Horrorfilm – Schöner Schrecken

Schöner Schrecken

| Michael Pekler |

Der Taschen Verlag hat hundert Jahre Horrorfilm in aller Kühle aufbereitet.

„Horror ist das Gegenwärtige, die Vergegenwärtigung.“ Mit einer axiomatischen Definition beginnt dieses Buch. Im Gegensatz zum Terror, der seine beängstigende Macht aus dem Ungewissen nähre, würde der Horror seine Kraft aus Tatsachen beziehen. Denn wenn man dem Schrecken endlich ins Auge sieht, ist es meist zu spät.

Auf weitere Ursachenforschung lässt man sich in Horror Cinema zwar nicht ein, doch dafür wäre ohnehin kein Platz: Erschienen im für seine glänzenden Coffee Table-Ausgaben bekannten Taschen Verlag, legt der Band sein Augenmerk ganz auf das, was den Schrecken ausmachen soll: das Sehen. Womit es in der Folge auch ganz um Veranschaulichung geht, um den Moment des Wahrnehmens ausgewählter Bilder.

Nach einem kurzen historischen Abriss, der den Horror als Filmgenre in den englischen Schauerromanen verwurzelt sieht und sich durch die Jahrzehnte vorarbeitet, um die diversen gesellschaftlichen, politischen oder psychologischen  Einflüsse oberflächlich zu streifen („vor dem Hintergrund des Kalten Krieges“), bereiten zehn Kapitel das Genre thematisch geordnet auf. Das hat seine Vorteile: Keine geschlossene Chronologie zu illustrieren, bedeutet nämlich einerseits, neben John Carpenters Halloween nicht Ridley Scotts Alien platzieren zu müssen, andererseits verwandte Filme – seien es solche über Vampire, Monster oder Kannibalen – optisch zu bündeln. Nun könnte man an dieser Stelle über die passende Auswahl der Motive, die Einteilung in Kapitel wie „Slasher und Serienmörder“, „Geister und Spukhäuser“, „Ungeheuer in Frauengestalt“ oder auch den jovialen Tonfall der Texte berichten, doch interessanter an diesem Buch ist die Art, wie der Horror hier zur buchstäblich schönen Sache wird:

Natürlich ist die weiße Schrift auf schwarzem Papier bei Taschen Programm, und mit ganzseitigen Aufnahmen – wie einem Werbefoto aus Dracula (1931), auf dem Béla Lugosi Frances Dade mit seinem ebenfalls schwarzen Cape umschließt – ergibt das die sogenannte Augenweide. Doch gerade diese Sinnenfreude an der Opulenz verlangt förmlich nach einer bestimmten Kategorie von ikonografischen Bildern vornehmlich in Schwarzweiß: ein Standbild aus Benjamin Christensens viel gerühmtem – aber im Text leider unerwähnten – Häxan (1922), mit dem Regisseur in der Rolle des Teufels, fällt etwa in diese Kategorie; die doppelseitige Aufnahme der Silhouette von Max von Sydow in The Exorcist (1973) vor dem Haus des Dämons; oder das einsame Monster Boris Karloff aus
Frankenstein (1931) im expressionistischen Gefängnis. Dass dieser Umstand den Herausgebern bewusst war, sieht man nicht nur am übermäßigen Anteil derart kanonisiert-klassischer Bilder (mit dem grinsenden Nicholson aus Shining am Cover), sondern auch daran, dass vielen Farbfilmen – darunter Orgien wie Dario Argentos Suspiria (1978) oder Masaki Kobayashi Kwaidan (1964) – ihre bunte Strahlkraft entzogen wurde.

So läuft man in Horror Cinema am Ende Gefahr, dass man im schönen Schrecken schöner wohnt. Denn was glänzt, bleibt immer kühl – aber das gilt nicht nur für den Horrorfilm.