, die Anderen haben Unrecht“). Darin gleichen sie einer Touristengruppe, die sich in Italien, einander unterstützend und aufstachelnd, darüber beklagt, dass die Spaghetti nicht al dente sind, oder dass der Ausflugsbus schon wieder unpünktlich ist. Die Auftritte bei diversen kambodschanischen Behörden untermauern die These, dass hier mehr oder weniger offener Rassismus betrieben wird, der, das mag man Bertrand Tavernier zugute halten, vermutlich so nicht gemeint war. Defacto entsteht jedoch ein Bild der Kambodschaner als im Prinzip liebenswerte Kerlchen, die es leider faustdick hinter den Ohren haben, Schlitzohren und Halsabschneider sind und ihre Kinder lieber gegen dicke Dollarbündel direkt an böse Amerikaner verkaufen als an die braven Franzosen, die den Amtsweg einhalten.

Diese Sicht ist problematisch, und sie wird im Laufe des Films prekär, weil es kaum ein Gegengewicht gibt. Sie wird obszön, wenn die Protagonisten gegen Ende des Films im ehemaligen Foltergefängnis Tuol Sleng (heute ein Museum des Horrors) stehen, in dem die Roten Khmer im Zuge ihrer Schreckensherrschaft Abertausende Landsleute folterten und/oder töteten. Da stehen die Europäer dann eingeschüchtert wie schlimme Kinder, die beim Kekse stibitzen ertappt wurden, und sind „betroffen“. Das war’s dann aber auch schon. Die Sequenz schreit, mit Verlaub, danach, dass sie ihre Betroffenheit links und rechts um die Ohren gehauen bekommen, wie der Protagonist von Josef Haders genialem ersten Programm Privat vom „Kaiser von Afrika“. Erst in dieser grotesk spät eingebauten Alibi-Szene finden wir einen Hinweis darauf, was Kambodscha, neben der pittoresken Landschaft und den schönen Reisfeldern, nun einmal ausmacht. So gut wie jeder Mensch in diesem Land hatte Freunde, Verwandte, Bekannte, die von den Schergen Pol Pots hingerichtet wurden. Oft war es die ganze Familie. Bis heute wurde den noch lebenden Anführern der Roten Khmer nicht der Prozess gemacht, bis heute gibt es keine Entschädigungen, bis heute werden täglich Menschen von Landminen zerrissen. Man soll natürlich nicht Leid gegen Leid aufrechnen, aber angesichts dieser Tatsachen muten die Europäer mit ihrem Kinderwunsch und ihrer hysterischen Ungeduld dekadent an.

Wahnsinnig betroffen

Kambodscha, das zeigt sich wieder einmal, eignet sich offenbar (noch) nicht wirklich als Schauplatz bzw. als Thema für Spielfilme. Selbst Rithy Panh, der aus Kambodscha stammende Regisseur, der seit Jahren unermüdlich und einzelgängerisch gegen das Vergessen und gegen das Verdrängen ankämpft, erzielte mit seinen beiden Spielfilmen Das Reisfeld (1994) und Ein Abend nach dem Krieg (1998) nicht annähernd die Wirkung wie mit seinen Dokumentarfilmen, etwa Das Land der wandernden Seelen oder S 21. Die Wahrnehmung Kambodschas bewegt sich im Wesentlichen auf drei Ebenen.

Variante 1: Das Land dient als bloße Kulisse, wie in Jean-Jacques Annauds Tiger-Märchen Deux frères oder im ersten Teil von Lara Croft, dem hilflosen Versuch, sich weltum-spannend à la James Bond zu geben. (Angelina Jolie übrigens bekam ihr kambodschanisches Adoptivkind, das sie Maddox nannte, recht zügig.) Die kolossale Tempelanlage von Angkor Wat ist es auch, die die meisten Touristen nach Kambodscha treibt – am sichersten mit dem Flugzeug von Bangkok aus. Beim Versuch, die einnahmenträchtige Sehenswürdigkeit von Minen zu befreien, ließen viele Kambodschaner ihr Leben.

Phnom Penh sucht man eher ungern auf, mit Recht, denn es ist keine angenehme Stadt. Nachts kann man immer wieder Schüsse hören, in den Gassen abseits der Hauptstraßen ist es abends stockfinster, und die Preise sind für ein so armes Land atemberaubend. Dafür sorgten die UNO-Soldaten, die Anfang der 90er Jahre hier waren, um die ersten freien Wahlen vorzubereiten und den labilen Frieden zu „schützen“. Sie warfen so mit Geld um sich, dass Phnom Penh damals die teuerste (!)

Stadt der Welt war. Mit sich brachten sie Aids, bis dahin in Kambodscha unbekannt, und ein Faible für minderjährige Mädchen – danach galt das Land lange Zeit als Paradies für Pädophile. Es ist dieses Phnom Penh, das Hollywood-Star Matt Dillon als Schauplatz seines Regiedebüts mit dem adäquaten Titel City of Ghosts (2002) wählte – Variante 2. Seiner wilden Sex-and-Crime-Story, interpretiert von anerkannten Größen wie Gérard Depardieu, Jimmy Caan oder Stellan Skarsgård, geht zwar ziemlich bald die Luft aus, aber Dillon „zeigt“ wesentlich mehr von Kambodscha als Tavernier mit seinem eurozentrierten „Abenteuerfilm und berührendem Melodram“ (Verleih-Info). Dass eine Stadt wie diese Glücksritter und zwielichtige Gestalten magnetisch anzieht, ist klar, belegt wird das unter anderem in zwei interessanten Büchern (siehe Kasten).

Khmer Rouge Go to Hollywood

Die Mutter aller Kambodscha-Filme (Variante 3) ist natürlich The Killing Fields (1984) von Roland Joffé, ausgezeichnet mit drei Oscars, darunter für den kambodschanischen Arzt Haing S. Ngor, der in einer „Nebenrolle“ (weil neben den US-Stars) brillierte. Es war ein Film so recht nach dem Geschmack von Oscar-Juroren und Zuschauern, die danach wahnsinnig betroffen waren. Rithy Panh sagte dazu in einem Interview mit dem Autor: „Über ein solches Thema einen Spielfilm zu machen, ist sehr schwierig. Ich mag den Film nicht, aber ich will mal das Positive herausstreichen: Es gab einen Hollywood-Film, und plötzlich wusste die ganze Welt über Kambodscha Bescheid, über die Roten Khmer, über den Völkermord. Das ist die Macht Hollywoods. Es ist ein sehr zwiespältiger Film, obwohl er eine wahre Geschichte erzählt. Zwiespältig vor allem, was die Rolle der Amerikaner betrifft. Und die Szenen im Flüchtlingslager, dazu Imagine von John Lennon. Ich weiß nicht … Aber das bewegt die Leute, das wollen sie sehen, auch wenn der Film nicht in die Tiefe geht.“ Rithy Panh drückt sich höflich aus: Dass die Amerikaner das Land in den frühen 70er Jahren gnadenlos bombardierten (mehr als 500.000 Tonnen Bomben wurden abgeworfen) und rund eine Million Menschen töteten, um das Marionetten-Regime von General Lon Nol an der Macht zu halten, dass sie mit ihrem wahnwitzigen Einsatz vor allem die Landbevölkerung regelrecht den Khmèr Rouge in die Arme trieben, all das wird im Film eher „vorsichtig“ erzählt.

Besagte Killing Fields sind heute eine weitere erschreckende Gedächtnisstätte etwas außerhalb von Phnom Penh. Dort befindet sich nicht nur ein gläserner Turm, der von oben bis unten mit  Schädeln und Knochen dort getöteter Opfer gefüllt ist, sondern auch Massengräber, von denen einige noch gar nicht geöffnet wurden. Hier ermordeten die Roten Khmer ihre Opfer, zuletzt auch mit Holzknüppeln, um Munition zu sparen. Für Aufsehen sorgten kürzlich Pläne, die Killing Fields von einer japanischen Event-Agentur vermarkten zu lassen, die allen Ernstes vorhatte, verstörte Besucher mit sanfter Musik zu trösten.
Verlässt man die Killing Fields, findet man sich an Ständen wieder, die T-Shirts mit Aufschriften wie „I Survived the Land Mines“ oder „This Land of Mine“ verkaufen. Das ist zynisch, aber ehrlich – so ehrlich wie Rithy Panh, der in Taverniers Film einen Kurzauftritt als höherer Beamter hat: Es gebe, sagt er zu den ihn bedrängenden Franzosen, im menschlichen Leben keine Garantie auf Glück. Das klingt wie ein lokales Sprichwort, aber Panh setzt nach: „Das hat Ihr Landsmann Victor Hugo gesagt.“ Im Unterschied zu Bertrand Tavernier hielt der sich nie für einen Kambodschaner.

 

Amit Gilboa: Off the Rails in Phnom Penh: Into the Dark Heart of Guns, Girls, and Ganja
Asia Books, Bangkok 1998, 206 Seiten.
Der US-Journalist Gilboa schrieb ein zutiefst fragwürdiges, aber äußerst lesenswertes Buch über die dunklen Seiten Phnom Penhs, wo er seine Zeit mit Ex-Pats aus aller Herren Länder verbringt, in einem ungesunden Biotop aus Sexbesessenheit, Kriminalität und Drogen. So manches klingt erfunden, und die  „kritische Bestandsaufnahme“ ist natürlich ein Vorwand.

William T. Vollmann: Butterfly Stories
Grove Press, New York 1994, 279 Seiten.
Keine “Stories”, sondern ein Roman über einen jungen Amerikaner („the journalist“), der im Gefolge des Vietnamkriegs zusammen mit einem befreundeten Fotografen durch Südostasien reist, angeblich, um das „Problem der Prostitution“ zu erforschen. Dabei geraten die beiden nach Kambodscha und in die Wirren der Pol-Pot-Ära. Spekulativ, aber spannend.