Andreas Steinhöfel ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Drei seiner Bücher wurden verfilmt – „Es ist ein Elch entsprungen“ sogar zweimal. Mit der niederländischen Version Mitten in der Winternacht wird das 26. Internationale Kinderfilmfestival in Wien eröffnet. Dies ist die lange Version des Gesprächs mit Andreas Steinhöfel, das im ray-Sonderheft zum Kinderfilmfestival in einer Kurzfassung zu lesen ist.
Ihre Texte wirken in gewisser Weise sehr filmisch. Hat das Kino eine Bedeutung für Ihr Schreiben?
Ich habe schon immer bewundert, wie Geschichten erzählt werden. Das fing mit den Märchen an, die ich als Kind gelesen habe. Ich habe gedacht „Jetzt passiert das und jetzt passiert das und jetzt passiert das“ – und als das erste Mal etwas nicht mehr an der Stelle passiert ist, wo es sollte, bin ich fast ohnmächtig geworden vor Begeisterung. Da haben sich auf einmal völlig neue Welten eröffnet. Das hat später dann das Kino geschafft. Filme haben mir die Gesetzmäßigkeiten des Erzählens aufgezeigt. Ich habe auch mal Film- und Fernsehwissenschaften studiert und eine Aufnahmeprüfung an einer Filmschule gemacht. Da musste man eine kleine Dialogsequenz schreiben, die Vorgabe war: Bettina von Arnim sitzt mit Clemens Bretano in so einem Turm in Hessen, und beide gucken runter auf das von der Revolution verwüstete Land. Da habe ich dann auf das Deckblatt geschrieben: „Entschuldigung, aber so einen Scheiß schaut sich im Kino keiner an“. Ich dachte, wenn die schon so anfangen, dann will ich da überhaupt nicht hin.
Schauen Sie sich denn die Verfilmungen Ihrer eigenen Bücher an? Und falls ja, mit welcher Erwartung?
Ich habe da schon Schiss, dass das alles in die Hose geht, und bin inzwischen eher vorsichtig geworden.
Drei Ihrer Bücher sind Filmvorlagen geworden, „Paul Vier und die Schröders“, „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und die sehr berührende Weihnachtsgeschichte „Es ist ein Elch entsprungen“. Das Elch-Buch ist zweimal verfilmt worden, einmal 2005 in Deutschland unter dem Titel der Buchvorlage und jetzt erneut mit dem Titel Mitten in der Winternacht, ein niederländischer Film. Sie haben mal gesagt, dass Ihnen dieses Buch aus persönlichen Gründen sehr wichtig ist. Waren Sie mit der ersten Verfilmung zufrieden?
Ich war enttäuscht. Als Autor der Vorlage halte ich mich bei den Filmen eigentlich eher zurück. Bei der ersten Verfilmung von „Es ist ein Elch entsprungen“ war aber das Problem, dass ich selber das Drehbuch verfasst hatte – nur, dass dieses Drehbuch nicht verfilmt wurde. Die haben das Skript an irgendwelche Autoren gegeben, das wurde dann komplett umgeschrieben. Das Grundgerüst, das die ganze Geschichte zusammenhält, ist eine Vatersuche. Der kleine Junge, um den es im Buch geht, sehnt sich nach seinem Vater, die Eltern sind frisch geschieden. Der Elch ist Vaterersatz und bleibt das so lange, bis er dem Jungen das Versprechen gibt, der Weihnachtsmann, der kümmert sich darum. Das Letzte, was der Junge in meinem Text hört, ist das Telefonat zwischen Mutter und Vater und dass Papa vielleicht nach Hause kommt. Mehr gibt es nicht an Versprechen, allzu weihnachtlich wollte ich es dann auch nicht machen. Im Film dagegen sind die Eltern nicht geschieden, der beginnt am Nordpol, wo der Vater über die Weihnachtsfeiertage arbeiten muss, auf der Suche nach Moosen und Flechten gegen den Welthunger. Ich saß in der Premiere und habe nach fünf Minuten angefangen zu heulen.
Und am Schluss des Films beamt der Weihnachtsmann den Vater vom Nordpol wieder zurück nach Hause.
Das habe ich dann schon gar nicht mehr mitgekriegt (lacht). Ich bin vorher abgehauen und habe die Produzenten später ziemlich heftig angegangen. Das war nicht schön. Ich habe nur gedacht, es kann doch nicht wahr sein, dass intelligente Menschen die psychologische Prämisse nicht raffen, die die ganze Geschichte ausmacht. Die nächste Crux, fast genauso schlimm: Alles, was im Buch an Aggression in diesem Jungen steckt, wurde im Film ausgelagert auf drei böse Jungs. Dann bleibt ein kleiner lieber Junge als Hauptfigur, der einem großen lieben Elch begegnet. Wer will denn so etwas sehen? Gut, das wollten dann viele sehen, der Film ist sehr beliebt bei Kindern, ich frage hin und wieder nach. Man kann also nicht sagen, dass der nicht funktioniert, aber für mich funktioniert er nicht. Ich hasse es, wenn ein Kinderfilm pädagogisch wird oder mit so weichen Bandagen daherkommt.
Hatten Sie mit der Neuverfilmung „Mitten in der Winternacht“ etwas zu tun, die jetzt auf dem Kinderfilmfestival läuft?
Ich saß mit Leontine Petit, der Chefin von (der Produktionsfirma) Lemming Film in der Kinderfilm-Jury bei der Berlinale. Die kannte den deutschen Elch-Film, und ich habe mich gefreut, dass da endlich mal jemand ist, der den auch so scheiße findet (lacht). Und sie hat dann gesagt, „Ach, weißt du was, dann mache ich den neu“.
Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Viel zufriedener als mit dem ersten Film. Die bösen Jungs sind noch drin, das hat mir nicht gefallen. Und der Elch war mir am Anfang zu flapsig. Nachher habe ich mich dann aber gekringelt vor Lachen. Das ist eine komplett neue Figur geworden. Im Buch redet der eher elegisch, der Filmelch in Mitten in der Winternacht ist im positiven Sinne eine Lachnummer. Und das Ende ist nun ähnlich ambivalent wie im Buch.
In Ihren Geschichten fehlen oft die Väter, es gibt irreparable Verluste. In „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ etwa lässt sich Oskar entführen, um herauszufinden, ob sein Vater das Lösegeld zahlen würde. Und der zahlt nicht. Worauf ich hinauswill: Machen Sie sich beim Schreiben Gedanken darüber, ob Ihre Geschichten kindgerecht sind?
Ja, das hat eine große Bedeutung. Ich habe aber kein Problem damit, den Kindern Grausamkeiten zuzumuten, solange sich das am Ende positiv auflösen lässt. Kinder mögen es total, in einer Erzählung aufgehoben zu sein und von ihr getragen zu werden. Wenn die Geschichte gut endet, kannst du sie vorher aber schon mal ein bisschen durch die Hölle schicken. Und viele Kinder kennen die Hölle, da darf man sich nichts vormachen. Es gibt keine Kindheit ohne Verletzungen. Jedes Kind, das einen Anschiss bekommt, fühlt sich sofort verstoßen von den Eltern. Das ist in der Oskar-Figur ja nur überhöht, sein Vater ist so mit sich selbst beschäftigt, dass er ihn überhaupt nicht wahrnimmt. Literatur verstehe ich zwar nicht als Lebenshilfe, aber schon als Identifikationshilfe, und einem Kind das Gefühl zu geben, du bist nicht allein mit dem Gefühl, dass dein Papa ein Arschloch ist, das ist schon ganz gut.
Fatalismus wäre dann ein Indikator für ein Buch, das für Kinder nicht geeignet ist.
Ja. In „Trügerische Stille“ habe ich einmal den Fehler gemacht, die Handlung abzubrechen an einer Stelle, an der unklar ist, wie es weitergeht und ob es für das misshandelte Mädchen eine Hoffnung gibt. Das mögen Kinder gar nicht, die lesen nicht 140 Seiten, um dann vor so einem Ende zu stehen. Meine Idee war, dann sollen die sich selbst ’nen Kopp machen. Das machen die aber nicht. Die sind dann nur konsterniert und schreiben mir Hassbriefe (lacht). Das war der Auslöser, nach dem ich angefangen habe, besser aufzupassen.
In der deutschen Kinder- und Jugendliteratur der Achtzigerjahre wurde in dieser Hinsicht nicht immer aufgepasst. Ich habe vor Kurzem noch einmal in Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ von 1987 reingeschaut, eine Geschichte über einen atomaren Ernstfall, die überhaupt nicht gut ausgeht.
„Die Wolke“ ist mein liebstes Beispiel dafür, was man nicht machen darf. Das Buch ist sehr, sehr gut geschrieben und erreicht genau, was es will – das ist aber nicht das, was es soll. Du darfst um Gottes willen kein Kind oder keinen Jugendlichen mit dieser Machtlosigkeit alleinlassen, das grenzt eigentlich schon an Körperverletzung. „Die Wolke“ ist ein völliger Griff ins Klo, und ich verstehe nicht, warum das Ding an Schulen noch immer gelesen wird. Wer sich einigermaßen mit Kindern auskennt, sollte von so was die Finger lassen.
In vielen Ihrer Texte spielen Figuren die Hauptrolle, die ohne eigenes Zutun an den Rand gedrängt worden sind: Rico ist ein ADHS-Kind, Phil in „Die Mitte der Welt“ ist schwul und lebt auf dem Dorf. Können Sie sagen, woher diese Vorliebe für Außenseiterfiguren kommt? Ist das eine bewusste Entscheidung?
Die Entscheidung ist auch ein bisschen biografisch gefärbt. Ich habe mit meiner Familie auch im Wald gewohnt, wie Phil, und ich war lange Zeit unterdrückt schwul. Das Autobiografische ist aber der geringste Anteil, das ist hauptsächlich eine dramaturgische Frage. Ab und zu kommen Briefe von Kindern, wohlgemerkt immer im Klassensatz geschrieben, da sieht man dann den Deutschlehrer hinter stehen: „Warum sind denn Ihre Figuren nicht normal?“ Ich schreib dann zurück, „Wie normal hättest du es denn gerne? Soll ich zweihundert Seiten lang den Einkauf bei Lidl beschreiben?“. Da ist noch kein Verständnis dafür da, dass Geschichten von Konflikten leben. Konflikte entstehen einfacher, wenn du eine Außenseiterfigur hast. In „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ wird dieses dramaturgische Gefälle zwischen Umgebung und Figur ja ganz offensichtlich.
Wie haben Sie denn die Verfilmung von „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ wahrgenommen? Ist das noch Ihr Text, oder ist da in der Übertragung in Ihren Augen etwas Neues entstanden?
Ich hätte die Möglichkeit gehabt, am Drehbuch mitzuschreiben, habe das aber abgelehnt. Einmal aus Zeitgründen, aber auch, weil mir nicht eingefallen ist, wie ich Ricos „Behinderung“ visualisieren würde. Im März habe ich dann den Rohschnitt bekommen und war total glücklich. Ich bin jetzt nicht so der Fan von Wackelkameras, aber in diesem Fall hat (die Regisseurin) Neele Vollmar die wirklich sinnvoll eingesetzt. Man weiß sofort, man befindet sich in der physischen Erfahrungswelt von Rico, wie er sieht und wie er hört. Und was ich genial fand, war die Idee, ihm diesen kleinen Rekorder zu verpassen – eine Off-Stimme, die keine wirkliche Off-Stimme ist. Wo ich mich sofort in den Film verliebt habe, ist die Szene relativ am Anfang, in der Ricos Mama ihm ein Lied vorsingt. Sie muss nachts arbeiten, er ist allein und zieht sich die Decke über den Kopf, holt den Rekorder raus und spielt ihr Gute-Nacht-Lied, das er mitgeschnitten hat. Die Kamera filmt das Ganze aus der Aufsicht und zieht dann hoch – da ist mir wirklich fast das Herz gebrochen. Das war das Bild für den emotionalen Kern dieser Mutter-Sohn-Beziehung, da war dann mit einem Mal die Tiefe drin. Ab dem Moment wusste ich, der Film wird klasse.
Arbeiten Sie am zweiten Teil mit, der 2015 in die Kinos kommen soll?
Ich habe ein bisschen Bammel, dass der zu witzig wird, da sickert schon so durch, dass der mehr auf die Komik-Ebene geht. Den macht auch ein anderer Regisseur. Es wird aber auch einen dritten Teil geben, das ging zwischen Nele und mir immer so etwas flapsig hin und her, sie meinte „Wenn ich wüsste, dass du den dritten schreibst, würde ich auch wieder Regie machen“. Und ich meinte, „Wenn du Regie machst, dann schreibe ich das Buch“. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Drehbuchautor für den dritten war vertraglich schon fest eingestellt, aber Nele und ich begleiten das Treamtent. Der Autor Martin Gypkens ist super, der hat richtig gute Arbeit geleistet, man muss fürs Kino ja erheblich Figurenpersonal reduzieren, und das dritte Buch ist dicker als die anderen beiden. Der hat dann sehr sinnfällig die Rollen, die frei wurden, anderen Figuren zugeordnet. Da war ich schwer beeindruckt. Von daher habe ich Hoffnung, falls der zweite Teil daneben geht, kann der dritte es dann wieder rausreißen.
Sowohl im Roman wie auch im Film bedienen sich die Figuren einer sehr direkten Sprache, das ist ungewöhnlich für deutschsprachige Kinderbücher. „Wenn du lauscht, versteigere ich dich bei ebay!“, sagt die Mutter im „Tieferschatten“-Buch zu Rico. In Ihrem Roman „Die Mitte der Welt“ fällt relativ am Anfang das Wort „Drecksfotze“, wobei der Held da noch gar nicht weiß, was das bedeuten soll. Gab es schon einmal Beschwerde von Eltern oder Lehrern?
Extrem selten. Es kommt vielleicht ein Brief pro Jahr, in dem ein Erwachsener seine Missbilligung darüber ausdrückt. Warum soll man verklemmt um die Schimpfwörter herumschreiben, wenn das Kind dann gleich nach der Lesung in die Pause rennt und siebzehnmal „Scheiße“, „Wichser“ und „schwul“ brüllt? Das machen ja schon Fünftklässler, warum soll ich das dann nicht in die Bücher bringen? Bei Lesungen in Schulen ist das ganz interessant, da gucken die Kinder dann teilweise zu den Lehrern und schauen, ob sie jetzt lachen dürfen. Es ist offenbar noch etwas Besonderes, was ich eigentlich komisch finde.
A propos Direktheit: Sie haben einmal einem Schüler, der bei einer Ihrer Lesungen in einer Schule gestört hat, gesagt, wenn er so weitermacht, müssten Sie runterkommen und ihm die Finger brechen. Das kam wahrscheinlich nicht so gut an.
„Finger amputieren“ habe ich gesagt. Eine der anwesenden Lehrerinnen hat sich sehr beschwert. Ich mach das aber immer mit Ansage. Faktisch war es so, dass ich zuerst extrem höflich darum gebeten hatte, dass der das Getrommel bitte unterlässt, einmal wegen des Vorlesenden und einmal wegen seiner fünfzig Mitschüler, die da saßen und nichts mehr gehört haben. Das hat den aber überhaupt nicht interessiert. Da habe ich den runtergeputzt, das ging ganz schnell, und er hat dann auch mit dem Getrommel aufgehört. Das sind die nicht mehr gewöhnt, dass sie einer scharf anredet. Funktioniert aber super. Danach habe ich noch mal nachgefragt, „Sag mal, was hast du denn gedacht? Dass ich nichts mache? Ich bin kein Lehrer, ich kann dich auch rauswerfen.“
Kommt so etwas häufiger vor?
Das Schärfste war mal eine 14-Jährige, die hat mir erzählt, ich dürfte sie überhaupt nicht rausschmeißen, dann sei sie nämlich nicht versichert. Und ich meinte, „Gut, dann läufst du halt unversichert vor den Bus. Hauptsache, du stirbst“. Das Mädchen habe ich dann witzigerweise auf dem Rückweg im Zug wieder getroffen. Die kam dann tatsächlich und hat sich entschuldigt, was ich extrem mutig von ihr fand, total toll. Es täte ihr so leid, sie wüsste gar nicht, was sie da immer reiten würde, im Deutschunterricht würde sie das auch machen. Und dann haben wir ein super Gespräch geführt, der Klassiker, der ging’s scheiße zu Hause, Schule fand sie kacke, mit Lesen hat sie nichts am Hut und so weiter. Und das weißt du natürlich, wenn du in so einer Situation da oben sitzt. Das Kind mit den Trommelfingern ist natürlich ’ne arme kleine Wutz. Aber ich bin in dem Moment eben auch eine arme Sau, ich muss da meinen Lebensunterhalt verdienen, und dieser kleine Trommelsack kommt mir dazwischen. Einer zieht dabei den Kürzeren, und das ist in der Regel das Kind.
Wahrscheinlich ist eine authentische Ansprache auch nicht unbedingt verletzend, wenn man merkt, dem Mann da vorne ist das wirklich wichtig, dem geht es nicht darum, mir eins reinzuwürgen.
Eben. Reinwürgen geht gar nicht. Ein Kind runtermachen, das verachte ich zutiefst. Ich habe nur ein Problem mit Erwachsenen, die sich schützen vor Konflikten, indem sie nichts machen, und das Kind steht dahinter und feixt. Das weiß, das hat einen Schutzraum, einfach weil es Kind ist, aber in Wirklichkeit ist es schon ein kleines Arschloch. Dem Kind möchte ich dann schon sagen dürfen, dass es ein Arschloch ist, und das mach ich auch. Das kommt bei Erwachsenen nicht immer gut an, aber es erfüllt seinen Zweck. Und es ist extrem selten. Wenn man vorher eine Ansage macht, dann geht das auch: „Ihr könnt während der Lesung schlafen, ihr könnt eigene Bücher schreiben, auf euren Smartphones texten, Spiele spielen. Aber haltet die Fresse, stört nicht meine Lesung, das ist asozial.“ Wer das nicht respektiert, der kriegt dann halt eine vor den Bug. Seitdem ich das mache, habe ich überhaupt keine Störungen mehr.
Vielleicht eilt Ihnen Ihr Ruf inzwischen auch voraus.
Ach, in der Regel läuft das super, und die Kids sind überhaupt nicht respekt- oder distanzlos, im Gegenteil. Die meisten sind extrem höflich, klug, bedacht und teilweise schlauer, als sie sein dürften in dem Alter. Aber die absolute Horrorstory habe ich bislang noch gar nicht erzählt. Da war ich an einer Brennpunkt-Schule eingeladen mit gefühlt 98 Prozent Migranten. In der ersten Reihe saßen Fünfzehnjährige mit Riesenbaggies und diesen bekloppten Basecaps auf dem Kopf, die nur so aufliegen, die sahen schon echt doof aus (lacht). Und bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, reißt der eine den Arm hoch, vorderste Reihe natürlich, und sagt: „Ey Alter, isch wollt mal fragen, wie das denn so, wenn man in den Arsch gefickt wird“. Normalerweise fällt einem die Replik auf so etwas ja erst abends im Bett ein, wenn man sich wieder abgeregt hat. In dem Fall war Gott aber gnädig und schickte mir sofort was: „Also, wenn du es jetzt vor der Lesung ganz dringend wissen musst, gehen wir beide schnell aufs Klo, aber wenn es für dich richtig schön sein soll, gehen wir nachher hinter die Turnhalle.“ Der ganze Saal lag flach, und der Typ hat mich zwei Stunden lang gehasst, mit so einem roten Kopf (lacht). Nach einer Stunde habe ich mir den dann noch einmal vorgenommen: „Ihr seid immer die, die schreien ‚Respekt‘ und ‚Ehre‘ und was weiß ich – und ich komme hierher als Gast, und du machst so was? Hast du kein Gehirn? Es geht nicht darum, dass du hier eine völlig bekloppte, aggressive Frage stellst, es geht darum, wie du dich generell Menschen gegenüber verhältst.“ Der hat mir ’ne Vorlage geliefert, da war ich dankbar dafür.
Haben Sie eigentlich den Eindruck, Kinder und Jugendliche seien im Vergleich zu früher respektloser geworden?
Nein. Das ist insofern respektloser geworden, als man denen heute mehr durchgehen lässt. Die Respektlosigkeit als solche war schon immer vorhanden, die wurde vielleicht nicht zum Ausdruck gebracht. Da geht es ganz stark um Abgrenzung, gerade vor pubertierenden Schülern. Die müssen immer zeigen, dass sie gerade die dickeren Eier haben. Da kann ich keinem Kind oder Jugendlichen einen Vorwurf machen, das ist einfach so. Die äußern das halt schneller als früher, und dann ist es schon geboten, etwas zu sagen. Ich war letztens auf einer Veranstaltung – nicht meine –, da sind die Kinder total durchgedreht, weil die mit dem Scheiß nichts anfangen konnten. Die hatten echt mein vollstes Verständnis, aber die haben fast die Hütte auseinandergenommen. Und über all dem schwebten wie volle Monde die Gesichter von ein paar Deutschlehrern und der Veranstalter, die das alles ganz super fanden, weil das ja so eine lustige Veranstaltung gewesen wäre. War es aber mitnichten, das war eine Katastrophe. Die verkaufen das als Erfolg, weil sie sich sonst ihr Scheitern eingestehen müssten.
Wenn man eine Filmvorführung in dieser Hinsicht mit einer Lesung vergleicht, ist der Film da ja klar im Vorteil. Egal wie bescheuert er ist, das Medium ist für Kinder und Jugendliche im Normalfall überwältigender als ein Text.
Film hat eine ganz andere Unmittelbarkeit. Neulich habe ich mir Godzilla angeschaut, die Neuverfilmung. Im Netz hatte ich Äußerungen gelesen wie „Langweilig“, „Geht gar nicht“ und „Man sieht das Vieh ja nur fünf Minuten“. Der Film ist sehr old school, was ich als Über-Fünfzigjähriger schon mag. Dann habe ich mir den letzten Transformers-Film angeguckt… Ich glaube, inzwischen wird Kino von Jugendlichen – nicht von Kindern – eher wie eine Droge wahrgenommen. Du setzt dich einem akustischen und optischen Dauerfeuerwerk aus und wirst bedröhnt. Die werden auf ein Erregungslevel geschossen, wo aber außer diesem visuellen Overkill eigentlich gar nichts stattfindet. Das ist schon traurig fürs Kino, das werden keine geduldigen Zuschauer. Die werden nie Hitchcock, Bergman oder Fellini gucken, das ist für die total langweilig.
Transformers funktioniert auch überhaupt nicht mehr als Erzählung, das ist was anderes.
Ich habe da immer das Bild einer Seifenblase vor Augen, die immer größer und größer wird, und man wartet darauf, dass irgendwas Tolles passiert, wenn die Seifenblase platzt. Das hängt wie ein Versprechen im Raum. Da kommt dann aber nichts mehr.
Der Film ist einerseits infantil …
Ja. Titten und Autos und Krach.
… andererseits aber auch eine sehr erwachsene Angelegenheit. Zumindest sehe ich da keinen Bezug zu einer jugendlichen Erfahrungswelt.
Einer der Attraktionspunkte dieser Filme für Jugendliche ist, dass sie sich vermeintlich ernst genommen fühlen: Wenn ich das jetzt wäre, dann hätte ich die Alte mit den dicken Titten und das fette Auto. Pubertäre Allmachtsphantasien spielen da schon mit rein. Ich würde solche Filme auch nicht in Bausch und Bogen verdammen. Je nach Zustand gucke ich mir auch gerne einen Film wie Transformers an. Meine Skepsis hat vielleicht auch mit dem Älterwerden zu tun. Ich weiß noch, als ich damals Aliens von James Cameron gesehen habe, der kam mir so wahnsinnig schnell vor. Das war damals für mich der Film des Jahrhunderts, von der Erzählstruktur und überhaupt vom Drehbuch her. Wenn man dann heute sieht, dann schnarcht man weg.
Sie haben einmal über ein Kind im Kino geschrieben: „Ende der Vorstellung, Lichter an. Ich blicke vorsichtig über die Schulter. Hinter mir sitzt das Dötzeken auf seinem Thron, die kleinen Hände auf den Knien, ein verklärtes Lächeln im Gesicht. Kann sein, das war’s mit der Angst vor der Dunkelheit, für immer.“ Kann das Kino Kindern die Angst nehmen? Oder pauschaler gefragt: Was kann das Kino für Kinder und Jugendliche leisten?
Das wird von Pädagogen meist nicht gern gehört, aber das Kino ist ein Fluchtraum. Ich habe nie verstanden, was an Eskapismus schlimm sein soll. Übel wird es nur dann, wenn Leute aus ihrer Fluchthaltung nicht mehr rauskommen – aber die sind dann eh ein Fall für den Therapeuten. Es gibt nichts Geileres, als sich einer Angstlust auszusetzen, daher auch meine Vorliebe für Horrorfilme. Sich in die Dunkelheit des Kinos zu begeben, in der irgendein Erzähler mit dir macht was er will, du bist im positiven Sinne hilflos ausgeliefert, willst es aber auch sein, und kommst ein bisschen verändert daraus hervor. Entweder angstfreier oder angstbesetzter, aber auch dann kannst du deine Angst hinterfragen, weil dir vorher vielleicht gar nicht so klar war, was da los ist. Film war für mich auch immer ein Mittel zur Selbsterkenntnis, wie jede Geschichte. Warum fühle ich mich, wie ich mich fühle, wenn ich das sehe? Und warum fühl ich bei anderen Sachen gar nichts? Das findet bei Kindern und Jugendlichen heute auch noch statt.
