Wahn und Wirklichkeit in der Wiener Vorstadt
Irgendjemand hat einmal bestimmt, was „normal“ ist in unserer gestörten Welt. Pia (Luisa-Céline Gaffron) dagegen ist schon immer eher angeeckt, bis sie selbst die Kontrolle verlor, erst im Kopf, dann im Leben. Plötzlich bestimmten Höllenängste und Panikattacken ihren Alltag. Nach einer Weile in stationärer Behandlung soll sie nun wieder heraus aus der Isolation, um neuen Anschluss zu finden. Doch ihre Umgebung erscheint ihr auch nach dem Aufenthalt im Spital genauso fremd, krass und unwirtlich wie zuvor.
Um fürs Erste „draußen“ wieder klarzukommen, zieht die studierte Grafikdesignerin zurück zu ihrer Familie an den Stadtrand von Wien. Im Gepäck hat sie einen gefährlich wirksamen Cocktail aus Antidepressiva mit heftigen Nebenwirkungen. Aber selbst die Pillen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Haussegen schief hängt. Empathie war noch nie die Stärke ihrer Eltern. Obendrein haben sowohl Mutter Elfie als auch Vater Klaus genug mit sich und ihrer brüchigen Beziehung zu kämpfen. Dazu kommt die Scham, die Pias psychische Erkrankung in ihnen auslöst.
Pias alter Freundeskreis begegnet ihr ähnlich skeptisch. Am härtesten trifft sie, dass ihr Ex Joni (Felix Pöchhacker) mittlerweile eine Neue hat. Doch dann lernt Pia den Engländer Ned (Wesley Joseph Byrne) kennen, der zumindest keine Vergleiche zu ihrem früheren Ich anstellt und sie vielleicht wirklich so mag, wie sie ist. Die Vorstellung gibt Pia Halt in den Momenten, in denen sie keine Haut mehr zwischen sich und der Welt spürt. Manchmal ist da einfach kein Filter, denkt sie, nur der ganz normale Wahnsinn. Familienterror, Fressattacken und Fake News.
Florian Pochlatko weiß genau, wie sich das anfühlt. Er litt selbst an einer krankhaften Angststörung. Sein Regiedebüt ist einerseits ein kühner Versuch, der Erinnerung an das Erlebte Herr zu werden. Zum anderen beschäftigt den 1986 in Graz geborenen Regisseur, wie wir unsere Gesellschaft im digitalen Zeitalter ganz allgemein wahrnehmen: „Plötzlich muss man abwägen, wem man was glaubt – und ob man eigentlich noch sich selbst vertraut.“
Seinem kreativen Bewusstsein hat die zunehmende soziale Orientierungslosigkeit nicht geschadet. How to Be Normal sprüht vor Energie, Ambitionen und popkulturellen Referenzen, als gäbe es für Pochlatko nur diese eine Gelegenheit, sich künstlerisch Luft zu verschaffen. Besonders gelungen ist dabei die Montage, wie sich die Bilder immer wieder unfreiwillig an Pias erratische Gedankensprüngen anpassen. Und was der Geschichte mitunter an Tiefe fehlt, gleicht das Drehbuch mit pointierter Situationskomik geschickt aus.
