Filmkritik

Honeyland

| Alexandra Seitz |
Das Land, in dem Milch und Honig fließen – doch kein Schlaraffenland

Die Landschaft ist von geradezu paradiesischer Schönheit, was sich allerdings in ihr abspielt, ist im Grunde genommen höllisch. In einem Dorf, das überwiegend aus Ruinen besteht, in einem Tal in Mazedonien lebt Hatidze, die Wildbienenimkerin. Sie ist eine hagere, wettergegerbte Frau in mittleren Jahren, die traditionsgemäß unverheiratet geblieben ist, weil der letzten Tochter die Sorge für die alten Eltern obliegt. Inzwischen kümmert sie sich allein um ihre pflegebedürftige Mutter, um Hund und Katze – und natürlich um die Bienen. Dabei achtet sie sorgsam darauf, den Insekten nicht die Lebensgrundlage zu rauben und damit ihre eigene zu gefährden. Immer nur die Hälfte des Honigs entnimmt sie dem Bienenstock, verkauft ihn auf dem Markt in Skopje, kommt mit den Einnahmen wieder eine Zeitlang über die Runden.

Honeyland beginnt wie ein Märchen, das aber doch die Mühseligkeit des Alltags, der da zu sehen ist, nicht unterschlägt. Es ist ein Leben von der Hand in den Mund und ohne jeden Komfort. Es ist aber auch ein Leben im Einklang mit den Rhythmen der Natur und den Daseinszyklen der Wesen in ihr. Ein Leben getragen von Respekt und der Gewissheit, mitverantwortlicher Teil eines großen Ganzen zu sein. Aber eines Tages, es ist wie in einem bösen Traum, kommt eine kinderreiche Familie mit einer Rinderherde und Wohnwagen und lauten Maschinen ins Tal und siedelt sich an inmitten der Ruinen. Und als dem Patriarchen der Sippe zu Ohren kommt, wie viel Geld sich mit dem Honig verdienen lässt, ist es bald vorbei mit dem Frieden und dem Einklang.

Mit der gnadenlosen Zwangsläufigkeit einer Fiktion entfaltet sich das Drama in diesem vielfach preisgekrönten Dokumentarfilm, der nichts erfindet, sondern den Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska aus über 400 Stunden Material komponiert haben, das im Verlauf von drei Jahren während zahlreicher Besuche in und um Bekirlija aufgenommen wurde. Und mit nicht minder unausweichlicher Überzeugungskraft entwächst dem konkreten, immer wieder recht drastischen Geschehen seine allegorische Bedeutung und entwickelt die Geschichte von Hatidze und ihren Nachbarn eine Symbolkraft, die die Dokumentation direkt mit dem Gleichnis kurzschließt.

Die ganze Welt am Vorabend der Apokalypse steckt nun in diesem Film: der Mensch und sein Verhältnis zur Erde, die Gier, die alles zerstört, und eine Rettung, die vielleicht doch noch möglich ist – aber nicht sehr wahrscheinlich.