Identities – Gender ohne Mainstreaming

Gender ohne Mainstreaming

| Hans Christian Leitich |

Das ganz Private als thematische Grundlage für ein Filmfestival kann, bei allen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Begründungen, leicht albern wirken. Dem Wiener Queer Film Festival identities gelingt mit einem großen Bogen seine Rechtfertigung.

Intimes Leben, akademisch angegangen: Wer einem Lehrbuch entnimmt, der moderne Mensch sei ein „selbstbestimmtes Gender-Konstrukt“, und dies salopp geistesgegenwärtig in ein „Tu, wonach dir ist“ übersetzt, der ist schon mal auf der sicheren Seite. Frei von Büchergläubigkeit und Autorenverehrung kann danach zu Romanliteratur gegriffen werden, um Vorschläge für sozial verträgliche Umsetzung Revue passieren zu lassen – und mittlerweile gibt’s davon wohl für jeden Menschentypus ein paar Laufmeter. Im Wissen um jene wechselseitige Verflechtung von Kunst und Leben, welche Zivilisation eben ausmacht, sollte dabei sicherheitshalber bei Autorenbiografien nachgewassert werden, um herauszufinden, wie es die denn selber hielten – auch hier im Wissen, dass die schreibende Zunft mitunter recht exzentrisch bevölkert ist.

Romantik

Leinwand-Romanzen sind ein äußerst Roman-nahes Genre. Die Bücher sind in der Regel voller Regieanweisungen und ihrerseits schon ein Spiel mit Konventionen, und vielleicht liegt es daran, dass Filmvarianten auch dann unterschätzt und übel beleumundet – kurzum: nicht festivalwürdig – bleiben, wenn die Regie sehr wohl mit Nuancen und Überraschungen brilliert. Nun hat ein der Gender-Vielfalt gewidmetes Festival wie identities programmatisch die Lizenz zur Berücksichtigung. Und da die Filme von der stärksten aller Genrekonventionen, der eines auf Begründung einer Kleinfamilie hin verengten Finales, befreit sind, können lebensbejahende, kleine Multipersonen-Juwele wie der in der Latino-Community von L.A. angesiedelte Quinceañera (Richard Glatzer und Wash Westmoreland, 2006) sich entfalten. Es ist dies eine sehr aufrichtige Filmerzählung – und zeigt damit auch eine typische Qualität des Romanzen-Genres – und eine unterschätzte: Denn stimmt das Showbiz-Sprichwort überhaupt, dass wir ja alle nur belogen werden wollen?

Stichwort „Illusionsmaschine“: Sehr dicht prasseln im Film bisweilen die Informationen, und meist ist es nicht einfach herauszubekommen, wer bei diesem Teamprodukt welche beigesteuert hat – und warum. Auch dem kontrollsüchtigstem Regisseur mag es entgehen, wenn sein Star etwa durch ein kleines, kaum merkbares Zwinkern eine alternative Botschaft ans Publikum sendet: das vielfärbig schillerende Feld des Camp. Gerade in Zeiten des DVD-Sofas: Das Kino mit seiner Hundertschaft an auch aufeinander reagierenden Augenzeugen ist da eine großartige Einrichtung, um derlei Subtilitäten und Doppelbödigkeiten zu entschlüsseln – spätestens beim aufgeregten Austausch von Eindrücken im Foyer danach. Popquiz aus Anlass der Wiederaufführung: Wie sähe in Todd Haynes’ Neo-1950er-Melo Far From Heaven (2002) das durchaus greifbare, aber dann doch verfehlte Ideal-Happyend aus? (Zuschriften an die Redaktion). Jedenfalls bietet Wiens biennales Queer Film Festival, das zweitgrößte internationale Filmereignis der Stadt, einen Rahmen für jene, die sich in den Wertewelten des aktuellen Mainstream-Kinos nicht aufgehoben fühlen.

Wobei die Kernzielgruppen, ursprünglich oft Verunsicherte, meist aus Erfahrung frühzeitig lebensweise sind. „Dass das Leben eigentlich schön sein könnte, in Wirklichkeit aber ziemlich problematisch ist, dafür brauch ich kein Kino, dass weiß ich auch so“, brachte es eine Stimme auf den Punkt – um verschmitzt hinzuzufügen: „Da geh ich oft lieber in Hetero-Komödien, da erfahr ich mehr.“ Was umgekehrt natürlich ebenso gilt – und damit den didaktischen, einer entspannten Liberalität zuarbeitenden Charakter von identities ergibt. Das höchste Ziel des Festivals sei schließlich, so Festival-Leiterin Barbara Reumüller, seine Selbstabschaffung. Auch eine formal brillante Dokumentation wie Au-delà de la haine (Jenseits des Hasses, Olivier Meyrou, 2005), die das kleinstädtische soziale Umfeld eines Schwulenmordes durch jugendliche, diffus rechtsgerichtete Rowdies unter die Lupe nimmt, hat nun mal das Ziel, dass Dokus wie diese in Zukunft nicht mehr gedreht zu werden brauchen. Leider sieht es derzeit nicht danach aus.

Queer Classics

Technologische Umschwünge führen zu Verunsicherungen in der Aufbruchsstimmung – und dazu, dass politisch wie künstlerisch zuerst einmal die statistisch breite Mitte bedient wird. Die Orchideen haben Sendepause – das war beim Radio so, beim Kino, beim Fernsehen, und jetzt auch bei der so genannten „digitalen Revolution“. Anlass somit für einen großen, ein Vierteljahrhundert umspannenden historischen Rückblick auf das, was im Kino Platz hatte und haben sollte, an dieser Stelle ausgeführt anhand von zwei Beispielen des Queer Cinema: Da durfte etwa Daniel Day Lewis in My Beautiful Laundrette (Mein wunderbarer Waschsalon) ein raues homophiles körperliches Beben an den Tag legen, um über das Objekt der Begierde die Rechte der pakistanischstämmigen Minderheit einzufordern – ein frühes Werk aus 1985 von jenem Stephen Frears, der seither wohl jedes Segment Britanniens jenseits des angelsächsischen Mainstreams durch emanzipatorische Werke filmisch gewürdigt hat – mit immer stärker merkbaren Alterungserscheinungen. Oder man erinnere sich an Carmen Maura, die 1986 in La ley del deseo (Das Gesetz der Begierde) mit komödiantischem Überschwang als Transsexuelle nur mit ein paar Worten und Takten an Gesang all die Angst vor und Verachtung für Frauen hinter klerikaler Marienverehrung bloßlegte. In diesem noch nicht bei Verrätselung Schutz suchendem Frühwerk von Almodóvar konnte auch Antonio Banderas, lange vor Brokeback Mountain, vorführen, dass ein sich selbst gewisser Schauspieler keine Scheu vor intensiven Schwulenrollen haben zu braucht. Vielsagendes Detail: Kopien beider Filme waren schwer aufzutreiben – Empfehlung also für ein kollektives Wiedersehen. Empfehlung auch für die breite Festival-Palette an sehr jungen Ansätzen eines Queer-Kinos, das eine diesbezüglich Periode der Dürre beenden könnte und sollte.

Ein zweiter Faktor liegt in der Rhetorik eines „Kampfs der Kulturen“, der sich in der vergangenen Dekade über die Politik und dann auch über die Kulturbranche legte und Themenfelder bestimmte. Gender-Orthodoxien aller Couleur drängten vor, und so vielsagend wie dämlich war dabei etwa das Populärwerden von Houllebecqs Begriffsschöpfung einer „Ausweitung der Kampfzone“. identities bietet nun eine Reihe von Länderschwerpunkten an, die jeweils gerne für ein ethnisches oder konfessionelles „Anderes“ herangezogen werden – um in schlicht humanistischer Weise durch Blicke auf Einzelpersonen und Gruppen das zu entlarven, was man den „kulturalistischen Kurzschluss“ nennt: das Überbetonen von Kollektividentität gegenüber Einzelidentität. Ein sprechendes Beispiel ist etwa der Schwerpunkt zu „Black Lesbians“. Welchen Stellenwert und welche Interpretation erfährt „Blackness“? So mögen die Butch Lesbians aus der Dokumentation The Aggressives (Daniel Peddle, 2005) vielleicht optisch Mike Tyson nacheifern – aber inkludiert das auch Ohrenabbeißen, oder wäre Letzteres bloß als schwüle Phantasie eines White Boy einzustufen? Womit der Schlenker zu einem humoristischen Highlight des Festivals getätigt wäre, zu Triple X Selects: The Best of Lezsploitation, einer Kompilation von Einschlägigem mit quasi automatischem Schwerpunkt auf den 70er Jahren. Und da fragt sich: Werden sich im Publikum viele ideelle Nachfahren der Kernzielgruppe finden, Tagträumer, die sich jeden Moment durch die Tapetentür im Bildhintergrund kommen sehen („Excuse me, Ladies, do you need some assistance?“)? Hetero-Pärchen, die danach Gründe zum Zanken haben? Oder werden jene Zuseherinnen eindeutig überwiegen, welche den Naturalismusgehalt des Gezeigten laut belächeln?