Hongkong, einst Bastion gegen die Übermacht Hollywoods, ist gefallen. Doch zwischen professioneller Nüchternheit und der Suche nach einem Platz auf dem boomenden Festland-chinesischen Markt gibt es auch Hoffnung auf neue Talente. Ein Lokalaugenschein.
Was waren das für Zeiten! Neun der zehn erfolgreichsten Filme an den Kinokassen stammten aus heimischer Produktion, und das Jahr für Jahr. Dazwischen, fast alibihaft, ein einsamer Hollywood-Hit. Mehr noch: Hongkong-Filme waren Exportschlager und dominierten die Kinos in Südostasien. Doch das war in den achtziger und frühen neunziger Jahren. Heute ist davon gar nichts mehr übrig. Wurden in der Goldenen Ära über 200 Filme jährlich produziert (man stand an vierter Stelle hinter den USA, Indien und Japan), so waren es 2016 gerade einmal 59, von denen ziemlich genau die Hälfte als Ko-Produktionen mit der Volksrepublik realisiert wurden. „Amerikanische Filme sind eben bei den jungen Leuten beliebter als Hongkong-Filme“, so die nüchterne Zusammenfassung von Wellington Fung, einem verdienten Veteranen der lokalen Filmwirtschaft. Einst selbst Regisseur und erfolgreicher Produzent für die Achtziger-Jahre-Hit-Fabrik Cinema City, war Fung danach viele Jahre lang in der Chefetage des Mediengiganten Media Asia zu finden, der nicht nur zahlreiche Großproduktionen herstellte, sondern darüber hinaus den reichhaltigen DVD-Backkatalog des ehemaligen Großstudios Golden Harvest aufgekauft hatte. Heute ist Wellington Fung, auch dank seiner reichen Erfahrung, Chef der Filmförderung („Create HK“) in Hongkong.
Starthilfe
Filmförderung? Hätte man früher dieses Wort in den Mund genommen, wäre man vermutlich angesehen worden, als hätte man etwas besonders Obszönes gesagt. Zuschüsse für Film gab es, wenn überhaupt, dann nur im experimentellen, im Kunstbereich. Steuergelder für Kinofilme in die Hand zu nehmen, wäre damals niemandem in den Sinn gekommen. Und doch – seit 2007 ist es Realität. Die Ausrichtung ist dabei ganz unmissverständlich. Das erklärte Ziel von Create HK, so Wellington Fung, sei nicht, ein verkrustetes System an Günstlingen am Leben zu erhalten, sondern dem interessierten und befähigten Nachwuchs „Starthilfe“ zu geben. Man bietet vor allem Workshops an, in denen man erst einmal zum „Assistant“ (Regie, Produktion, Kamera, Visual Effects, Martial Arts, Schnitt usw.) ausgebildet werde. Fung nennt als Beispiel das Jahr 2009. Damals hätten sich 140 junge Leute für die Workshops beworben, 113 von ihnen hätten auch abgeschlossen, und immerhin 75 Prozent von diesen arbeiteten jetzt erfolgreich in der Industrie. Konkrete Projekte werden zudem nur gefördert, wenn die „prime movers“ (Fung), also Produktion, Regie, Drehbuch feststehen, und zwar – in Worten – als drei verschiedene Personen. Die im europäischen Kino gängige „Personalunion“ ist im Hongkong-Filmbusiness gar nicht gern gesehen: „Wir denken, dass jede dieser drei Positionen den vollen Einsatz braucht, und dass eine Person zwei oder gar drei Jobs macht, geht nicht.“ Noch etwas sei unabdingbar, bevor man eine Förderung erhält: „Die Frage, die sich jeder stellen muss, ist: ,Kannst du in dem System überleben oder nicht’“?
Wellington Fung macht nicht den Eindruck, als könne man ihn so leicht erschüttern. Von einer „Krise“ will er nichts wissen: „Ja, wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs. Aber das ist nicht a priori etwas Schlimmes.“ Im Gegenteil: 28 der 59 im Jahr 2016 produzierten Filme stammten von jungen Filmschaffenden, das sei ein „Hoffnungsschimmer“. Das Hongkong-Kino, sagt er, sei schon oft totgesagt worden und lebe immer noch. Stimmt. „Tot“ war es auch Ende der siebziger Jahre, als sich die lokale Filmindustrie mit am Fließband produzierten Hau-drauf-Filmen und formelhaften Komödien selbst ins Abseits manövriert hatte. Dass sie schließlich wie Phönix aus der Asche wiedererstand, verdankte sie einer Anzahl von jungen Talenten, die im Ausland ausgebildet wurden und, nach Hongkong zurückgekehrt, für frischen Schwung sorgten. In der Tat sorgte die sogenannte „Hong Kong New Wave“ von jungen Kreativen, die zum Teil bis heute aktiv sind, für neues Leben in den Ruinen und für eine wahre Hochblüte: Namen wie Tsui Hark, Ann Hui, Stanley Kwan, Johnnie To und (etwas später) Wong Kar-wai sind aus dem Kanon des Weltkinos nicht wegzudenken – die meisten von ihnen fassten nach ihren Anfängen beim Fernsehen und in Independent-Produktionen, auch in der Industrie Fuß.
Wie Wellington Fung hält es auch Roger Garcia, ebenfalls ein Langgedienter und heute Executive Director des alljährlich um Ostern herum stattfindenden Hong Kong International Film Festival, für müßig, den Niedergang der einstmals so stolzen Anti-Hollywood-Bastion Hongkong zu betrauern: „Die Welt hat sich geändert, wir sind global vernetzt, wir können alles sehen, was anderswo produziert wird. Die ,splendid isolation’, die es früher gab, gibt es nicht mehr, und natürlich schauen sich junge Leute, die neugierig sind, nicht unbedingt das an, was sie ohnehin schon bis zum Abwinken kennen. Wenn sie es auf ihren iPads oder Handys tun – was soll’s? Hauptsache, sie schauen Filme.“ Er verweist auf das Programm das Festivals und den „Reichtum des globalen Kinos“. Die Filme von Regisseuren wie Olivier Assayas, Ulrich Seidl oder Pablo Larraín würden gestürmt.
Für Bill Yip, einen Produzenten und Regisseur aus dem Indie-Bereich, der sich mit seiner Firma Ox Workshop seit mehr als 20 Jahren erfolgreich über Wasser hält, leidet die Filmindustrie Hongkongs an einer ungesunden Nostalgie und an einer gewissen Realitätsferne: „Wir tun immer noch so, als sei es 1997. Warum kann man sich nicht einfach eingestehen, dass der Markt geschrumpft ist? Für die Kids heute gibt es andere Medien, um Filme anzuschauen. Wenn ich sehe, dass das Hong Kong Film Archive – zum wievielten Mal eigentlich? – eine Schau mit dem Titel ,Revisiting the New Wave’ (24. März bis 14. Mai, Anm.) abhält, dann kann ich nur sagen: Lasst es einmal gut sein! Diese Zeiten kommen nicht wieder.“
Blockbuster und Veteranen
Ein Besuch in einem Kinocenter der Kette AMC im fashionablen Einkaufscenter Pacific Place zeigt: Hier laufen ausschließlich Hollywood-Filme, kein einziger aus Hongkong. Die Ironie dabei: American Multi-Cinema gehört längst dem chinesischen Medienkonzern Wanda, der, das nur nebenbei, unter eigenem Namen weitere Großkinos in Hongkong betreibt. Das verstörende Kinoprogramm sei, so Fung und Garcia, allerdings auch saisonal bedingt: Zu den Feiertagen, vor allem zum Frühlingsfest (aka „chinesisches Neujahr“, 2017 am 28. Jänner), am Valentinstag, zu Ostern, zum herbstlichen Mondfest und zu Weihnachten strömten die Leute nach wie vor ins Kino. Zu diesen Terminen starten dann auch die großen einheimischen Filme. Der große Abräumer zum Frühlingsfest 2017 war Tsui Harks Hongkong-China-Ko-Produktion Journey to the West: The Demons Strike Back, eine weitere filmische Adaption des unendlich populären historischen Romans um einen Mönch, der im 7. Jahrhundert zu einer Reise „in den Westen“ (nach Zentralasien und Indien) aufbricht, und den berühmten „Affenkönig“. Produziert wurde der Box-Office-Hit von Stephen Chow. Hongkongs einstiger Top-Komödiant (Shaolin Soccer, Kung Fu Hustle) hat sich schon seit längerem von der Schauspielerei zurückgezogen und ist heute vorwiegend als Drehbuchautor und Produzent tätig – oder er führt Regie wie bei Mermaid, einem aufwändigen Spektakel mit deutlicher Öko-Botschaft, das im Vorjahr allein in China satte 350 Millionen US-Dollar eingespielt hatte – und das bei Kosten von „nur“ 60 Millionen Dollar. Auch Altstar Jackie Chan hielt sich als Protagonist des chinesisch-indischen (eine eher seltene Kombination) Abenteuerfilms Kung Fu Yoga wacker, der allein am Startwochenende Ende Jänner in China mehr als 38 Millionen US-Dollar lukrierte und später weltweit die 200-Millionen-Dollar-Marke übertraf.
Überhaupt dominieren in Hongkongs kommerziellem Kino immer noch die altbewährten Kräfte. Schauspiel- und Gesangsstar Andy Lau ist seit den frühen achtziger Jahren ein Box-Office-Magnet – mittlerweile hält er bei mehr als 160 Filmen. Auch andere Haudegen wie Aaron Kwok (The Iceman Cometh, 1991; ebenfalls Schauspieler und Sänger) feiern nach ruhigeren Jahren wieder Triumphe. Chow Yun-fat, durch seine Paraderollen bei John Woo (The Killer, 1988) auch im Westen bekannt geworden, ohne allerdings in Hollywood richtig Fuß fassen zu können, kehrte mit der erfolgreichen Action-Klamauk-Trilogie From Vegas to Macau (2014–2016) zurück, in deren zweitem und drittem Teil sogar der Siebziger-Jahre-Kungfu-Hero David Chiang, heute 70, auftritt. Jacky Cheung (der dritte Sänger-Schauspieler-Superstar) lässt es auf der Leinwand etwas ruhiger angehen, ist aber immer noch präsent. Tony Leung Ka-fai (der ältere der beiden Tony Leungs, bekannt mindestens seit Prison on Fire, 1987, und seit der Marguerite-Duras-Verfilmung L’Amant, 1992) erlebt mit fast 60 Jahren seinen x.ten Frühling, so etwa – zusammen mit Aaron Kwok – in dem hochklassigen zweiteiligen Polizei-Korruptions-Thriller Cold War (2012 und 2016). Auch Carina Lau, Star u.a. in Wong Kar-wais Days of Being Wild, Ashes of Time und 2046, lässt sich in From Vegas to Macau wieder blicken. Die Stars der nächsten Generation (Nicholas Tse, Nick Cheung, Louis Koo, Eddie Peng, Shawn Yue) sind zwar jünger, aber auch nicht mehr die Allerjüngsten. Roger Garcia erklärt das so: „Die Produzenten scheuen das Risiko. Bei den Summen, die heutzutage im Spiel sind, gehen sie lieber auf Nummer sicher.“ Die jüngeren Stars, fänden sich eher in TV-Soaps und im Internet, auf YouTube, bei Casting Shows, usw., „ziemlich genauso wie in der restlichen Welt.“ Dort allerdings sei die Fluktuation viel stärker, und es sei schwierig für die Teenie-Stars, sich über mehrere Jahre hinweg zu behaupten. Zudem seien, so der Festivaldirektor, die großen „Alten“ auch in Festland-China immer noch enorm populär.
Auch auf den Regiesesseln sitzen oft noch die Größen von früher. Der notorische Vielarbeiter Wong Jing, seit Jahrzehnten dabei, schüttelt eine Trilogie wie From Vegas to Macau offenbar mühelos aus dem Ärmel, Benny Chan, ein alter Spezi des nicht verwandten Jackie Chan, hat mit Call of Heroes (2016) „seinen besten Film seit Jahren“ abgeliefert, wie die renommierte und dem lokalen Filmschaffen gegenüber traditionell kritische „South China Morning Post“ in ihrem Jahresrückblick feststellte. Ein anderer erfolgreicher Action-Kracher des Jahres 2016, Operation Mekong, stammt von Dante Lam, der 1998 mit Beast Cops reüssiert hatte. Namensvetter Ringo Lam, seinerzeit neben John Woo der einflussreichste Action-Regisseur Hongkongs, von dem Quentin Tarantino eingestandenermaßen für Reservoir Dogs reichlich geklaut hatte, stellte 2016 seinen von der Kritik allerdings arg zerzausten Sky on Fire fertig, und Wilson Yip dreht gerade den vierten Teil seiner Ip-Man-Saga, wieder mit Donnie Yen. Und ohne Tsui Hark – siehe weiter oben –, der sein Regiedebüt 1979 (!) mit The Butterfly Murders gegeben hatte, geht in Hongkongs Filmindustrie sowieso (noch immer) nichts.
Chinesische Superlative
Fast alle größeren Filme werden in Ko-Produktion mit festlandchinesischen Firmen hergestellt – wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass selbst höher budgetierte Hollywood-Filme kaum noch ohne Unterstützung aus dem Fernen Osten auskommen. Laut Wellington Fung haben prominente Filmschaffende aus Hongkong wie Tsui Hark, Jackie Chan oder die Regisseurin Ann Hui längst Büros in Beijing eröffnet: Eine Großproduktion wie Tsui Harks 3D-Kriegsabenteuer The Taking of Tiger Mountain (2014) mit Produktionskosten um die 70 Millionen US-Dollar sei eben nur mit chinesischem Geld und chinesischen Kasseneinnahmen (re)finanzierbar, sagt Fung. Mit 110 Millionen US-Dollar in den ersten beiden Wochen gelang das The Taking of Tiger Mountain fulminant. Längst beobachten auch die einflussreichen US-Branchenmagazine wie „Variety“ den volkschinesischen Markt und die dortigen Einspielergebnisse mit Argusaugen. Kein Wunder: China weist immer noch – als einer der wenigen Kinomärkte weltweit – spektakuläre Wachtstumszahlen auf. Allein im Jänner 2017 stiegen die Kinoeinnahmen in der Volksrepublik im Vergleich zum Vorjahr um unglaubliche 27 Prozent auf 4,9 Millarden Renminbi (RMB), das sind mehr als 711 Millionen US-Dollar und damit nahezu doppelt so viel wie noch im Jänner 2015.
Tsui Harks schon erwähnter Journey to the West erklomm – wie wohl erst am 28. Jänner (!) gestartet – mit 927 Millionen RMB (134 Millionen US-Dollar) die Spitze der Monats-Charts und übertraf dabei Rogue One: A Star Wars Story (Platz 4, 477 Millionen RMB, Start 6. Jänner) fast um das Doppelte. Ansonsten findet sich mit Passengers (309 Millionen RMB) auf Platz 6 nur noch eine Hollywood-Produktion in den Top Ten, der Rest sind alles lokale Filme bzw. Ko-Produktionen mit Hongkong. Zhang Yimous China-US-Produktion The Great Wall belegt mit vergleichsweise müden 189 Millionen RMB (27,4 Millionen US-Dollar) nur den zehnten Platz. Ähnlich fulminante Zahlen finden sich in den Jahrescharts für 2016, allen voran die, dass die Ko-Produktionen zwischen Hongkong und China ihre Einspielergebnisse in der Volksrepublik – trotz geringerer Stückzahl (29 im Jahr 2016, 35 im Jahr 2015) mehr als verdoppeln konnten. Die britische Marktforschungsfirma IHS-Markit errechnete, dass der chinesische Kinomarkt im September 2016 erstmals den US-amerikanischen an Volumen (Besucherzahlen und Einnahmen) übertraf. Laut IHS-Markit wies China Ende September 39.194 Screens auf, verglichen mit 40.475 in den USA. Beim aktuellen Tempo, mit dem Leinwände in China eröffnet werden (27 pro Tag, oder mehr als 7.500 von Jänner bis September 2016) liegt die Volksrepublik wohl auch bei der Zahl der Leinwände mittlerweile voran.
Dominic Yip, General Manager von Filmko Productions und ebenfalls langgedienter Angehöriger der Industrie, ist u.a. mitverantwortlich für die beiden Blockbuster Monkey King und Monkey King 2 (2014 und 2016) – inszeniert von Ex-Viennale-Tribute-Gast Soi Cheang. Auch Yip weiß von Rekorden zu berichten: Nicht nur hätten die beiden Filme, deren zweiter auch in den USA startete, zusammen annähernd 400 Millionen US-Dollar eingespielt, sie hätten auch ein für China beispielloses Ergebnis beim – bis dahin eher weniger üblichen – Merchandising (Jacken, Mützen, Gläser, Tassen, usw.) gezeitigt: „Wir haben ungeheure Mengen produziert“, sagt Yip, „aber nach wenigen Tagen war alles restlos ausverkauft. Wir kamen mit der Produktion einfach nicht nach. Noch heute müssen wir tagtäglich Leute vertrösten, die uns bestürmen, ob es verschiedene Objekte nicht doch noch gäbe.“ Bei Monkey King 3, dessen Starttermin mit 16. Februar 2018 (Frühlingsfest) schon feststeht, werde das nicht mehr passieren.
Full House
Es ist nach dem Gesagten fast selbstverständlich, dass man in Hongkongs Filmbusiness, aber beileibe nicht nur dort, wie gebannt in Richtung China starrt. Als hätte es dafür noch eines Beweises bedurft, platzte der diesjährige Hong Kong Filmart (ein Kunstwort für „Film and TV Market“), der von 13. bis 16. März im durchaus großzügig angelegten Hong Kong Convention and Exhibition Centre stattfand, aus allen Nähten. 815 Aussteller aus 35 Ländern, davon allein 223 aus der Volksrepublik, sorgten für volles Haus und für rege Geschäftigkeit auf allen Ebenen. Der Filmart, das nur nebenbei, ist aber nur ein Teil der sogenannten Hong Kong Entertainment Expo, die vom Hong Kong Trade Development Council veranstaltet wird und sich über gut sechs Wochen zieht. Neben dem Filmart umfasst sie auch das Hong Kong-Asia Film Financing Forum, die Hong Kong Digital Entertainment Excellence Awards, das Hong Kong International Film Festival, die Hong Kong Film Awards, die IFPI Hong Kong Top Sales Music Awards, das Digital Entertainment Leadership Forum und die Hong Kong Independent Short Films and Video Awards.
Im Rahmen des Filmart fand unter anderem fand eine Reihe von Panel-Diskussionen statt, die nicht nur zum Bersten voll mit Zuhörern waren, sondern auch einige der Major Players im asiatischen Film- und Fernsehbusiness auf den Podien versammelten. Die Panels waren zwar mit Fragestellungen wie „What’s Next for the Chinese Film Market“, „New Opportunities in the Explosive Growth of Online Entertainment“ oder „Is the Internet a Challenge or Opportunity for the Show Business?“ eher banal betitelt, aber durchaus spannend, vor allem ersteres, das mit Schlüsselfiguren der chinesischen (Ko-)Produktionslandschaft besetzt war, darunter Jiang Defu, General Manager von Wanda Pictures, beteiligt u.a. an der Herstellung von Southpaw, Passengers oder dem aktuellen Schlümpfe-Film, oder Qin Hong, Vorsitzender von J.Q. (auch: Jike) Pictures und als solcher Produzent und Verleiher (u.a. des Animationsfilms Paddington, 2014). Einig war man sich – optimistisch – vor allem darin, dass der Gipfel des Booms in China noch lange nicht erreicht sei und dass der ungeheure Hunger nach neuen Stoffen eine Chance auch für junge Filmschaffende darstelle. Was ebenfalls in den Panels deutlich wurde, ist das die „klassische“ Filmproduktion und -verwertung zwar nicht unmittelbar aussterben werden, dass es aber darüber hinaus einen unfassbar großen Parallelmarkt gibt, von dem wir Europäer so gut wie gar keine Ahnung haben: Teilnehmer aus China, Hongkong, Japan, Thailand und von den Philippinen entwarfen Szenarien, die mit dem, was gemeinhin als „asiatischer Film“ – bekannt vor allem von Filmfestivals – gilt, längst nichts mehr zu tun haben: Da ging es um Game Shows, Casting Shows, Soaps und, natürlich, um Serien, Serien, Serien, deren Titel uns nichts sagen, die aber in Südostasien große Begeisterung entfachen.
Video on Demand, so heißt das Gebot der Stunde, und iQIYI heißt der größte Online-Stream-Anbieter in China, der durch seinen Vizepräsidenten Chen Xiao vertreten war. Die Zahlen sind schwindelerregend: 20 Millionen Abonnenten hat iQIYI oder 246 Millionen aktive User pro Monat. Allein der Online-Werbemarkt, glaubt man www.chinainternetwatch.com, wird im Jahre 2017 auf 354,6 Milliarden RMB (51,5 Milliarden US-Dollar) wachsen, das ist ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und dergleichen mehr. Zwar sitzen auch den asiatischen Anbietern Netflix und Amazon im Nacken, man glaubt aber, so war der Diskussion zu entnehmen, durch den „Heimvorteil“ und die Vorliebe des Publikums für lokale Produkte der Konkurrenz gewachsen zu sein. Zudem setze man, so Keiko Nawase vom japanischen Online-Anbieter Mytheater D.D., verstärkt auf Zusammenarbeit (etwa mit Thailand und Korea) und vertraue auf seine Vorzeigeprodukte: Anime-Filme und -Serien für jegliches Alter und jeden Geschmack.
Zieht man das alles in Betracht, wundert man sich auch nicht mehr, dass man in Beijing und Hongkong kaum noch DVDs vorfindet. In Hongkong, einst Paradies für Jäger und Sammler, muss man sie mit der Lupe suchen. Im großen Hong Kong Records-Laden ist lokalen Filmen ein sehr überschaubares Eckchen eingeräumt, bei europäischen und japanischen Filmen, meist mit chinesischen Untertiteln, ist die Lage etwas besser. In den großen Läden in Beijing erntet man hingegen vor allem erstauntes Augenbrauen-Hochziehen, nach dem Motto „Wer will denn heute noch so etwas?“ Und tatsächlich: Kauft man in China heute einen neuen Fernseher, hat man auf Abruf bereits so viele Filme zur Auswahl, dass man in zehn Jahren nicht damit fertig wird.
Ausblick
Zurück nach Hongkong, zurück in die Zukunft. Wohin wird die Reise für das Hongkong-Kino gehen, das einmal weltweit für seine Eigenständigkeit und seine forsche Hands-on-Mentalität berühmt war? Roger Garcia meint, zumindest der Jahrgang 2016 – alljährlich präsentiert sein Festival in der Reihe „Hong Kong Panorama“ die Spitzen der Jahresproduktion – lasse ihn durchaus optimistisch in die Zukunft blicken: „Filme wie Trivisa, Mad World oder Soul Mate stammen allesamt von jungen Leuten und zeigen ein waches Interesse für das soziopolitische Klima Hongkongs, aber auch eine ungeheure Liebe zum Kino.“
Erstaunlich ist vor allem die Bandbreite dieser drei Filme, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Trivisa von Frank Hui, Jevons Au und Vicky Wong ist eine von Altmeister Johnnie To produzierte Hommage an den Hongkong-Gangsterfilm der achtziger und neunziger Jahre mit einem ziemlich vertrackten Plot und basiert lose auf den Lebensgeschichten dreier realer Hongkong-Mobster. Der internationale Titel bezieht sich auf das Sanskrit-Wort für die „drei ungesunden Wurzeln“ Gier, Zorn und Unehrlichkeit. Bei den Hong Kong Film Awards im April wurde Trivisa u.a. als bester Film und für das beste Drehbuch ausgezeichnet – eine weitere große Würdigung nach mehreren internationalen Preisen. Mad World stammt von Wong Chun, der dafür bei den Hong Kong Film Awards als „Best New Director“ ausgezeichnet wurde und erzählt eine bewegende Geschichte über einen ehemaligen Börsenmakler, der nach einem Zusammenbruch einige Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte und nun entlassen wird. Er muss nun mit seinem Vater zusammenleben, wovon beide nicht wirklich begeistert sind. Soul Mate schließlich von Derek Tsang, der bisher vor allem als Schauspieler in Erscheinung trat, ist ein amüsantes Drama über die Freundschaft zwischen zwei Frauen, die einander schon seit ihrer Jugend kennen. Die beiden Hauptdarstellerinnen Zhou Dongyu und Ma Sichun wurden bei den Golden Horse Awards in Taipei im November 2016 ex aequo als beste Schauspielerinnen ausgezeichnet. In Hongkong gewann der Film zwar den Preis für die beste Filmmusik, die zahlreichen weiteren Nominierungen blieben allerdings unbelohnt. „Das sind Geschichten, die die Menschen in Hongkong heute interessieren“, sagt Roger Garcia. „Und solange wir solche Filme produzieren, muss man um das Hongkong-Kino nicht fürchten.“
