Selten gehen Witz und Schmerz so gut zusammen wie in dieser kleinen US-Tragikomödie.
Der 43-jährige Texaner Alfonso Gomez-Rejon ist ein Spätberufener. Begonnen hat er als Assistent von Größen wie Martin Scorsese, Alejandro González Iñárritu und Robert De Niro. In seinem vorjährigen Kino-Erstling The Town That Dreaded Sundown, einem originellen Meta-Slasher (DVD-Tipp in „ray“ 11/15), machte sich seine Regie-Mitarbeit an der akklamierten Serie American Horror Story bemerkbar. Für den zweiten Kinofilm dagegen schöpft er aus seiner Erfahrung als Episodenregisseur der knallbunten Highschool-Musical-Comedy-Serie Glee, beweist darüber hinaus aber Gespür für einen scheinbar auserzählten Filmstoff und überrascht mit Trittsicherheit bei einer Gratwanderung. Das Zauberhafte daran: Eine tieftraurige Geschichte vermag Gomez-Rejon so leichthändig, humorvoll und zugleich fern von Trivialität zu erzählen, dass er eine enorme emotionale Fallhöhe aufbaut.
Me and Earl and the Dying Girl basiert auf dem gleichnamigen Debütroman und der eigenen Adaption des jungen Amerikaners Jesse Andrews. Der Ich-Erzähler heißt Greg (Thomas Mann), ein von altersüblichen Selbstzweifeln geplagter Außenseiter an der Highschool. Anstatt sich sozialen Schmähungen und Abfuhren begehrter Mitschülerinnen auszusetzen, frönt er lieber gemeinsam mit seinem Kumpel Earl (RJ Cyler) der nerdigen Passion, Videoparodien auf populäre Filme zu basteln (aus A Clockwork Orange wird z.B. „A Sockwork Orange“). Doch dann wird Greg von seiner Mutter genötigt, sich um ein sterbendes Mädchen zu kümmern. Und der Filmtitel führt, trotz gehäufter gegenteiliger Beteuerung Gregs aus dem Off, keineswegs in die Irre. Das Dying Girl reimt sich nicht bloß auf Earl, es wird an Blutkrebs sterben. Von fast allen Menschen seiner Umgebung und zunächst auch vom überforderten Greg wird es auf seinen nahenden Tod reduziert. Erst nach und nach erkennt Greg, dass es nicht nur ein sterbendes Mädchen ist, sondern zuvörderst ein witziges, kluges und zartfühlendes. Sie heißt Rachel, und die hoch begabte Olivia Cooke (in ihrer ersten US-Rolle beeindruckte die junge Britin in der Psycho-Prequel-Serie Bates Motel) verleiht ihr eine wackere Attitüde, hinter der subtil das Fragile durchscheint.
Aus vielen liebevollen Details strickt Me and Earl and the Dying Girl eine Textur der Ablenkung, die sein fehlendes Fangnetz am Ende umso deutlicher spürbar macht. Besser durchstehen als verdrängen, besser verlieren als nie haben: Was leicht die hundertste Coming-of-Age-Story eines komplexbeladenen Teenagers hätte werden können, erweist sich als berührendes Plädoyer für das Leben vor dem Tod.
