Aufschlussreiches Porträt einer einflussreichen Künstlerin
Von uns aus gesehen ist das Skandalöse am öffentlichen Leben der Hildegard Knef (1925–2002) kaum mehr nachvollziehbar. In unserer Gegenwart gilt es als völlig normal, dass alle andauernd alles über sich in die Welt hinaustrompeten, selbst das, was allen anderen am Arsch vorbeigeht. Privatsphäre wird obsolet in dem Maß, in dem der Begriff die Bedeutung ändert. Heutzutage gilt zunehmend: Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch keine. Das war einmal anders. Das Private freiwillig öffentlich zu machen galt damals als eher eitel. Damals setzte die Karriere aufs Spiel, wer sich nackt zeigte. Schönheitsoperationen waren ein Tabuthema, Krebserkrankungen ebenfalls. Und Frauen, die nicht nur wussten, was sie wollten, sondern die das obendrein auch noch kundtaten, die kamen höchstwahrscheinlich von einem anderen Stern.
Allein schon unter dem Aspekt der Veränderung gesellschaftlicher Konventionen ist die Künstlerinnenbiografie Ich will alles. Hildegard Knef von Luzia Schmid unbedingt sehenswert. Auch wegen des üppig zum Einsatz kommenden Archivmaterials aus sechs Jahrzehnten: Selbstzeugnisse, Konzertmitschnitte, Auftritte in Talkshows. Hildegard Knef war eine begnadete Songschreiberin und so freut man sich sehr über die zahlreich dargebotenen Lieder. Dazu Interviews mit Verwandten, Freunden, Freundinnen, Weggenossen. Daraus ergibt sich das höchst lebendige Bild einer Frau mit Plan und Durchblick. Schmid wird „der Knef“ als Schauspielerin, Sängerin, Autorin, Entertainerin gerecht und würdigt sie als ebenso reflektierte wie artikulierte Person, die selbst bei dümmsten Fragen nie die Contenance verliert. Sie ist Profi durch und durch, also findet sie Antworten, die den Frager (meist sind es ja Männer) entlarven. Beispielsweise, dass in ihrem Beruf nun einmal gutes Aussehen von einer Frau erwartet werde und ein Facelifting daher ein geeignetes Mittel sei. In den Siebzigern war das, und die ganze Republik zerriss sich über die Knef das Maul; wie zuvor schon über ihre Krebserkrankung; und davor über ihre Überheblichkeit, in den USA Karriere machen zu wollen (woraus nichts wurde). Nicht zu vergessen der Riesenskandal, den sie 1951 in Willi Forsts Die Sünderin verursachte, in dem sie sekundenkurz und eh nur im Hintergrund nackt zu sehen war. Dass der Film zudem Prostitution und Suizid thematisierte, tat ein Übriges. Es ist noch keine hundert Jahre her … sehen Sie und staunen Sie.
