Im Horrorfilm wird der Körper zum Kriegsschauplatz.
Es gibt kaum ein filmisches Genre, in dem der menschliche Körper derart massiven Angriffen ausgesetzt ist, wie das des Horrors. Freilich, auch der Kriegsfilm kennt Zerfetzen, Verstümmeln und In-seine-Bestandteile-Auflösen, Western, Gangster- und Actionfilme wären nichts ohne Handgreiflichkeiten und Body Count – und doch handelt der Horrorfilm, das wird jeder bestätigen können, der jemals einen Slasher-, Splatter- oder Zombiefilm, einen Folterporno, einen Grusel-, Geister- oder Monsterfilm gesehen hat, auf wesentlich unmittelbarere Weise von der Bedrohung des Körpers. Der Körper ist jener Ort, an dem der Konflikt mit dem in die Filmwirklichkeit hereinbrechenden Phantastischen/Irrationalen/Anderen ausgetragen wird. Er ist das Zentrum des Grauens und der Fluchtpunkt der im Horrorfilm-Genre geführten Diskurse.
Mit Unheimliche Inskriptionen. Eine Studie zu Körperbildern im postklassischen Horrorfilm hat die freie Journalistin Catherine Shelton ihre Dissertation an der Uni Köln vorgelegt. Es handelt sich bei diesem Buch also um eine akademischem Duktus und wissenschaftlichen Regeln unterworfene Publikation, deren erstes Ziel nicht die Unterhaltung des Lesers, sondern die umfassende Bearbeitung des Themenfeldes ist. Kein einziges Bild des Schreckens unterbricht das Grauen der Bleiwüste, die sich über 350 eng bedruckte Seiten und 900 noch enger gedruckte Fußnoten erstreckt. Doch wer sich hinein wagt ins weite Feld, wird belohnt mit einer schier unübersehbaren Sammlung kulturhistorischer Denkansätze, die zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Interpretation von Horrorfilmen bereithalten.
Die Fülle des Materials bändigt Shelton mittels klarer und logischer Gliederung: Auf die Klärung der Begriffe „Körper“ und „Horrorfilm“ folgt die Erörterung der im postklassischen Horrorfilm (den die Autorin mit den späten Sechziger Jahren beginnen lässt) zentralen Körperbild-Kategorien, als da wären: der monströse, der kranke, der tote, der offene und zerstückelte Körper. „In der spezifischen Körperlichkeit, die der Horrorfilm präsentiert, scheint das beunruhigende Potenzial auf, das aus einer Erschütterung und/oder Krise von kulturell etablierten und vornehmlich als binär oder oppositionell gedachten Kategorien erwächst.“ Was sich hier eher trocken als banale Erkenntnis liest, gewinnt schnell an Brisanz, wenn man Vampire und Zombies mit einem gesellschaftlichen Seuchendiskurs kurz schließt, wenn man monströse Tiermenschen ins Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur setzt, und wenn man Splatterorgien vor dem Hintergrund der Dichotomie von positiv besetztem Äußeren und ekelerregend vorgestelltem Inneren betrachtet. Das Fremde und Andere, das in den Körperbildern des Horrorfilms sichtbar wird, ist laut Shelton „ein (kategorial) unbestimmtes und unbestimmbares Element, das die bestehenden Strukturen und Ordnungen destabilisiert, verwirft und bedroht. Als solches kann es auch als seismografische Aufzeichnung sozialer und kultureller Spannungen und Konflikte gelesen werden“. Womit einmal mehr das Potenzial gesellschaftlicher Relevanz behauptet wäre, das diesem oft so leichtfertig verachteten Genre innewohnt.
